Das ganze Land steckt im €uro-Fieber: Was das Fußballfest der Wirtschaft bringen wird

Siegeshoffnung nach ehrenhafter Niederlage. Nach der starken ersten Hälfte gegen Deutschland kann sich Österreich bei der Euro ’08 auch sport­liche Hoffnungen machen. Wirtschaftliche jedenfalls.

Es dürfte einmalig sein in der Ge­schichte des modernen Sports, was ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger einen Tag vor dem wichtigsten Testspiel 2008 bei einer Pressekonferenz halb ironisch von sich gab: „Ein Sieg wäre un­glaublich schlecht für uns.“ Mit anderen Worten: Gewinnen unerwünscht, weil ansonsten die Erwartungshaltung im Land sprunghaft ansteigen würde. Ob mit dem Motto, möglichst nicht gewinnen zu dürfen, überhaupt mehr als ein Blumentopf zu gewinnen sein wird, muss Hi­ckersberger künftig wohl in Trainerseminaren beantworten.

Zumindest in der ersten Hälfte des Spiels gegen Deutschland hielt sich die österreichische Elf auch gar nicht an die Empfehlung ihres ­Trainers und lieferte ein tadelloses Spiel ab – freilich gegen einen Fußballweltmeister, der in keiner Weise an seine Glanzleistungen von vor knapp zwei Jahren erinnerte. Und zumindest der Auftritt der österreichischen Fans war in jeder Phase Euro-würdig, mit Ausnahme des Pfeifkonzerts während der deutschen Hymne: 50.000 Fans sorgten im ausverkauften Happel-Stadion für ausgelassene Stimmung und zeig­-ten schon mal vor, was für einen respektablen Gastgeber Österreich im Juni abgeben könnte. Ganz gemäß der Bedeutung, welche die Fußballeuropameisterschaft für das Land haben wird, sportlich, gesellschaftlich, aber vor allem wirtschaftlich.

Eines ist nach dem Spiel gegen Deutschland klar: Spätestens jetzt ist der Zug in Richtung EURO auf Schiene und König Fußball auch bei den Österreichern angekommen. So zeigt etwa die monatliche Umfrage von Fessel-GfK für die Wirtschaftskammer, dass die Er­wartung der Österreicher bezüglich wirtschaftlicher Impulse durch die EURO von Jänner auf Februar sprunghaft um mehrere Prozent nach oben geschnellt ist.

ÖVP-Wirtschaftskammergeneral­sekretär Reinhold Mitterlehner sieht diese Ent­wick­­lung mit Freude: „Fußball hat einen immer höheren gesellschaftlichen Stellenwert. Neben einer klaglosen Organisation wird es aber besonders wichtig sein, das positive Image Österreichs als Tourismusland zu bestätigen.“ Acht Milliarden Menschen werden im Laufe der EURO die Spiele in Österreich und der Schweiz verfolgen. Eine ideale Gelegenheit, die Vielfalt eines Landes zu präsentieren. Mitterlehner wird mit seiner Einschätzung von mehreren Studien, die im Anschluss an die WM 2006 in Deutschland gemacht wurden, bestätigt. Demnach geht es bei der Ausrichtung einer zeitlich befristeten Großveranstaltung – die EURO ist nach den Olympischen Spielen und der Fußballweltmeisterschaft der drittgrößte Event weltweit – weniger um die unmittelbaren Auswirkungen auf die verschiedenen Branchen als vielmehr um die Langzeiteffekte.

So konnte sich Deutschland durch die Weltmeisterschaft ein nachhaltig posi­tives Image in der Welt verpassen. Die 80 Millionen Deutschen folgten dem Motto der WM ’06, „Die Welt zu Gast bei Freunden“, und präsentierten sich an­genehm locker, gastfreundlich, feierten vier Wochen lang ein Multikulti-Fest und veränderten damit das Bild von den Deutschen in der Welt. Die WM zeigte allerdings auch, dass die euphorischen Wachs­­tumsprognosen im Vorfeld zu hoch gegriffen waren.

