Das Ende des Job-Wunders in Österreich:
Arbeitslosenzahlen steigen 2009 wieder an

Die Zahl der offenen Stellen sinkt, 2009 steigt die Arbeitslosigkeit. Welche Branchen abbauen, wer trotzdem Beschäftigte sucht.

Der Schritt sei „notwendig, um konkurrenzfähig zu bleiben“, meint Monika Kircher-Kohl, die Chefin von Infineon in Österreich. Eine „rein betriebswirtschaftliche Entscheidung“ nennt es der Österreich-Geschäftsführer des Sitzgurteherstellers TRW, Hermann Hauser. „Wir müssen die Fakten zur Kenntnis nehmen“, sagt Glanzstoff-Boss Helmut Stalf. Die Folgen dieser drei „Fakten“ und „Schritte“: mehr als tausend verlorene Arbeitsplätze in Österreich. Von der Industrie bis hin zum Handel, von Paradeunternehmen wie Siemens und Swarovski bis hin zu Kleinbetrieben: Überall wackeln Jobs.

Und das ist neu. Mehr als zwei Jahre lang erlebte Österreich ein wahres Jobwunder: 30-mal in Folge durften Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und das Arbeitsmarktservice (AMS) Rekordzahlen vermelden, die Zahl der offenen Stellen stieg stetig. „Das ist nun vorbei“, sagt ­Johannes Kopf, Leiter des AMS. „Das Jobwunder neigt sich dem Ende zu. Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit derzeit noch – doch 2009 wird sie steigen.“ Das zeigen die Frühwarnzeichen: Im Juli sank erstmals die Zahl der offenen Stellen, der Trend hält im August an. Bei älteren Arbeitnehmern steigt die Arbeitslosigkeit schon seit ein paar Monaten, bei den Jüngsten sinkt sie kaum mehr. Und die Leiharbeitsunternehmen merken die sinkende Nachfrage nach Arbeitskräften schon deutlich. „Vor allem vonseiten der Industrie und des Baus gehen die Kundenanfragen zurück“, sagt Irmgard Prosinger von der Zeitarbeitsfirma Trenkwalder. „Das ist beunruhigend, denn wir haben heuer immer noch mehr Arbeitslose als im Jahr 2000“, gibt Josef Wallner von der AK zu bedenken. Rudolf Kaske von der Dienstleistungsgewerkschaft vida sagt: „Am Arbeitsmarkt kommen Probleme auf uns zu.“ Dafür gibt es fünf Hauptgründe.

1. Konjunktur schwächt sich weltweit ab. Das Ende des Job-Booms ist kein öster­reichi­sches Phänomen. Spanien ist nach sieben Jahren Wirtschaftswunder an die letzte Stelle der EU-Länder gerutscht – die Arbeitslosenquote ist mit 10,7 Prozent schon höher als in der Slowakei, dem langjährigen Schlusslicht. Regierungschef José Luis Zapatero bietet nun Migranten ein Flugticket und eine Prämie an, wenn sie das sinkende Schiff verlassen, Hunderttausende Latein­amerikaner kehren in ihre Heimat zurück. Auch in Deutschland und Frankreich (7,5 %) sind die Prognosen für 2009 düster.

Am Anfang war es „nur“ eine Finanzkrise , die vor genau einem Jahr in den USA ausgebrochen ist. „Die Realwirtschaft folgt mit zwei bis drei Quartalen Verzögerung, nach einem weiteren halben Jahr schlägt die abgeschwächte Konjunktur auf den Arbeitsmarkt durch“, erklärt Johannes Kopf. Besonders betroffen sind davon zunächst Betriebe, die für den Export produzieren: Sinkende Nachfrage, ein schwacher Dollar in Kombination mit steigenden Löhnen in Österreich gibt Unternehmen nur wenig Spielraum. „Das Massengeschäft ist in Europa nicht mehr möglich. Man muss schauen, dass man den Sprung zu einer maßgeschneiderten Fertigung für die Region schafft“, sagt Hans Lang vom Leiterplattenhersteller AT&S. Was heißt, dass hierzulande die Kapazitäten eher ab- als ausgebaut werden.

Auch viele andere Betriebe sind vom hohen Eurokurs betroffen. „Österreich verdient sechs von zehn Euro im Export“, sagt Wirtschaftskammerpräsident Chris­toph Leitl. Derzeit gleichen hohe Exporte nach Mittel- und Osteuropa, Russland und in die OPEC-Länder den Dämpfer noch aus – doch auch dort ist Abschwächung zu erwarten. Beim Tiroler Kristallhersteller Swarovski wird die Zahl der Mitarbeiter um mehrere Hundert reduziert. Ob 2009 angesichts der Schwäche in den USA weitere Abgänge notwendig sein werden, kann man vonseiten des Unternehmens noch nicht sagen. In der Sachgüterproduktion allgemein wird die Zahl der Beschäftigten 2009 um 1,2 Prozent sinken. „Die Industrie- und Sachgüterproduktion hat in Schwächephasen immer schnell Arbeitskräfte abgebaut – Anfang dieses Jahrzehnts waren es 10.000. Damit kann man jetzt auch rechnen“, meint Ewald Walters­kirchen vom Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO.

