Auch Täter müssen differenziert betrachtet werden

„Die adäquate Reaktion der Gesellschaft wird im schwierigen Weg der Strafe und Therapie liegen.“

Niemand wird bezweifeln, dass Kindesmissbrauch, Ver­gewaltigung und andere Formen sexueller Aggres­sion zu den schlimmsten Verbrechen gehören. Die Opfer müssen nicht nur Angst, Schmerz und Erniedrigung erleiden, sondern bleiben oft für ihr ganzes Leben traumatisiert. Umfassende Hilfe für die Betroffenen und Schutz der Gesellschaft müssen deshalb absolute Priorität haben. Ob durch eine Verschärfung des Sexualstrafrechtes diesen Ansprüchen Genüge getan werden kann, ist allerdings ­fraglich. Oft geforderte Maßnahmen wie Zwangskastration oder lebenslange Verwahrung können ein so komplexes Problem wie Sexualverbrechen, von leichten Belästigungen bis zu schwerem Sadismus, vom vergleichsweise harmlosen Exhibitionismus bis zum Sexualmord reichend, nicht lösen. Sexualverbrecher ist nicht gleich Sexualverbrecher. Bei manchen handelt es sich um unerfahrene Jugendliche, bei anderen um rücksichtslose Machos, bei den dritten um bösartige Narzissten. Viele Sexualstraftaten sind genau geplant, andere kommen eher zufällig, nach einer flüchtigen Bekanntschaft oder unter Alkohol­einfluss zustande.

Das eigentliche Problem liegt in der Unterscheidung zwischen den vielfältigen Formen der Sexualdelinquenz, zwischen ein­maligen Übergriffen und solchen mit hoher Rückfallsgefahr, ­zwischen therapiefähigen und ausschließlich bestrafungs­würdigen Tätern. Nur eine kleine, allerdings extrem gefähr­liche Gruppe muss zum Schutz der Gesellschaft auf Dauer, manchmal lebenslang, untergebracht werden. In einer hyper­sexualisierten Gesellschaft, in der Sexualstraftäter als Projek­tionsfiguren dienen, kann es weder um Radikallösungen noch um unkritische Therapiegläubigkeit gehen.
Das im Bereich der Drogenkriminalität bewährte Prinzip „Therapie statt Strafe“ stößt bei Sexualtätern an seine Grenzen. Die adäquate Reaktion der Gesellschaft auf eines der folgenschwersten Verbrechen wird wohl im schwierigen Weg der „Strafe und Therapie“, welcher sich am modernen Risiko­management orientiert, liegen.

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