'Das Comeback im Sambaland'

Ex-voestalpine-General Franz Struzl, 66, managt seit vier Jahren das Böhler-Werk Villares Metals in Brasilien. Ein exklusiver FORMAT-Report über sein neues Leben nach der brisanten Voest-Insideraffäre.

Entführung, Raub und Totschlag gehören im Bundesstaat São Paulo zum Alltag. Daran muss­te sich auch Franz Struzl gewöhnen. „Waffenschein brauche ich keinen“, erzählt der 66-jährige Industriemanager, „ich habe ein gepanzertes Auto.“ Das reiche in seinem Berufsalltag völlig aus. Sein schwarzer SUV, ein Volvo XC60, hat getönte Fensterscheiben, eine kugelsichere Außenverkleidung und einen in Sicherheitsfragen geschulten Chauffeur. Der holt ihn täglich von seinem bewachten Wohnkomplex in der Stadt Itu ab und fährt ihn auf Schleichwegen zum Arbeitsplatz in Sumaré. Wechselnde Routen erschweren mögliche Überfälle.

Vorsicht ist in Brasilien durchaus ge­boten. Das beweist nicht nur die Kriminalstatistik, sondern auch ein Ereignis, von dem Struzl berichtet: Ein Kollege wurde vor kurzem ausgeraubt – im Stau, auf der Fahrt vom Hotel zur Firma. Ein Motorrad schob sich neben das Auto des Managers. Der Biker klopfte mit einer Pistole an die Fensterscheibe, murmelte „Geld oder Leben“ und düste danach mit Brieftasche, Handy und Chronometer davon. Bei einem gepanzerten Wagen hätte sich der Bandit wohl die Zähne ausgebissen. „Mir ist noch nie so etwas passiert“, sagt Struzl und klopft auf Holz. „Absolute Sicherheit gibt es aber nirgends auf der Welt.“

Vom General zum Werksleiter. Sein In­siderwissen über lokale Alltagskriminalität erwarb Franz Struzl in seinen mittlerweile mehr als vier Jahren in Brasilien. Seit er die Geschäfte des nördlich von São Paulo befindlichen Edelstahlwerks Villares Metals führt. Das gehört jetzt dem österreichischen voestalpine-Konzern – wo Struzl einmal Generaldirektor war. Bis er im Sommer 2003 über eine spektakuläre Börsen-Insideraffäre stolperte, die ihn letztlich den Job als Voest-Boss gekostet hat (Kasten Seite 10). Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl suchte damals einen Manager für die Neuerwerbung Villares und bot Struzl die Aufgabe an. Für diesen ein schmerzlicher beruflicher Abstieg, keine Frage. Aber Struzl wollte nach dem Skandal weg aus Österreich. Nach reiflicher Überlegung griff er zu. Am 31. März 2004 zog er einen Schlussstrich unter 36 Jahre Voest und startete am 1. Mai 2004 sein Comeback im Sambaland. Ironie des Schicksals: Die Voest schluckte im Vorjahr Böhler-Uddeholm – inklusive Villares.

Seit vier Jahren ist Franz Struzl in seinem Heimatland völlig von der Bildfläche verschwunden. Anfang August besuchte FORMAT das Villares-Werk in Sumaré. Während des mehrstündigen Rundgangs sprach der öffentlichkeitsscheue Manager ausführlich über seine Erfahrungen in Brasilien, über die skurrile Situation, Werksleiter eines Stahlkonzerns zu sein, dem er einst vorstand, und gab auch Einblick in seine privaten Lebensverhältnisse.

