Das Match zweier Alpenländer

Was Österreich und die Schweiz neben der Euro ’08 noch verbindet. Und was sie voneinander unterscheidet. Das Match zweier ­ungleicher Alpenländer.

Dümmer hätte es kaum laufen können. Ausgerechnet in Basel, wo die Schweiz als Euro-Gastgeber am 7. Juni gegen Tschechien die Fußball-Europameisterschaft eröffnen wird, musste die Polizei vergangenes Wochenende mit Tränengas und Gummigeschossen gegen randalierende Anhänger des FC Basel und FC Zürich vorgehen. 47 Personen wurden bei den Ausschreitungen verletzt. Die Causa bringt die Schweizer Euro-Organisatoren in Erklärungsnotstand und wirft Fragen nach der Sicherheitssituation in den Schweizer Stadien auf – und das vier Wochen vor EM-Start. Von offizieller Seite ist man zwar um Be­ruhigung bemüht. So sagt Christian Mutschler, Euro-Turnier­direktor der Schweiz, dass während der Europa­meisterschaft jeder Besucher zweimal kontrolliert werde, dass es mehr Sicherheitspersonal geben wird und während des Turniers ein striktes Alkoholverbot in den Stadien herrsche. Dennoch: Das öffentliche Image der Schweizer als Vorzeige-Gastgeberland ist angekratzt und sorgt bis zum Startschuss am 7. Juni für erhöhte Nervosität.

Planungsweltmeister Schweiz. Das ist eigentlich ungerecht. Denn die jüngsten Fan-Ausschreitungen treffen das Schweizer Euro-Organisationsteam auf dem falschen Fuß. Bis zum vergangenen Wo­chenende lagen nämlich die Eidgenossen gut auf Kurs, und das Land schien startklar für das große Fußballfest im Juni. Mehr als 13 Millionen Euro steckten die Schweizer Regierung und die vier Gastgeberstädte Bern, Basel, Genf und Zürich in die Tourismus- und Standortbewerbung des Landes. Im Vergleich: In Österreich wurden nur sieben Millionen Euro in eine Imageoffensive investiert.
Auf allen großen Schweizer Flug­häfen und Bahnhöfen begrüßen über­dimensionierte Euro-Plakate ausländische Gäste, die vier Euro-Städte haben eigene Verkehrsleitpläne für die erwarte­ten zwei Millionen Besucher entwickelt, die Flughäfen und die Schweizer Bundesbahnen werden Extradienste schieben. Und Taxifahrer und Bedienstete von öffentlichen Verkehrsbetrieben besuchen Höflichkeitskurse für den Umgang mit den Touristen. Das Ziel ist klar: „Die Schweiz hofft auf eine Imagekorrektur. Im Moment werden die Schweizer als pünktlich, zu­verlässig, aber auch als kleinkariert und zurückhaltend wahrgenommen. Wir wollen der Welt zeigen, dass wir Spaß ver­stehen und sympathisch sind“, sagt der ehemalige Olympiasieger in der Nordischen Kombination, Hippolyt Kempf, der als Berater für die Schweizer Euro-Organisatoren wirkt.

Tourismusvorbild Österreich. In Ge­sprächen über Gastfreundschaft, Schmäh und touristische Vorbilder fällt in der Schweiz immer wieder der Name Österreichs. Vor allem der österreichischen Freundlichkeit in der Gastronomie und Hotellerie wollen die Schweizer in den drei Wochen der Fußball-Europameisterschaft Paroli bieten. Denn im Tourismus ist Österreich der Schweiz tatsächlich eine Nasenlänge voraus: Während die Tourismusbranche hierzulande etwa neun Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beisteuert, liegt der Anteil in der Schweiz nur bei sechs Prozent. Und im Jahr 2004 lagen die Pro-Kopf-Einnahmen der Österreicher aus dem Tourismus bei 1.516 Euro, in der Schweiz bei 1.117 Euro.

Die Schweizer Touristiker sind den Österreichern allerdings dicht auf den Fersen. Als Alpenland punktet auch die Schweiz als Land der Erholung, und dieser Vorteil soll in der Zukunft noch weiter ausgebaut werden. Zum Beispiel im Naturschutzgebiet Entlebuch im Kanton Luzern. Zwar begrüßt der Direktor Theo Schnider Besucher traditionell mit dem Alphorn, setzt aber in der Vermarktung seiner Region auf sanften Tourismus, der Wirtschaftsentwicklung und Natur zu­gleich nachhaltig stärkt: „In unserem ersten Schweizer Naturpark werden Kinder wie Bauern mit ins Boot geholt.“
Bahnfahrernation Schweiz. Klar vorn im Vergleich zu Österreich liegt die Schweiz hingegen beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Neben günstigen Tarifen im Personenverkehr betreibt die Schweiz auch seit zehn Jahren eine konsequente Verlagerungspolitik des Güterverkehrs auf die Schiene. 66 Prozent des Güterverkehrs werden in der Schweiz über die Bahn abgewickelt, in Österreich liegt der Schienenanteil im Alpenverkehr dagegen bei lediglich 24,2 Prozent. Neben dem Bahnausbau lässt auch die im Vergleich zu Österreich doppelt so hohe Lkw-Maut Frächter davor zurückschrecken, ihre Routen durch die Schweizer Alpen zu planen. Diese Lkw-Maut ist es auch, aus der die Schweiz den Bau ihrer beiden wichtigsten Eisenbahntunnel durch den Lötschberg (34 Kilometer) sowie durch den Gotthard (57 Kilometer) finanziert. „Umweltpolitik hat in der Schweiz einen hohen Stellenwert“, begründet auch der Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger den partei­übergreifenden Konsens für den Bahnausbau. Aber auch dieser Zusammenhalt hat Grenzen. Dann nämlich, wenn es um Kantonspolitik geht: Um Geld für den Bau des Gotthard-Tunnels (Kantone Uri und Tessin) zu sparen, wurde der Ausbau der zweiten Röhre im Lötschbergtunnel (Kantone Bern und Wallis) auf halbem Weg gestoppt. Daher führt nun eine 15 Kilometer lange, sinn­lose Röhre in den Berg. Ein Beispiel von vielen: Auch wenn sich Österreich mit seinen neun Bundesländern neun Landtage und ebenso viele Landesregierungen leistet, die Schweiz übertrifft das österreichische politische System mit seiner Komplexität allemal.

