Das Duell um den Kanzler

Die Ausgangsposition. SPÖ und ÖVP liegen nahe beisammen. Wer die 300.000 am Markt befindlichen FP-Wähler lukriert, gewinnt die Wahl 2002. Der rot-schwarze Zweikampf. Trotz guter Werte seiner Partei gelingt es SPÖ-Chef Gusenbauer nicht, sich als Kanzlerkandidat zu profilieren. Finale im November. Für ÖVP-Chef Schüssel ist es die letzte Schlacht: Wird er nicht noch einmal Kanzler, ist seine politische Karriere zu Ende.

Es waren Wahlkampfauftaktveranstaltungen der improvisierten Art. Parlament, Säulenhalle, vergangenen Montag abend. Die Wiener ÖVP hat zu einer Führung durchs Hohe Haus geladen, sorgfältig herausgeputztes Publikum aus den bürgerlichen Bezirken war gekommen. „Wie Sie sehen“, schulmeistert Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat ihre Gruppe, „sitzt die ÖVP hier im Plenum zwischen den Blöcken, genau in der Mitte. Und so sehen wir uns auch politisch: als Kraft der Mitte.“ „Wir sind der Qualitätsanker in der österreichischen Politik“, ruft Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wenig später in die Säulenhalle, dort, wo sich die über siebenhundert Gäste rund um Brötchenbüfett und Weinausschank versammelt haben. „Die ÖVP muß stärkste Kraft im Land werden.“

Zum selben Zeitpunkt im Arbeiterbezirk Wien-Ottakring, in der Mehrzweckhalle der SPÖ-Sektion 20. Eigentlich sollte SP-Chef Alfred Gusenbauer routinemäßig zur Bezirksleitersitzung erscheinen, doch seit genau vier Stunden herrscht Wahlkampf. Am Nachmittag hatte Bundeskanzler Schüssel Neuwahlen angekündigt, also hieß es umdisponieren, und zwar schnell. „GusenPower für ein soziales Österreich“ lautet der Spruch auf dem Plakat, das die furnierte Seitenfront der Saals schmückt. Ein paar Topffarne dienen als Schmuck, das ältere Publikum trinkt Bier aus weißen Plastikbechern. „Diese Wende ist am Ende“, ruft Gusenbauer vom Podium, „wir stehen für eine Politik mit Herz und sozialem Gewissen.“

Am linken und rechten Fuss erwischt
Keine großen Wahlveranstaltungen, keine lang geplanten Plakatserien, keine ausgearbeiteten Strategiekonzepte – der Wahlkampf für die Nationalratswahl am 24. November 2002 wird der kürzeste und der spannendste seit langem. Genau elf Wochen haben die Parteichefs Zeit, um ihre Position im Wettbewerb der politischen Persönlichkeiten zu festigen. Für jeden einzelnen von ihnen geht es diesmal um nicht mehr und nicht weniger als das nackte politische Überleben. Allen voran kämpft einer um seine Bestätigung im Amt: Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Nur wenn es ihm gelingt, die ÖVP zur stärksten Partei zu machen, ist seine Position als Kanzler und Parteiobmann in jedem Fall gesichert. Gelingt ihm das nicht, stehen im Dezember unruhige Tage bevor, der Grad der Erregung wird sich nach dem schwarzen Ergebnis richten: Schafft Schüssel mit den zernepften Blauen eine Mehrheit von jenseits der fünzig Prozent und kommt dabei nahe an die SPÖ heran, kann er mit den Roten um den Kanzler pokern. Motto: Ohne mich kommt ihr nicht in die Regierung, also müßt ihr mich zum Kanzler machen.

Adieu, Lagerwahlkampf
Das dominierende Match lautet nicht, wie lange erwartet, Rot-Grün gegen Blau-Schwarz. Dank der blauen Selbstzerstörung wird ein anderes Duell die Wahl prägen: der Kampf um den Ballhausplatz, ausgetragen zwischen dem Amtsinhaber Schüssel, 57, und dem jugendlichen Herausforderer Gusenbauer, 42. Trotz des Altersunterschieds plagen beide dieselben Defizite: Die Vollblutpolitiker gelten als volksfern, kalt, intellektuell brillant, aber eben schwer vermarktbar. Schüssels Vorteil gegenüber Gusenbauer ist freilich unübersehbar: Seit 1989 sitzt der Hietzinger in der Regierung, während Gusenbauers höchste Funktion außerhalb der SPÖ die eines Referenten in der Arbeiterkammer Niederösterreich war.

Die politische und demoskopische Ausgangslage ist nicht unähnlich jener von 1995. Damals beschwor der frischgekürte VP-Chef Schüssel eine Budgetkrise herauf und erzwang Neuwahlen. Der Abstand zwischen der weit vorne liegenden SPÖ und der ÖVP verringerte sich von Tag zu Tag, weil der Neoparteichef mit seinem Schüssel-Ditz-Kurs das Gesetz des Handelns an sich gerissen hatte und die SPÖ wochenlang paralysiert dem Treiben der Schwarzen zusah. Franz Vranitzky zertrümmerte Schüssel und die ÖVP dann in einem fulminanten Endspurt und fuhr mit 38,1 Prozent sein bestes Wahlergebnis ein.

Trotz implodierter Wende punktet Schüssel jetzt in den ersten Umfragen und rückt der SPÖ nahe (siehe Grafiken unten) – wieder weil das Gesetz des Handelns bei Schüssel ist, der diesmal aus der Position des Kanzlers heraus agiert.

Die schwarze Aufholjagd geht einher mit einem dramatischen Absturz der FPÖ: Jörg Haider hat es erstmals wirk-lich zu toll getrieben. Er hält derzeit bei 16 Prozent, ein Ergebnis, das er bei der Nationalratswahl 1990 eingefahren hat.

So wird die Wahl 2002 auch und vor allem ein Kampf um die in Scharen davonlaufenden blauen Wähler. Kehren die Arbeiter wieder zur SPÖ zurück? Wählen die kleinen Gewerbetreibenden und Beamten wieder ÖVP? Nach den jüngsten Umfragen sind 300.000 FPÖ-Wähler am Markt verfügbar.

Die ÖVP könnte die Stimmen der FP-Dissidenten dringend gebrauchen, geht sie doch mit einer deftigen Ansage in die Wahl. ÖVP-Wahlkampfmanager Reinhold Lopatka: „Unser Ziel ist klar: Wir wollen stimmenstärkste Partei werden.“ Eine Aussage, deren Realitätsanspruch der Innsbrucker Politologe Fritz Plasser als „sehr, sehr gering“ bezeichnet. Daß das schwarze Ziel mehr von Zweckoptimismus getragen wird, gibt auch Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer zu: „Gegenfrage: Mit welchem Anspruch soll ein Bundeskanzler denn sonst in die Wahl gehen? Schüssel kann nicht anders.“

Autoren: Holger Fürst, Barbara Tóth

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