Daham und Islam: Erfolgreiche Moslems in der großen Format Coverstory

Zwei Stunden volles Programm. Quasselstrippe Arabella Kiesbauer auf der Bühne als Moderatorin zwischen trockenen Arbeitsmarktanalysen und der Band „Fatima Spar und die Freedom Fries“.

Dazu politische Kritiker im Publikum. Es war eine Inszenierung der seltsamen Art, die ÖVP-Innenminister Günther Platter vergangenen Dienstag im RadioKulturhaus in Wien wählte, um seinen lang erwarteten Integrationsbericht der Öffentlichkeit vorzulegen. Auf 216 Seiten hat Platter darin eine Vielzahl von anerkannten Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Kultur, Politik, Wissenschaft und Religionsvertretern zusammentragen lassen, was es bis dato an Modellen für gelungene Integration gibt.

Das wirklich Neue daran ist, dass ausgerechnet der Law-and-Order-Mi­nister der ÖVP zum breiten Dialog mit Zuwanderern aufruft und erstmals eine verbesserte Integration als wirtschaftliche Chance für Österreich begreift. Ganz neue Töne im Vergleich zu den Aussagen des wahlkämpfenden ÖVP-Landeshauptmannes von Niederösterreich Erwin Pröll. Der hatte erst im vergangenen Herbst Minarette als „etwas Artfremdes“ bezeichnet. Noch ist es freilich zu früh, um zu beurteilen, ob Platter der ÖVP-Ausländerpolitik nur einen neuen kosmetischen Teint verpassen will oder ob er auf die Vorschläge der Experten ernsthaft eingehen wird und damit eine schwarze Kurskorrektur einleitet. Für ihn sei das Papier jedenfalls „eine Diskussionsgrundlage“ für ein Maßnahmenpaket, sagte Platter. Bis zum Sommer wolle er dieses Paket dem Ministerrat vorlegen und damit ein „friedliches Zusammen­leben“ der Kulturen in Österreich er­möglichen.

Vielleicht ist aber die Imagekorrektur Platters in der Ausländerpolitik schlicht das Resultat des Grazer Wahlkampfes. Denn mit den beleidigenden Aussagen über den Religionsgründer des Islams wurde in den vergangenen Wochen von der FPÖ einmal mehr das friedliche Zusammenleben der Kulturen in Österreich auf eine ernste Probe gestellt. Aber immerhin: In ungewohnter Einigkeit distanzierte sich das gesamte politische Establishment vom Bundespräsidenten abwärts von den Aussagen der Grazer FPÖ-Spitzenkandidatin Susanne Winter. Eine Reaktion, die auch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich mit großer Erleichterung registrierte: „Neben der offiziellen Politik haben sich zah­lreiche Österreicher per Mail bei uns gemeldet, die die Aussagen verurteilt und sich solidarisch mit uns erklärt haben“, fasst Amina Baghajati, Sprecherin der Glaubensgemeinschaft, zusammen. Intern habe man zur Besonnenheit aufgerufen: „Nur nicht provozieren lassen.“

Dieses Motto ist in der türkischen Community in Wien-Ottakring offenbar angekommen, wie Stammgäste im türkischen Restaurant Kent am Brunnenmarkt bestätigen. „Radikale gibt es leider überall und in jeder Religion“, sagt etwa Sen Mehmet, der gerne ins Kent zum Kartenspielen und Teetrinken kommt. Manche hätten die Aussagen schrecklich, andere „dämlich“ gefunden, die meisten aber hätten die Angelegenheit schlicht als lächerlich empfunden. Und Kent-Restaurant-Chef Hüseyin Tütüncü fragt sich: „Hat diese Frau jemals einen Blick in den Koran geworfen?“

Auch Ali Rahimi hat für die österreichische Zivilgesellschaft viel Lob übrig. Der 43-jährige Österreicher mit persischen Wurzeln ist einer der führenden Teppichhändler Europas und mit seinem Laden in der Wiener City ein blendender Netzwer­ker, bei dem auch die heimische Politik-Prominenz gerne bei Abendveranstal­tungen vorbeischaut. Rahimi: „Über beleidigende Aussagen sollte man nicht zu ­viele Worte verlieren, auch wenn diese Ignoranz grauenhaft ist.“ Eine Empfehlung hat der promovierte Betriebswirt aber für beide Seiten, Österreicher wie Zuwanderer: „Nicht nur die gemeinsame Sprache zu erlernen trägt zum gegenseitigen Verständnis bei. Auch die Geschichte eines fremden Landes zu kennen steigert Toleranz und Respekt.“ Deshalb wäre es wichtig, die Muslime besser kennen zu lernen, schlägt Netzwerker Rahimi vor.

Allein der Begriff der Muslime in Österreich ist vielschichtig. Laut Volkszählung 2001 lebten damals 340.000 Muslime in Österreich. 123.000 davon waren Türken, 96.000 Muslime Österreicher. Als dritte große muslimische Community lebten 2001 65.000 Bosnier in Österreich. Nach den Katholiken, jenen ohne Bekenntnis und den Protestanten waren die Muslime damals bereits die viertgrößte Gruppe, Tendenz steigend: Für 2006 wird der Anteil der Muslime in Österreich bereits auf rund 400.000 Menschen geschätzt. Österreich wird demnach zunehmend ein multireligiöses Land.

