Erkenntnisse aus Bhutan: Wie Wirtschaft das Wohlbefinden bestimmt

Erkenntnisse aus Bhutan: Wie Wirtschaft das Wohlbefinden bestimmt

In Bhutan hat sich die Regierung die Steigerung des "Bruttonationalglücks" auf die Fahne geschrieben. Ha Vinh Tho, Direktor des Gross National Happiness Centre, hat mit trend.at über das Zusammenspiel aus Glück, Arbeit und Einkommen gesprochen.

Glückliche Menschen statt ungezügeltem Wirtschaftswachstum – was klingt wie der Schlachtruf einer verträumten Hippie-Kommune, das wird inzwischen von Regierungen in aller Welt ins Auge genommen. So ernannten die Vereinigten Arabischen Emirate Anfang Februar eine „Ministerin für Glück“, die laut Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum Projekte und Programme für soziales Wohlbefinden und Zufriedenheit entwickeln soll. In Europa haben sich etwa Deutschland und Großbritannien die Ermittlung der Glückseligkeit ihrer Einwohner auf die Fahne geschrieben, die EU-Statistikbehörde Eurostat erforscht neben Inflation und Wirtschaftswachstum auch das subjektive Wohlbefinden der Europäer.

Ein wahrer Pionier der staatlichen Glücksförderung ist aber der kleine Himalaya-Staat Bhutan. Die Förderung des „Bruttonationalglücks“ ist hier in der Regierung verankert; alle drei Jahre gibt es repräsentative Erhebungen mit 7000 Probanden, die das Glücksempfinden der Bevölkerung abfragen. Aus den Ergebnissen wird ermittelt, was der Staat für das Glück seiner Bürger tun kann.

„Das Wirtschaftswachstum gelangt an seine Grenzen“

Ha Vinh Tho, Direktor des Gross National Happiness Centre in Bhutan, ist auf Einladung des Unternehmers Karl Heinz Slabschi in Wien und besucht dort eine Veranstaltung der von Slabschi mitbegründeten Gemeinwohlökonomie, sowie Projekte der Seestadt Aspern. „Wir sehen heute, dass viele Entwicklungsländer zwar wachsen, das Wachstum aber ungleich verteilt ist“, sagt Tho im Gespräch mit trend.at: „Die entwickelten Volkswirtschaften wiederum wachsen nur langsam, in vielen entwickelten Staaten steigt die Arbeitslosigkeit.“

Die Vorstellung, dass die Weltwirtschaft endlos wachsen könne, sei daher allein schon auf Grund der endlichen Ressourcen unseres Planeten fehlgeleitet. „Das wirtschaftliche Wachstum gelangt an seine Grenzen“, sagt Tho: „Wir merken, dass die Wirtschaft nicht selbst das Ziel, sondern ein Mittel zum Erreichen eines besseren Bruttonationalglücks ist.“

Wirtschaft als der Weg ins Glück

Tho sagt also nicht, dass Wirtschaft keinen Einfluss auf das Glück habe – ganz im Gegenteil: Den Weg zum Glück definiert er als ein auf vier Säulen basierendes Modell: Erstens eine Regierung, die transparent agiert und Korruption vermeidet. Zweitens eine natürliche Umwelt, die erhalten wird. Drittens ein kulturelles Angebot, das Identität und Fortschritt der Gesellschaft fördert. Und viertens eben eine gerechte und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.

Ha Vinh Thos Profilbild auf dem Social Network Twitter: Von den Bergen des Himalaya verschlägt es ihn nach Wien.

Dementsprechend steigt das Bruttonationalglück, wenn das BIP wächst – wenngleich sich dies nicht 1:1 übertragen lässt. So kann das Bruttonationalglück etwa steigen, wenn die Luftqualität in den Großstädten verbessert wird – die Menschen führen dann ein gesünderes Leben, doch auf das Wirtschaftswachstum hat die bessere Luft wenig Einfluss. Umgekehrt sind Drogen- und Menschenhandel zwar Wirtschaftszweige mit großem Umsatz, schaden aber der Gesellschaft als Ganzes. Und wenn Eltern zwecks Erziehung des Nachwuchses eine berufliche Pause einlegen, dann schlägt sich dies negativ auf das BIP nieder – für das Wohlbefinden der Kinder ist es aber eine positive Entscheidung.

Macht Geld glücklich?

Eng verknüpft mit dem Zusammenspiel aus BIP und Nationalglück ist auch die Frage, ob Menschen mit einem höheren Einkommen glücklicher sind. Hier gibt es etliche Studien, deren Antwort klar und deutlich lautet: Jein.

Denn tatsächlich steigt das subjektive Wohlbefinden mit steigendem Einkommen – ab einem bestimmten Punkt (verschiedene Studien beziffern 60 bis 80.000 Dollar Brutto-Jahreseinkommen) trägt mehr Geld auf dem Konto aber nicht mehr zum Glücklichsein bei. „Eine Korrelation von Einkommen und Glücklichsein gibt es, solange die Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind“, sagt Tho zu diesen Studien: Solange es darum geht, Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen, macht ein höheres Einkommen sehr wohl einen Unterschied – später hingegen stehen Dinge im Vordergrund, die man mit Geld nur schwer kaufen kann.

Außerdem zitiert Tho eine Studie von Wilkinson und Picket, laut der nicht das absolute, sondern das relative Einkommen über das Glücklichsein entscheidet: Menschen vergleichen sich mit ihren Nachbarn, Freunden und Kollegen und sind unglücklich, wenn diese mehr verdienen als man selbst. „Länder mit hoher Zufriedenheit haben daher eine geringere Ungleichheit beim Einkommen“, sagt Tho. Das deckt sich mit einer Eurostat-Studie aus dem Jahr 2015: Die glücklichsten Länder Europas sind die skandinavischen Staaten, in denen Wohlstand vergleichsweise gleichmäßig verteilt ist.

Zufriedenheit mit dem Leben in Europa: Klicken Sie auf das Bild, um zum Artikel über die Eurostat-Statistik zu gelangen.

Übrigens hat Arbeit laut Tho nicht bloß die Funktion, Geld auf das Konto der Arbeitnehmer zu transferieren. Zusätzlich geht es um das Gefühl, nützlich zu sein und etwas zur Gesellschaft beizutragen. „Wenn die Arbeit mit den eigenen Wertvorstellungen in Einklang ist, dann ist das befriedigender als eine sinnlose Arbeit – selbst wenn man mit dieser ein höheres Einkommen hat“, sagt Tho. Verschiedene Unternehmen würden daher in Betriebsgesundheit, CSR-Programme und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter investieren.

In die entgegengesetzte Richtung geht diese Entwicklung, wenn es zu Skandalen kommt: „Früher waren VW-Mitarbeiter stolz darauf, für dieses Weltunternehmen zu arbeiten. Nun wird sich der Abgasskandal wohl negativ auf ihr Engagement auswirken“, sagt Tho. Ein anderes Beispiel seien Bankmitarbeiter, deren Selbstbild noch immer unter der Finanzkrise leide.

Angesprochen darauf, was der glücklichste Song aller Zeiten ist, hat Tho übrigens auch eine Antwort: „Happy“ von Pharrell Williams. Das Lied hat ihm und seinen Kollegen so gut gefallen, dass sie mit Jugendlichen ein Video produziert haben, in dem sie zu den Klängen des Songs durch die Straßen der bhutanesischen Hauptstadt Thimphu tanzen.

"Happy in Thimphu" vom bhutanesischen GNH Centre.

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