Bauen am Börsegang

Der Börsegang des österreichischen Bauriesen Strabag steht auf Schiene. FORMAT bringt exklusiv alle Details für Anleger. Plus: Baulöwe Hans Peter Haselsteiner im Porträt.

Viel Freude bereitet Hans Peter Haselsteiner der unmittelbar bevorstehende Börsegang der Strabag offensichtlich nicht. Da kann er coram publico noch so bemüht versichern, dass die Börse wunderbar sei und für die Zukunft seines Unternehmens große Möglichkeiten biete. Tatsächlich ist der 63-jährige Unternehmer in den Tagen vor dem IPO (Initial Public Offering, erstmaliger öffentlicher Aktienhandel) vor allem eines – gereizt. Kurze, heftige Wutausbrüche vor versammelter Mannschaft stünden auf der Agenda, heißt es. Mal sollen Haselsteiner Gerüchte über einen angeblichen Streit mit Strabag-Miteigentümer Oleg Deripaska nerven, mal die hohen Erwartungen seitens potenzieller Investoren. Zudem echauffiert sich der Vorstandsvorsitzende von Österreichs größtem Bauunternehmen bereits jetzt über jene Aktionäre, die, wie er meint, „ungewaschen zu den Hauptversammlungen erscheinen, nur eine Aktie halten und den Vorstand mit sinnlosen Fragen quälen“. Dass Haselsteiner in Anbetracht seiner Börseskepsis Teile des Anlegerschutzes als „wirklich deppert“ bezeichnet, kommt da wenig überraschend.

Will der gebürtige Tiroler seine lang gehegten Wachstumsfantasien realisieren, bleibt ihm aber nichts anderes übrig, als einen Börsepakt einzugehen. „Ab einer gewissen Größenordnung ist man eben gezwungen, irgendeine Börse als Partner zu akzeptieren, wenn wir die Eigenkapitalfrage lösen wollen. Ich bin leider nicht reich genug, habe im Keller keinen Geldscheißer“, sagt Haselsteiner nüchtern. Weshalb er die Strabag nach wiederholtem Anlauf nun doch an die Börse bringt.

Der Börsegang soll der Strabag 1,3 Milliarden Euro bringen. Damit wäre es der größte in der Geschichte des österreichischen Kapitalmarkts. Die Aktienstückzahl wird demnach von 95 auf 110 Millionen aufgestockt, Haselsteiner rechnet mit einer dreifachen Überzeichnung des Offerts. Laut Börseprospekt hält der gelernte Steuerberater aktuell 33,4 Prozent die Raiffeisen-Gruppe 36,3 und der russische Oligarch Oleg Deripaska 30 Prozent an der Strabag. 0,3 Prozent der Anteilsscheine befinden sich im Besitz einer „externen Privatstiftung“. Mit dem IPO trennen sich Haselsteiner, Raiffeisen und Deripaska von insgesamt zwölf Millionen Aktien und halten danach je 25 Prozent plus eine Aktie (siehe Grafik unten). Daran verdient Raiffeisen freilich am meisten, nämlich an die 500 Millionen Euro.

Wie FORMAT in gut informierten Kreisen recherchierte, hat Russlands zweitreichster Mann Oleg Deripaska beim Kauf seiner Anteile durchschnittlich 44,5 Euro je Aktie bezahlt. Ein Wert, der das untere Ende des Preisbands darstellt, die Obergrenze soll bei knapp über fünfzig Euro liegen. Der Ausgabepreis dürfte sich auf fast 47 Euro belaufen. Wolfgang Matejka, Investmentchef der Meinl Bank, scheint der angepeilte Emissionskurs überzogen. Er rät Anlegern „zu limitierten Käufen und vor allem zu schnellen Wiederverkäufen, da langfristig betrachtet mit einem Rückgang des Aktienwerts leicht unter dem Ausgabepreis zu rechnen“ sei. Grund dafür ist etwa die „abflauende erste Euphorie nach dem Börsegang“.

Laut einem Insider ist der Börsegang mit dem 19. Oktober aber keineswegs abgeschlossen. 2009, spätestens 2010, wollen Haselsteiner, Raiffeisen und Deripaska bei einem Secondary Public Offering (SPO) ihre Anteile auf je 17 Prozent reduzieren, womit ihnen mit insgesamt 51 Prozent die Mehrheit am Unternehmen bleibt. Nach einer vereinbarten Behaltefrist von drei Jahren soll Haselsteiner gar beabsichtigen, seine Anteile zur Gänze an Deripaska zu verkaufen. „Vereinbart wurde lediglich, dass Haselsteiner mindestens drei Jahre als CEO bleibt. Von Verkauf kann mit Sicherheit keine Rede sein“, sagt Strabag-Sprecher Christian Ebner.

