Big Deal. Flucht vor dem Russen

Big Deal. Georg Stumpf und Ronny Pecik, zwei der bekanntes­ten Investoren Österreichs, werden den Schweizer Technologieriesen Oerlikon an einen Russen verkaufen – mit sattem Gewinn.

In der Wiener Wipplingerstraße wird zurzeit ein neues Bürogebäude gebaut. Dort, wo bis vor kur­zem die Zentrale des ÖGB stand, die Schaltzentrale der Arbeiterbewegung, wollten eigentlich österreichische Paradekapitalisten ihr Hauptquartier aufschlagen. Der Wiener Investor Ronny Pecik hatte schon unterschrieben, das fertige Bürohaus für 57 Millionen Euro vom Immobilienentwickler Anton Bondi de Antoni zu kaufen und mit seiner Firma Victory dort einzuziehen. Aber Streitigkeiten über die Ausstattung des Hauses könnten das zu Fall bringen. Die Victory gehört je zur Hälfte Pecik, 46, und dem Unternehmer Georg Stumpf, 35, dem bekannten Erbauer des Wiener Millennium Towers. So ungelegen käme Pecik ein Scheitern des Immobilienprojektes gar nicht. Denn möglicherweise braucht die Beteiligungsgesellschaft künftig gar nicht mehr so viel Platz. Das erfolgreiche Austro-Duo erregte 2005 europaweit Aufsehen, als es in den berühmten Schweizer Technologiekonzern Oerlikon einstieg und sich dort gegen heftige Widerstände als beherrschender Aktionär festsetzte. Die beiden Wiener drehten plötzlich ein großes Rad und spielten in der Industrie-Liga ganz oben mit. Drei Jahre lang – denn jetzt stehen sie vor dem Ausstieg.

Wie FORMAT exklusiv in Erfahrung brachte, werden Stumpf und Pecik in den nächsten Wochen ihre Oerlikon-Anteile – knapp 30 Prozent der Aktien plus Optionen auf weitere 20 Prozent – höchstwahrscheinlich an den russischen Oligarchen Viktor Wechselberg verkaufen. Dessen Renova Holding hat ihre Beteiligung an dem Konzern erst unlängst von 14 auf 24 Prozent erhöht. Ursprünglich war geplant, dass beide Gruppen ab heuer 22 Prozent der Aktien halten. Die Victory hatte Wechselberg daher Optionen auf knapp acht Prozent eingeräumt, deren Einlösung aber mit Hinweis auf die bereits getätigte Aufstockung verwehrt. Schweizer Me­dien orteten im Vorfeld der Oerlikon-Hauptversammlung am 13. Mai aufgrund dieser Unstimmigkeit einen Machtkampf. Doch dazu werden es die Österreicher gar nicht kommen lassen und sich zu­rückziehen: eine Art Flucht vor den Öl-Milliarden des Russen. Der 51-Jährige zählt mit 11,2 Milliarden Dollar zu den Reichsten seines Landes.

Verhandlungen im Gange. Angesprochen darauf, bleibt Ronny Pecik vage. Er betont „das gute Einvernehmen mit der Renova“ und räumt ein, „dass Verhandlungen im Gange sind“. Aber: „Nichts ist entschieden. Die Victory will langfristig Aktionär von Oerlikon bleiben.“ Das dürfte aber Taktik sein. Laut FORMAT-Recherchen ist die Sache klar: Oligarch Wechselberg wird das alleinige Sagen in der Oerlikon kriegen. Bei seinem Besuch in Wien am 24. April wurden grundsätzliche Vereinbarungen getroffen. Jetzt geht es noch darum, die Details – vor allem bezüglich des Preises – zu fixieren. Möglicherweise ist der Deal sogar bis zur Hauptversammlung unterschrieben. Ein Übernahmeangebot für die Klein­aktionäre hat Wechselberg nicht geplant. Ein schlechtes Geschäft war die Oerlikon für Pecik und Stumpf nicht. Dem Vernehmen nach will die Victory 2,2 Milliarden Franken für ihr Paket, knappe zwei Milliarden halten Insider für realis­tisch, also umgerechnet rund 1,2 Milliarden Euro. Zirka eine Milliarde Euro sind die Aktien wert, der Rest ist für die Optionen. Investiert hat die Victory 2005 umgerechnet nicht einmal 400 Millionen Euro – bleiben mindestens 800 Millionen abzüglich der nicht unbeträchtlichen Finanzierungskosten.