Kantönligeist ist angesagt. Neben dem Bund wird in 26 Kantonen und 2.715 Gemeinden Politik gemacht. Die starken Mitspracherechte reichen bis zur kleinsten staatlichen Einheit, dem einzelnen Bürger: Übers Gemeindebudget ebenso wie zu verfassungsändernden Themen wird alle drei Monate zur Abstimmung gebeten. Entscheidungen genießen nach dem direkt­demokratischen Prozedere zwar große Akzeptanz, werden aber auch häufig um Jahre verzögert oder wie der Schweizer EWR-Beitritt 1992 gleich gänzlich ver­hindert. Und auch das Schweizer EU-Beitrittsgesuch liegt seitdem auf Eis, wird gegenwärtig nicht mal weiter diskutiert. Stattdessen holt die Schweiz eine teilweise europäische Integration nun mit bilateralen Verträgen nach – „wenn auch mit einem Jahrzehnt Verspätung und nach erlittenen Wohlfahrtseinbußen“, urteilt Fritz Breuss, Volkswirtschafter am Europa­institut. „Der Vollbeitritt zur EU brachte Österreich einen Wachstumsimpuls von einem halben Prozentpunkt pro Jahr.“

Soziale Hängematte vs. Steuerparadies. Auch das „DACH“-Reformbarometer, eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, der Wirtschaftskammer Österreich und des Schweizer Thinktank Avenir Suisse, untermauert die Behäbigkeit der Schweizer Politik: Gro­ße Reformschritte kann die Schweiz im Dreiländervergleich mit 105,3 Punkten im Vergleich zu 2002 (100) nicht vor­weisen. Zwar belegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von 26.140 Euro der Schweiz 2007 einen höheren Wohlstand als in Österreich, wo der Durchschnittsbürger nur 19.603 Euro zur Verfügung hat. In der Sozialpolitik attestiert die Studie überhaupt Rückschritte: In den vergangenen fünf Jahren sank der Wert so­gar von 100 auf 91,8 Punkte im Jahr 2007. Einzig in der Steuer- und Finanzpolitik ist die Schweiz im „D A CH“-Vergleich führend – das aber nicht zuletzt wegen des starken Föderalismus.

Neben den Bundessteuern haben auch die Kantone und Gemeinden Steuer­hoheit. Das bringt Vorteile im Standortwettbewerb: Mit einer effektiven Steuerbelastung von insgesamt 24 Prozent lockt etwa der Kanton Zug Topqualifizierte in die Region, Familienabsetzbeträge noch nicht mit eingerechnet. Unternehmen dürfen sich dem aktuellen Steuerindex von Basel Economics zufolge noch mehr freuen: Die Schweizer Kantone Oberwalden mit 11,5 Prozent und Zug mit 13,7 Prozent werden an effektiver Unternehmensbesteuerung nur vom Steuerparadies Hongkong unterboten. Wegen steuerlichen Sonderregelungen, die ausländische Holdinggesellschaften noch zusätzlich bevorzugen, steht die Schweiz mit der Europäischen Union wegen vermuteter Wettbewerbsverzerrung im Dauer­clinch. Die Schweiz weist solche Vorwürfe jedoch vehement zurück. Nur einzelne Auswüchse, wie etwa ein Steuersatz in Oberwalden, wonach dieser mit zunehmender Höhe des Einkommens sinkt, wurden vom Schweizer Verfassungsgericht als verfassungswidrig eingestuft.

Global Player – Global Loser. Die österreichische Wirtschaft basiert vor allem auf KMUs, die Schweiz hingegen gilt in Europa als attraktiver Standort für multinationale Konzerne. Das bestätigt auch Thomas Held, Geschäftsführer des Thinktanks Avenir Suisse: „Die Schweiz ist internationalisierter und in mehr Ländern aktiv.“ Im Firmenranking der „Financial Times“ finden sich drei Schweizer Multis (Nestlé, Roche und Novartis) unter den Top 30. Der erste österreichische Topkonzern, die Erste Bank, folgt erst auf Rang 372.
Mit der UBS und der Credit Suisse ist die Schweiz auch am Finanzmarkt ein Global Player. Was nicht immer ein Vorteil sein muss: Während Österreichs Banken durch die weltweite Finanzkrise kaum be­troffen sind, zählen die UBS und die Credit Suisse zu den großen Verlierern der letzten Monate. So musste die UBS bislang fast 23 Milliarden Euro abschreiben. Das echte Ländermatch steigt aber erst im Juni. Dann wird sich bei der Euro ’08 zeigen, wer der Sieger ist. Ein erstes Aufeinandertreffen wäre am 19. Juni im Viertelfinale in Basel möglich. Österreich hat schon einmal die Schweizer vor eigenem Publikum geschlagen. 1954 in Lausanne.
Nach 0:3-Rückstand.

Von M. Madner, M. Pühringer (Schweiz)

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