„Alle Muslime in einen Topf zu werfen wäre falsch“, stellt Gudrun Biffl fest. Die WIFO-Expertin hat für Platters Integrationspapier Qualifikationen der in Österreich lebenden Migranten unter die Lupe genommen – nach Glaubensbekenntnis aufgeschlüsselt. Fakt ist: Im Bildungsbereich haben die Muslime großen Aufholbedarf. Etwa 13 Prozent muslimischen Maturanten und Akademikern stehen 64,3 Prozent mit reinem Pflichtschulabschluss oder darunter gegenüber. Die Folge: „Vor allem türkische Muslime arbeiten im Hilfsarbeiterbereich; als Reinigungspersonal oder in Bereichen, wo schwere körperliche Arbeit verrichtet wird, etwa in der Textil- und Leder­industrie oder in der Metall- und Chemieindustrie“, erklärt die WIFO-Expertin.

Fakt ist auch: Ausländer und eingebürgerte Österreicher – davon sind 27 Prozent Muslime – verdienen mit etwa 13.500 Euro pro Jahr im Vergleich zu jenen ohne Migrationshintergrund mit knapp 25.200 Euro im Jahr deutlich weniger. Deshalb stellt der Politikwissenschaftler Arno Tausch einen vergleichsweise hohen Anteil an armutsgefährdeten Personen fest: Während im Jahr 2004 46,5 Prozent der Muslime in Österreich sich selbst als armutsgefährdet einschätzten, waren das nur 12 Prozent der Nicht-Muslime.

Fakt ist aber auch: Die Gruppe der Muslime kann keineswegs als einheitlich bezeichnet werden. „Iranische und türkische Muslime in Österreich haben oft nicht viel gemeinsam“, meint PR-Agentur-Chefin Mehrdokht Tesar, selbst Muslima und Österreicherin persischer Herkunft. „Die Unterschiede sind nicht durch die Religion, sondern durch Bildung, soziale Herkunft und eine andere Kultur bedingt.“ WIFO-Expertin Biffl spricht deshalb von einer bipolaren Struktur unter Migranten: „Zuwanderer haben zwar häufiger keinen Pflichtschulabschluss, sie sind aber gleichzeitig auch häufiger Akademiker als Österreicher.“

Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Motivation der Einwanderer: Ein Teil der Muslime, etwa Ägypter, Iraner oder Pakistanis, kommt zum Studium nach Österreich, um Arzt oder Rechtsanwalt zu werden und bleibt im Land. Ein anderer Teil der Muslime ist während des Bosnienkriegs nach Österreich geflüchtet und fand hier eine neue Heimat und Arbeit. Biffl: „Das ist eine Gruppe, die sich dank Ausbildung und Facharbeiterqualifikationen sehr gut integriert hat.“ Ein dritter Teil ist vornehmlich während der 70er-Jahre aus der Türkei oder Ex-Jugoslawien mangels wirtschaftlicher Chancen im Herkunftsland zugewandert und arbeitet hier oft im Niedrig­lohnbereich. So auch die Eltern von Aytekin Yilmazer, Österreicher türkischer Herkunft: „Meinen Eltern war es wichtig, dass meine Geschwister und ich eine gute Ausbildung bekommen.“ Zwar konnte der 29-Jährige mangels finanzieller Ressourcen keinen Kindergarten besuchen, doch: „Ich habe Deutsch durch Fernsehen gelernt.“

Damit das nicht auch in Zukunft eines der ganz wenigen Erfolgsrezepte bleibt, betont ÖVP-Staatssekretärin Christine Marek die Bedeutung der sprachlichen Frühförderung bereits im Kindergarten: „Sprache und Bildung sind die Schlüssel für eine gelungene Integration.“ Um auch die Religion am Arbeitsmarkt zu integrieren, könnte interkulturelles Management helfen (siehe Kasten S. 21). Zum Beispiel nennt Marek Rücksichtnahme des Arbeitgebers auf den Ramadan. Eine Frage, die vor allem streng Gläubige betrifft, ist die Kopftuchdebatte. Die deutsche Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates überlässt die Entscheidung über das Kopftuch am Arbeitsplatz dem Unternehmer (siehe Interview). Marek fordert dagegen mehr Respekt ein: „In der Kopftuchfrage ist die Mehrheitsgesellschaft gefordert, Menschen anderer religiöser Bekenntnisse mit Toleranz zu begegnen.“

Auch österreichische Unternehmen beginnen sich in zunehmendem Maße mit der religiösen Diversität ihrer Mitarbeiter auseinanderzusetzen. Der Managementclub plant dazu heuer etwa mehrere Diskussionsabende mit Islam-Experten. Oft geht es aber auch ohne wissenschaftliche Expertisen. Strabag-Betriebsrat und SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi erzählt von seinen Erfahrungen aus der Baubranche: „Bei der Gleichenfeier am Bau gibt es schon seit Jahrzehnten neben Schweinefleisch auch ein Brathendl für die muslimischen Kollegen.“ Aber auch den offiziellen muslimischen Vertretern in Österreich ist klar, dass Integration keine Einbahnstraße ist. EURO-2008-Manager Yilmazer hat dafür schon eine zündende Idee: mit der langen Nacht der Moscheen für alle Österreicher. Vielleicht noch vor dem Sommer in ganz Österreich.

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