In Österreich sind die offiziellen Verantwortlichen bemüht, diesen Fehler nicht zu wiederholen, und halten sich mit allzu überschwänglichen Prognosen zurück: Allein, bereits bevor das erste Tor gefallen ist, hat die EURO in Österreich für Infrastrukturinvestionen von 135 Millionen Euro gesorgt. So viel Geld ist bislang in den Ausbau, Umbau oder, im Fall Klagenfurts, in den Neubau der Stadien gesteckt worden. Allein in den vier österreichischen Stadien werden innerhalb der drei Wochen 550.000 Zuschauer erwartet, 400.000 davon kommen als Gäs­te aus dem Ausland. Nicht eingerechnet sind die Deutschen, Polen, Tschechen, Kroaten, Türken, Niederländer oder Schweden, die nur aus Partygründen nach Wien kommen. Es könnten Millionen werden. Und glaubt man den Prognosen, die Wirtschaftsforscher im Vorfeld der EURO anstellen, dann wird der Fan aus dem Ausland im Schnitt 128 Euro pro Tag ausgeben.

Kein Wunder, dass sich vor allem die Tourismusbranche auf den Megaevent freut. Die Hotellerie rechnet mit einem Plus von 50 Millionen Euro, in Wien sind die Vier- und Fünfsternehotels so gut wie ausgebucht. In Klagenfurt wurden bereits vor einem Jahr alle 3.000 Hotelbetten während der EURO vom Reiseveranstalter Kuoni gebucht. Restplätze gibt es nur noch am Campingplatz.

Stichwort Fan-Camp: In allen vier Host-Cities werden Fan-Camps mit eigener Security, Partybereichen und getrennten Schlafräumen für Männer und Frauen für 15 bis 20 Euro die Nacht und Schlafsack organisiert. Allerdings werden auch diese insgesamt knapp 10.000 Schlafplätze kaum ausreichen, allen Anreisenden ein Dach über dem Kopf zu bieten. Ein Grund, warum auch der private Woh­nungs­markt bis Juni nachgerade boomen wird.

Etwas skeptischer ist man bezüglich der positiven Auswirkungen der EURO im heimischen Handel. „Die Fans kommen und saufen Bier, die werden wohl kaum die Geschäfte stürmen“, gibt man sich im EM-Team der Wirtschaftskammer eher verhalten. Auch der Handelsexperte Peter Györffy schätzt, dass der sportliche Mega­event nur wenige Segmente des Handels positiv beeinflussen wird.

Der Wiener Handelsobmann Fritz Aichinger freut sich hingegen auf die Fußballparty: „Ich bin froh über die Euro. Dass man in Österreich gut Ski fahren kann, weiß ohnedies ein jeder.“ Er rechnet in Segmenten wie Länder­trikots, Fußbällen und Sportschuhen mit Umsatzzuwächsen von bis zu 30 Prozent. Allerdings nur zeitweise, für einen langfristigen Aufwärtstrend fehlten hierzulande einfach fußballerische Leitbilder.

Sicher profitieren werden hingegen die österreichischen Elektrohändler. Vor allem Flachbildfernseher und Projektoren werden in den Monaten vor der EURO weggehen wie warme Semmeln, heißt es im Elektrohandel. Alleine die maximal fünfzigprozentigen Umsatzsteigerungen bei den flachen Fernsehern, von denen Ex­perten für die Monate April bis Juni ausgehen, würden gemessen an den Letzt­jahresumsätzen rund 180 Millionen ausmachen. Der Umstand, dass der ORF die Spiele in der hochauflösenden HD-Qualität ausstrahlt, ließe die Kunden zu­dem zu eher hochwertigen Geräten greifen. Und letztlich wurde dieser Tage auch eine Einigung über die Ladenöffnungszeiten in Wien erreicht: An den vier Sonn­tagen dürfen Geschäfte zwischen zwölf und 18 Uhr offen halten.

Bleibt die große Unbekannte „Public-Viewing“: Die Schweizer Fangemeinde hat in Wien bereits die prominente Strandbar Herrmann für den Juni angemietet. Und BA-CA-Chef Erich Hampel kündigt an, in der Wiener Innenstadt ein „Public Viewing zu organisieren, das alles bisher Dagewesene übertreffen wird. Mehr dazu in den nächsten Wo­chen.“

Von M. Pühringer, H. Kickinger, A. Müller, N. Stern

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