Mit dem Gang aufs Börseparkett betritt Haselsteiner keineswegs Neuland. Die Strabag-Holding notierte zwischen 1996 und 2003 schon einmal an der Wiener Börse, die Aktien wurden damals aber wieder zurückgekauft. „Der Streubesitz war einfach zu gering“, begründet Haselsteiner den Schritt. Noch vor zwei Wochen wollte der stets braungebrannte Manager den für Oktober anberaumten Börsegang „aufgrund der zu unsicheren Lage auf den Finanzmärkten“ erst gar nicht wagen bzw. wenn, dann nicht vor Frühjahr 2009. Ursache dafür sollen auch Auseinandersetzungen mit Deripaska gewesen sein, wegen dessen Einstieg bei der Strabag das IPO ja schon einmal verschoben worden war. Der Putin-Vertraute dürfte für einen späteren Börsegang plädiert haben, zumal er einen zu niedrigen Ausgabepreis der Aktie fürchtete. Zuletzt hatte Deripaska, der seine Milliarden unter anderem in der Energie-, Automobil- und Bauwirtschaft macht, ebenfalls den Börsegang seiner weltgrößten Aluminiumgruppe Rusal abgeblasen.

Zu Unstimmigkeiten zwischen Haselsteiner und Deripaska soll es auch wegen der beabsichtigten Zusammenlegung der Bauaktivitäten der beiden Unternehmer gekommen sein – was FORMAT-Recherchen aber widerlegen. „Probleme zwischen Haselsteiner und Deripaska gab es nie, nur zwischen der zweiten Managementebene der beiden“, erzählt ein Insider.

Dieselben Ziele im Visier, streben Deripaska, Haselsteiner und Raffeisen-General Christian Konrad nun also mit vereinten Kräften an die Börse, um, wie es heißt, noch kräftiger zu wachsen. „Der Börsegang ist zur Finanzierung des Wachstums notwendig. Der Konzernumsatz soll in den nächsten fünf, sechs Jahren bei rund zwanzig Milliarden Euro liegen“, wünscht sich der Bau-Tycoon.

2006 setzte die in Villach ansässige Strabag SE mit 56.800 Mitarbeitern in mehr als dreißig Ländern 10,4 Milliarden Euro um. Für heuer werden gar elf Milliarden erwartet. Damit ist die Strabag nach der OMV (18,97 Milliarden) und der Porsche Holding (11,5 Milliarden) Österreichs umsatzstärkstes Unternehmen. Laut Deutscher Bank dürfte der Bauriese per Jahresende einen Gewinn von 315 Millionen Euro erzielen, die Erste Bank geht von 266,4 Millionen aus. Die Strabag erwirtschaftet mittlerweile 38 Prozent ihres Umsatzes in Deutschland, 30 Prozent in Osteuropa, 18 Prozent in Österreich, der Rest entfällt auf den Nahen und Mittleren Osten. In 10 bis 15 Jahren soll Haselsteiners Firma zu Europas Nummer eins in der Baubranche aufsteigen, was aber wohl nicht mehr in die Ära des Tirolers fallen dürfte. Ob sein ambitioniertes Vorhaben, zum europäischen Branchenprimus aufzusteigen, je aufgehen wird? Bauanalysten schweigen. Weder Erste Bank, Raiffeisen, Deutsche Bank, Goldman Sachs noch Dresdner Bank beziehen dazu Stellung. Der Grund: Sie alle sind am Börsegang beteiligt und haben absolutes Redeverbot. „Sie werden in dieser Sache auf Granit beißen“, sagt schließlich ein deutscher Analyst trocken, „das Bankenkonsortium, das die Strabag an die Börse bringt, ist dermaßen groß, dass Ihnen kaum jemand eine Antwort – und schon gar keine ehrliche – geben wird.“ Er selbst sei da eine Ausnahme.