2. Hohe Rohstoff- und Energiekosten. Dazu kommen die ebenfalls infolge der Finanzkrise enorm gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten. Österreich ist davon unterschiedlich betroffen. Die österreichische Papierindustrie etwa profitiert – im Gegensatz zu den schwächelnden Deutschen – vom Ökostromgesetz, das die Einspeisung von Strom aus Lauge fördert und damit die Konsequenzen der hohen Strompreise mildert. Voll erwischt hat es die Autozulieferer – die hohen Benzin- und Dieselpreise regen derzeit nicht zum Autokauf an, und das besonders in den USA. Der steirische Zulieferer Lear baut Personal ab, der Autotextil-Produzent Eybl in Niederösterreich ist in die Krise geraten, und der Gurtenhersteller TRW in Salzburg stellt die Produktion ein. Für Magna-Sprecher Daniel Wizzani ist die globale Autoindustrie immer noch ein Wachstumsmarkt. „Allerdings spielt sich das Wachstum außerhalb der traditionellen Märkte wie Nordamerika und Europa ab.“ In einen Kostenwettbewerb mit Asien zu treten sei für die Standorte in Europa nicht möglich. „Also müssen wir hier auf Know-how, Innovation und Forschung setzen“, sagt Wizzani. Magna beschäftigt in Österreich derzeit 14.000 Mitarbeiter. „Daran wird sich heuer substanziell nichts ändern.“

Auch in der Bauindustrie geht man weiter davon aus, dass das Geschäft gut laufen und die Zahl der Arbeitsplätze hoch bleiben wird, wie Porr-Chef Wolfgang Hesoun, Präsident der Vereinigung industrieller Bauunternehmungen, sagt. Doch der Optimismus hängt großteils an öffentlichen Aufträgen. Brechen die Investitionen der Industrie ein, trifft das jedoch die Bau­wirtschaft: Das AMS rechnet vor allem bei viel Schnee mit stark steigender Arbeitslosigkeit im nächsten Winter.

3. Inflation und Konsumflaute. Infolge der hohen Energiepreise stiegen auch die Nahrungsmittelpreise – und damit bleibt den Österreichern weniger Geld fürs Shopping. „Die Binnennachfrage schwächt sich wegen der Inflation deutlich ab, das trifft natürlich vor allem den Handel“, erklärt Ewald Walterskirchen. „Die Inlandsnachfrage kann also die Schwächung im Export nicht ausgleichen.“ Die Stimmung ist derzeit so schlecht wie nie: 74 Prozent
der Österreicher sind der Meinung, ihr ­Lebensstandard sei seit dem Vorjahr gesunken, 67 glauben, nächstes Jahr werde es ihnen noch schlechter gehen, ergab ­Anfang August eine Erhebung von IMAS. Das ist der schlechteste Wert, seit diese Daten erhoben werden. Die Folgen: Textilhandelsunternehmen wie Adler oder Schöps müssen den Gürtel enger schnallen – Standorte werden abgegeben. Viele reduzieren erst die Stunden der Teilzeit­beschäftigten, bevor sie Stellen abbauen (s. Kasten Seite 31). „Die Teilzeitbeschäftigung im Handel wird weiter zunehmen“, sagt Günter Steinlechner von der Wirtschaftskammer Wien. Derzeit sind im Handel gut 500.000 Mitarbeiter beschäftigt, die Hälfte davon bereits in Teilzeit. Ein weiterer wichtiger Grund für die Unlust am Konsum sind die sinkenden Real­löhne. Trotzdem warnen Wirtschaftsforscher wie Bernhard Felderer (IHS) und Karl Aiginger (WIFO) davor, die Löhne zu stark anzuheben: Denn das zwinge die Betriebe dazu, ihre Preise zu erhöhen – und treibe damit die Inflation weiter an. Hebt die Europäische Zentralbank daraufhin die Zinsen an, wird die Konjunktur noch ein weiteres Mal gedämpft.

4. Auslagerungen. Hohe Löhne sind auch der Grund dafür, dass schon in den letzten 15 Jahren immer mehr Betriebe in Österreich ihre Pforten schlossen und die Produktion in Billiglohnländer verlagerten. Die derzeitige Konjunkturlage wird nun weitere Betriebe ins Ausland zwingen. Der Gurtenhersteller TRW etwa, der derzeit in Salzburg die Produktion einstellt und mehr als 500 Mitarbeiter entlässt, verlagert seine Produktion nach Polen und Tschechien. Auch Trenkwalder verzeichnet eine steigende Nachfrage von Industriefirmen, allerdings in Osteuropa.

5. Auswandernde Headquarter. Auch hochqualifizierte Jobs sind von der Trendwende am Arbeitsmarkt nicht verschont. Das liegt unter anderem daran, dass immer mehr Konzerne, die von Wien aus ihre Mittel- und Osteuropageschäfte steuern, ihre Headquarter weiter in den billigeren Osten verlagern. Jüngstes Beispiel dafür ist IBM, wo man allerdings betont, dass die Zahl der Arbeitsplätze in Österreich nicht sinken wird.

Wo es noch Jobs gibt. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten steht Österreich nach wie vor gut da. Im Tourismus, im Gesundheitswesen wird weiterhin eingestellt, und trotz steigender Arbeitslosigkeit rechnet man auch 2009 mit Fachkräftemangel. Die Beschäftigung wird parallel zur Arbeitslosigkeit ebenfalls weiter steigen – wenn auch nicht in der Sachgüterproduktion. Denn auch derzeit werden Mitarbeiter gesucht: So will McDonald’s mithilfe des AMS 144 Stellen neu besetzen, auch der Reinigungsdienstleister ISS und Ikea suchen Beschäftigte.
Aber der große Boom sah anders aus.

Von Miriam Koch, Corinna Milborn

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