Kein Ende der Morgengymnastik. Raidl kann stolz sein auf seinen Statthalter. Der Böhler-Boss zahlte für Villares im Jahr 2004 rund 60 Millionen Euro. „Den Kaufpreis haben wir im ersten Jahr wieder zurückverdient“, erzählt Struzl heute. Innerhalb von vier Jahren stieg der Umsatz um 190 Prozent auf 400 Millionen Euro. Die Ebit-Marge – eine Kennzahl für die operative Ertragskraft eines Unternehmens – beträgt mehr als 15 Prozent und liegt damit deutlich über dem (respektablen) Voest-Konzernschnitt von 13,8 Prozent. Boomende Stahlnachfrage und gestraffte Produktionsprozesse sowie Millioneninvestitionen in Maschinen und Mitarbeiter erklären die Traumrenditen. Villares stellt sogenannte High Performance Steels her, also Werkstoffe, die etwa für Windräder, Flugzeugteile oder medi­zinische Implantate verwendet werden. Neben der Automobilindustrie (BMW, Daimler, Volkswagen) zählen auch die Branchen Öl (Petrobras) und Luftfahrt (Embraer) zu den Kunden.

Lokale Eigenheiten lernte Struzl auch kennen: So begann der Arbeitstag in der Fabrik früher mit 30 Minuten Gymnastik. „Ich wollte das gänzlich streichen. Wir haben uns aber auf 15 Minuten geeinigt und das Programm erweitert.“ Hinzu kam ein Arbeitssicherheitstraining. Das Resultat: „Wir haben fast keine Krankenstände und kaum Betriebsunfälle. Die Quote liegt bei 1,4 Prozent. Das ist sensationell.“ In Österreich liegen die Vergleichzahlen um den Faktor vier darüber. Ein weiteres Unikum: Neben dem Lohn – ein Fabriksarbeiter verdient im Schnitt umgerechnet 900 Euro, ein White-Collar-Worker etwa 2.000 Euro – verteilt Struzl einmal im Monat Körbe. „Da sind Nahrungsmittel wie Reis und Bohnen drinnen.“ Die Care-Pakete haben bereits lange Tradition. Sie abzuschaffen wäre ein Ding der Unmöglichkeit und würde zu Unruhe führen. „Das wäre den Aufwand nicht wert.“

Sie nennen ihn Franz. Ein gelber Sticker klebt auf dem orangen Helm, den Struzl während der Werksführung trägt. Darauf steht „Franz“. So wird er von der Belegschaft genannt. „Weil die meisten meinen Nachnamen nicht aussprechen können“, erklärt Struzl. Umgekehrt ist es nicht anders. „Die Brasilianer haben sehr lange Nachnamen.“ Von seinen mehr als 1.500 Mitarbeitern hält er große Stücke. Das Klischee des lebenslustig-faulen Brasilianers, der „nur Caipirinha trinkt und Samba tanzt“ (Struzl), habe sich nicht ­bestätigt. „Das sind innovative Leute, die man nur richtig motivieren muss.“ So rief Struzl ein Programm ins Leben, das Mitarbeiter auffordert, Verbesserungsvorschläge einzubringen. Sollte so ein Produktivitätsgewinn bewirkt werden, erhalten sie ein Prozent davon oder maximal 30.000 Real (rund 12.000 Euro).

Konkretes Beispiel: Im Stahlschmelz-abfall vermutete ein Arbeiter Rückstände wertvoller Metalle. „Das können wir doch wiederverwerten“, dachte der. Eine Restmülluntersuchung ergab, dass tatsächlich große Mengen hochwertiger Metalle vorhanden waren. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Schlacke immer entsorgt und damit auch deren kostbare Inhalte. Viele Millionen Euro können nun durch das ­Recycling gehoben werden. „Ich habe zwei Jahre gebraucht, um Portugiesisch zu lernen“, sagt Struzl. Mit Führungskräften spreche er englisch, mit seiner Sekretärin – „eine Schweizerin, die sich in einen Brasilianer verliebt hat“ – deutsch und mit dem Rest portugiesisch. Einmal im Monat spaziert er durch die Fabrikshallen und tratscht mit den Arbeitern. Donnerstag nach Betriebsschluss ist er häufig am Fußballplatz und schaut dem Werksteam zu. Danach wird oft noch einer gehoben. „Caipirinha trinke ich selten“, gesteht Struzl. Die sei ihm zu süß. „Ge­legentlich ein Stamperl Cachaca.“ Aber nicht zu viel von dem Zuckerrohrschnaps. „Da werden Sie blind.“