Der frühere Banker Pecik – auch Ex­partner von A-Tec-Boss Mirko Kovats – hat zur Finanzierung seines Big Deals bei der Oerlikon komplizierte, teilweise auf Optionen basierende Konstruktionen ge­bastelt – was jetzt auch den Ausstieg beschleunigen dürfte. Schon die zehn Prozent der Aktien, die Wechselberg kürzlich übernahm, waren ein Paket der Deutschen Bank, das dort zur Unterlegung von Aktionen des „Optionskünstlers Pecik“ gedient hatte. Aber nachdem der Aktienkurs von fast 700 Franken am Höhepunkt auf rund 360 Franken eingebrochen war, schmiss die Bank die Ak­tien auf den Markt. Weitere zehn Prozent liegen jetzt noch bei der Deutschen Bank.

Opfer der Finanzkrise. Ein enger Vertrauter von Viktor Wechselberg verneint FORMAT gegenüber auch, dass der Russe möglichst rasch die Macht bei Oerlikon an sich reißen wolle: „Wir haben keinen Druck ge­macht und sind sehr zu­frieden mit Ronny Pe­cik.“ Der Ausstieg habe mit dessen angespannter Liquiditätslage zu tun. Der Austro-Investor sei ein Leidtragender der globalen Finanzkrise. Die hat nicht nur dem Börsenkurs zugesetzt, sondern auch Peciks Refinanzierungskosten in die Höhe getrieben. Die Kreditzinsen sind
in den letzten Wochen rapid gestiegen. „Außerdem sind die Banken seit der US-Subprime-Krise vorsichtiger geworden“, sagt der Wechselberg-Mann.
Pecik stellt einen finanziellen Engpass entrüstet in Abrede: „Das sind gezielt gestreute Gerüchte. Die Victory verfügt über 70 Prozent Eigenkapital und einen Cash-Bestand von mehreren Hundert Millionen Euro.“ Einen guten Schnitt wird der Wiener jedenfalls machen. Denn die Victory hat schon zu Kursen über 600 Franken einmal eine größere Anzahl Oerlikon-Papiere verkauft.

Zwist zwischen den Partnern? Auch Milliardär Stumpf wird noch reicher. Allerdings wollen Londoner Bankerkreise von einer gewissen Verstimmung zwischen den beiden wissen. Stumpf, der Verwaltungsratspräsident der Oerlikon, hätte, so heißt es, lieber noch länger mit dem Verkauf gewartet. Er hat mehr Eigenkapital eingesetzt und sei sauer, dass man sich jetzt zu relativ schlechten Kursen von der Beteiligung trennt. Pecik dementiert jeden Zwist: „Georg Stumpf hat sich die letzten drei Jahre um die Oerlikon gekümmert und dort wirklich einen super Job gemacht.“

Dass die beiden die Oerlikon rasch auf Erfolgskurs gebracht haben, ist ihr ge­meinsamer Verdienst. Die gelungene Sanierung wird nirgendwo in Abrede gestellt. Beim Einstieg der Victory 2005 setzten die Schweizer umgerechnet eine Milliarde Euro um und schrieben über 230 Millionen Verlust. Der Aktienkurs dümpelte bei 90 Franken dahin. Per 2007 wurde der Umsatz um 250 Prozent gesteigert, das Nettoergebnis auf 200 Millionen Euro ins Plus gedreht. Vor allem die Solartechnologie von Oerlikon boomt. Pecik kann sich zu Recht auf die Fahnen heften, „dass wir den ­Konzern in diese Richtung positioniert haben“. Es gab schon Überlegungen, die Solarsparte getrennt an die Börse zu bringen. Sollte Wechselberg das in den nächs­ten Jahren tun, könnte die Victory dort wieder einsteigen, deutet Pecik an.

Sonnenanbeter. Denn er will künftig vor allem Sonnenenergie tanken. Die Victory besitzt noch den deutschen Konzern M+W Zander. Der 8.000-Mann-Betrieb ist unter anderem Weltmarktführer beim Bau von kompletten Solarfabriken und hier Kunde von Oerlikon. In der Victory erwägt man sogar die Errichtung einer eigenen Fabrik zur Erzeugung von Solarpaneelen und evaluiert gerade mehrere Standorte. „Auch Österreich wäre eine Möglichkeit“, sagt Pecik, der überzeugt ist, dass Solarstrom künftig fette Profite bringen wird. Viktor Wechselberg erfüllt mit der Über­nahme der Oerlikon auch einen Auftrag von Russlands scheidendem Präsidenten Wladimir Putin an die Oligarchen: Technologie-Know-how ins Land zu bringen, weil dessen Industrie zu rohstofflastig ist.

Von Andreas Lampl, Ashwien Sankholkar

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