Wie der mit dem Börsegang co-beauftragte Experte meint, habe die Strabag, was die reine Bauleistung anbelangt, zwar durchaus Chancen, zum führenden Player in Europa aufzurücken, doch liege das Unternehmen strategisch teils daneben. So hätten unmittelbare Mitbewerber wie Hochtief, Bilfinger Berger und Balfour bereits vor Jahren vorsorglich auf andere Standbeine gesetzt, etwa den Public-Private-Partnership-Bereich (PPP) forciert (bei PPP-Projekten ist das Bauunternehmen nicht nur für die Errichtung des jeweiligen Objekts verantwortlich, sondern übernimmt auch die Bewirtschaftung bzw. Wartung desselbigen). „PPP-Projekte bringen gute Margen und machen Firmen krisensicher“, so der Fachmann. Weil die Strabag diese Sparte erst vor kurzem für sich entdeckt habe, „hinkt sie der Konkurrenz eben hinterher“. Strabag-Mann Ebner nimmt die Kritik gelassen: „Die Deutschen sind ein bisschen eifersüchtig, weil wir Österreicher in ihrem Land Marktführer sind.“ Zudem habe sehr wohl auch die Strabag europaweit 13 PPP-Projekte am Laufen.

Laut dem deutschen Analysten würden die Rohstoffvorkommen der Strabag nicht vor Krisen schützen, denn „wenn die Baukonjunktur nach unten geht, werden Haselsteiner die vielen Rohstoffe nicht viel nutzen“. Ebner kontert: „Ein Ende des Baubooms, vor allem im Osten, ist noch lange nicht in Sicht.“

Wie aus der Studie „European Powers of Construction 2006“ der Consultingfirma Deloitte hervorgeht, dürfte sich ein hartes Match um die Marktführerschaft in Europa abzeichnen. Laut Deloitte-Ranking sind die französischen Bauunternehmen Vinci und Bouygues mit mehr als zwanzig Milliarden Euro Jahresumsatz mehr als doppelt so groß wie die Strabag und verfügen über zusätzliche Standbeine etwa im TV- und Telekommunikationsgeschäft. Allerdings sind die Bausparten der beiden Firmen nur um etwa fünf Milliarden Euro Auftragsvolumen größer, was die Aufholjagd langfristig betrachtet realistisch macht. Denn mit einer jährlichen Wachstumsrate von bis zu zwanzig Prozent legt die Strabag schneller zu als ihre europäischen Mitbewerber.

Haselsteiners Expansionspläne betrachtet vor allem Michael Kövesi, Deloitte-Immobilienex- perte für Osteuropa, als „sehr realistisch“. Kövesi, der unter anderem Standorte für das russische Wirtschaftsministerium evaluiert, scheint vom lang anhaltenden Bauboom im Osten überzeugt. „Allein in Russland werden in den nächsten zehn Jahren 1.200 Milliarden Dollar investiert, also in etwa so viel, wie Westdeutschland in den Wiederaufbau des Ostens pumpte. Die Strabag wird von diesem Bauboom mit Sicherheit profitieren“, urteilt der Experte. Dafür dürften allein schon die guten Kontakte von Oleg Deripaska sorgen.

Vor allem mit der Vergabe der Olympischen Winterspiele an Sotschi am Schwarzen Meer hat sich für Haselsteiner ein immenses Betätigungsfeld eröffnet. Bis 2014 sollen dort elf olympische Objekte entstehen, darunter ein Olympia-Park mit Eissportarenen sowie Wintersportanlagen. Laut Deripaska, der auch Großaktionär beim österreichischen Autozulieferer Magna ist, dürften mindestens 24 Milliarden Euro in Sotschi investiert werden. Die Strabag soll etwa an Hotels, Straßen, aber auch Sportanlagen mitbauen dürfen.

Sprecher Ebner taxiert die eingelangten Russland-Aufträge auf insgesamt 1,5 Milliarden Euro, im Vorjahr waren es noch 500 Millionen. Das größte Projekt ist der Bau eines neuen Stadtteils in Jekaterinburg im Auftrag des russischen Oligarchen Wiktor Wekselberg.

Auch andere Projekte scheinen viel versprechend zu laufen: So baut die Strabag unter anderem gerade eine Zementfabrik in Ungarn, Luxusvillen und Straßen in Katar und Dubai sowie ein Stahlwerk in Sibirien. Zuletzt schluckten die Österreicher das deutsche Bauunternehmen Möbius und übernahmen die Mehrheit an einer kroatischen Straßenbaufirma. Haselsteiner plant bereits weitere Firmenzukäufe in Russland, Deripaskas Businesskontakte dürften ihm dabei freilich behilflich sein. „Ich bezweifle, dass es gut ist, auf die Kontakte Deripaskas zu bauen. Denn wenn er bei Putin in Ungnade fällt, könnten dadurch direkt auch die Bauaktivitäten der Strabag gefährdet sein“, gibt Meinl-Analyst Matejka zu bedenken. „Die Aktie ist also mit gewisser Vorsicht zu genießen.“

– silvia Jelincic

Astrid Kleinhanns-Rollé, Managing Director der WU Executive Academy

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