Beruflich ist der Steirer auf Tuchfühlung mit den Brasilianern, privat gilt das Gegenteil: Struzl lebt mit seiner zweiten Frau und den fünfjährigen Zwillingen – seine Scheidung fiel zeitlich mit der In­sideraffäre zusammen – in einer abgeschotteten Residential Area. Die ist von fünf Meter hohen Mauern umgeben und mit Stacheldraht gesichert. Am Eingang der Reichen-Enklave steht ein Wach­posten. In Itu, 40 Kilometer vom Villares-Werk entfernt, wohnt Struzl aus Sicherheitsgründen. Dort entführt oder ausgeraubt zu werden ist unwahrscheinlicher. Denn in Itu kennt den Stahlboss mit mehr als 350.000 Euro Jahresgage keiner. Abgesehen vom Chauffeur hat Struzl keine Dienstboten. „Momentan bin ich ­allein und muss mich selber versorgen.“ Die Familie weilt zurzeit auf Urlaub in Oberösterreich. Was so auf den Tisch kommt? „Ich koche mir oft Kürbis. Dazu esse ich Thunfisch. Den gibt es hier ganz frisch.“ Die berühmten Churrascarias – ein Paradies für Fleischesser – meidet er. Nur einmal in der Woche kommt Fleisch auf den Tisch. „Andernfalls wäre ich schon 100 Kilo schwer.“ Sport sei in Itu nur begrenzt möglich: „Innerhalb der Anlage gibt es 32 Kilometer befestigte Wege. Wenn ich die Mauern an der Innenseite entlanggehen würde, käme ich auf 14 Kilo­meter. Ein bisserl Radfahren geht.“

Der Ruf der Berge. Die Erfüllung findet der leidenschaftliche Bergsteiger und Skifahrer in der Ferne. „Einen Sechstausender traue ich mir nicht mehr zu. Aber bis 5.500 Meter geht’s schon noch.“ Die Anden in Bolivien, Chile und Peru kennt er bereits. Sein Insidertipp für ein Wochenende: „Fliegen Sie nach La Paz. Der Flughafen liegt auf zirka 4.100 Meter Seehöhe. Das Taxi bringt Sie auf 4.900 Meter hinauf. Zwei, drei Stunden wandern, und Sie sind auf 5.600 Metern. Dort wartet eine gran­diose Aussicht bis zum Titicacasee.“ Für Ende August plant Struzl eine Woche Skiurlaub im Valle Nevada in der Nähe von Santiago de Chile. „Da gibt es ein paar ­Hotels und ein tolles Skigebiet.“ So müsse er nicht nach Österreich fliegen.

Seine Heimat vermisst der in Wiener Neustadt geborene und in der Steiermark aufgewachsene Struzl nicht. Das hängt wohl mit der Insideraffäre zusammen, als er sich von den Medien böse geprügelt fühlte. „Ich habe damals einen Fehler gemacht. Sicher den größten in meinem Berufsleben“, sagt Struzl heute. „Ich brauchte Monate, das zu verdauen. Die räumliche Distanz hat geholfen.“ Nachsatz: „Andere Vorstände erleben einen Pensionsschock.“ Ende 2009 wird Franz Struzl trotzdem heimkehren – wegen der Ausbildung und der Sicherheit der Zwillinge. „Ich liebe meine Familie“, sagt er. „Gäbe es sie nicht, würde ich mich in Rio niederlassen.“ Denn: „Österreich geht mir nicht ab.“

Von Ashwien Sankholkar, Sumaré

Trio mit Zukunft: Sacher Torte mit Schlag und Smartphone

Digital

Alipay für Österreichs Hotellerie, Gastronomie und Handel

Geld

Private Kreditfonds: Der große Boom abseits der Aktienmärkte

Wirtschaft

Die 4 größten Fehler bei der Unternehmensnachfolge