Das große FORMAT-Special zur EU-Osterweiterung: Die Zukunft Europas

25 Länder, 450 Millionen Menschen, 2.500 km Durchmesser: Der 1. Mai katapultiert die EU in eine neue Dimension.

Es ist ein Tag, wie ihn der Alte Kontinent noch nicht erlebt hat. Ein historischer Tag, an dem weder Mauern einstürzen noch Kriege zu Ende gehen, ein Tag vielmehr, an dem gegen 17 Uhr eine Schar von Kindern aufmarschiert. Sie kommen aus 25 Nationen, tragen jeweils ihre Landestracht und singen gemeinsam Ludwig van Beethovens „Ode an die Freude“ – die Europa-Hymne.

Zu der Zeremonie am 1. Mai in der Dubliner Residenz der irischen Präsidentin versammeln sich Staatsoberhäupter aus 25 Ländern – unter einer Flagge, dem blau-goldenen Sternenbanner Europas. Sobald es an diesem Samstag im Wind flattert, ist offiziell ein Ziel erreicht, an das über weite Strecken des vorigen Jahrhunderts kaum jemand mehr zu glauben wagte: die Vereinigung Europas.

Bereits in der Nacht zum 1. Mai steigt im Berliner Konzerthaus und im Warschauer Kulturpalast die Simultangala „Welcome Europe“ – mit Musikgrößen aus den 15 alten und den zehn neuen EU-Staaten. Höhepunkt wird die Liveschaltung nach Malta; das kleinste Beitrittsland veranstaltet das größte Feuerwerk, untermalt von einem Soundtrack des ehemaligen Pink-Floyd-Musikers Roger Waters.

Die Dimensionen sind faszinierend.

Von Malta nach Dublin sind es gut 2.500 Kilometer. Geografisch wächst Europa gewaltig, reicht nun von Rom bis Riga und von den Kanaren bis zu den Karpaten. Die Entfernung von Gibraltar an der Südspitze Spaniens bis zum finnischen Utsjoki ganz im Norden entspricht etwa der Strecke von Boston nach San Diego quer durch die USA. Nie zuvor hat die EU einen derartigen Quantensprung gemacht, so viele Länder aufgenommen, so viele unterschiedliche Kulturen integriert und sich hinsichtlich ihrer Fläche und Bevölkerungszahl dermaßen ausgedehnt. Noch nie in der Geschichte gab es ein vereintes Europa, das so groß war, so vielfältig und so frei.

25 Länder, 450 Millionen Einwohner (mit Bulgarien und Rumänien im Jahr 2007 sogar 27 Länder, 480 Millionen Einwohner). 21 Sprachen, mehr als 500 Minoritäten, 40.000 Kilometer Küste. Ein Kontinent der Vielfalt, von Spaniens Wüsten bis zu Skandinaviens Gletschern, von Griechenlands Olymp bis zu Irlands heiligem Berg Croagh Patrick, von den Sanddünen der Kurischen Nehrung (Litauen) bis zum Felsen der Aphrodite (Zypern). Zwar sind die USA flächenmäßig mehr als doppelt so groß, aber in der EU leben 170 Millionen mehr Menschen. Und: Das dicht besiedelte Europa verfügt über den größten Binnenmarkt der Welt, ist Amerika schon jetzt wirtschaftlich ebenbürtig, an Exportkraft sogar deutlich voraus.

Ob Porsche oder Prada, Nokia oder Nivea:

Immer mehr europäische Markenprodukte sind weltweite Absatzrenner. Airbus verkauft inzwischen mehr Flugzeuge als Boeing. Touristen aus aller Welt bestaunen Europas einzigartige Altstädte. Früher gingen sie nach Amsterdam oder Venedig, inzwischen wissen sie, dass es in Budapest genauso schön sein kann wie in Barcelona und dass es nicht nur in Frankreich wunderbare gotische Kathedralen gibt, sondern auch in Rumänien.

Noch vor zwanzig Jahren war es kaum möglich, von London aus in Prag anzurufen. Heute sind selbst die hintersten Winkel des Baltikums erreichbar. Europa ist weltweit führend im Gebrauch und in der Herstellung von Handys. Mobilität in allen Bereichen – junge Deutsche leisten Zivildienst in der Slowakei oder studieren in Litauen; estnische Models zieren die Cover italienischer Magazine; Wizz Air, eine neue Billiglinie aus Ungarn, fliegt demnächst westwärts zu zehn Destinationen. Und seit Jahren schon ist die schöne neue Welt der Hennes-&-Mauritz-Kette oder der Obi-Baumärkte auch tief im Osten Europas zu bestaunen.

Der 1. Mai 2004 ist ein historisches Datum, doch so richtig vorwärts geht es erst danach. Das große weite Euroland soll Weltmacht werden, geopolitisch, wirtschaftlich, kulturell und womöglich auch militärisch – ein Global Player, der Schritt halten kann mit den USA und den Tiger-Ökonomien Asiens. Nicht innerhalb von Jahren, aber binnen Jahrzehnten erscheint dies machbar – eine Aufgabe für die nächsten Generationen.

In Brüssel, wo das Heer der EU-Bediensteten durch die Beitritte auf 40.000 Personen anschwillt, reichen die Pläne bereits bis 2013. Schon zuvor
soll die EU nach dem Willen ihrer Grundlagenkommission zur „weltweit wettbewerbsfähigsten Wissensgesellschaft“ ausgebaut werden; bereits jetzt läuft das mit Amerikas Fulbright-Stipendien vergleichbare Programm Erasmus Mundus an, das 5.000 außereuropäische und 4.000 europäische Elitestudenten fördert.
Die vereinte Großmacht setzt auch nach außen ihre politischen Vorstellungen durch.

Wegen Monopolmissbrauchs ging Wettbewerbskommissar Mario Monti kürzlich gegen Microsoft vor – Amerikas IT-Gigant muss in der EU zwei Versionen seines Windows-Programms anbieten oder Hunderte Millionen Euro Bußgeld zahlen. Noch mehr müssen US-Firmen bluten im Zuge der aktuellen EU-Sanktionen gegen amerikanische Exportvergünstigungen, die die Welthandelsorganisation (WTO) für illegal erklärte.

„Wirtschaftlich ein Riese, politisch ein Zwerg, militärisch ein Wurm“, spottete ein belgischer Minister vor 25 Jahren über Europa, doch auch auf dem Alten Kontinent sind Politiker dabei, neue Strategien zu entwickeln, vor allem in Paris. „Die immerhin 60.000 Mann starke Eingreiftruppe der EU“, rechnet Frankreichs Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie vor, „ist mit 400 Flugzeugen und 100 Schiffen binnen 60 Tagen mobilisierbar.“ Zusätzlich will sie 1.500 Elitesoldaten aufstellen, die innerhalb von 48 Stunden am Krisenort sind.
„Das“, so die Ministerin, „ist einmalig auf der Welt.“

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