Arbeiten bis wann? – solange man will und kann

Wie sicher sind die staatlichen Pensionen? In Deutschland wurde jüngst das Pensionsalter auf 67 erhöht. Folgt Österreich dem Beispiel?

Deutsche werden bis 2029 rund fünf bis sechs Lebensjahre gewinnen, zwei davon sollen sie länger arbeiten. Entgegen allen Medienmeldungen war ich nie für diese „Pension mit 67“. Stattdessen immer für Wahlfreiheit, den geltenden Korridor 62–68 nach oben zu öffnen und das Regelalter langfristig automatisch an die Restlebenserwartung anzupassen.

„Pension ab 67“ als „einziger Ausweg aus dem Pensionsdilemma“ ist Unfug: Es gibt immer Alternativen. Bessere. Man kann – fast – alles machen; aber alles hat Folgen, einen Preis. Etwa das Regelalter noch ein halbes Jahrhundert einzufrieren, weil Österreich „bis zum Jahr 2050 gut gerüstet“ ist und seit 2000 mehr reformiert hat als je zuvor. Das hätte dennoch einen hohen Preis – Vertrauens- und Pensionsverluste sowie höhere Beiträge.

Wie alle Parteien bin auch ich gegen ein höheres Pensionsalter vor 2010 – weil man Versprechen halten soll, selbst unüberlegte. Aber man müsste den geltenden Nachhaltigkeitsfaktor, der das ab 2007 erlauben würde, erklären; und wie Deutsche und Engländer die Beitrags- und Leistungsstabilität auf Jahrzehnte garantieren. Stellgrößen wie Pensionsanpassung, Beitragssatz und Steigerungsbetrag fix sowie den Bundesbeitrag begrenzt lassen und so die „Leistungsgarantie“ des Pensionskontos wirklich garantieren. Das erforderte eine automatische Anpassung der Pensionsformel an steigende Lebenserwartung, eine Art Langlebigkeitsklausel wie in Schweden.

Sleep kills (or harms) – der Schlaf tötet oder verletzt. Die Amerikaner wussten 1983, dass 2003 bis 2027 das Regelalter um einen Monat pro Jahr auf 67 angehoben wird, das sind 20 bis 44 Jahre Vorwarnzeit; die Deutschen 2006, dass sie das 2012 bis 2029 tun (sechs bis 23 Jahre Vorwarnzeit), weil sie 2000 nicht wagten, es bis 2035 zu machen. Zeitverlust durch Verschlafen führt immer zu mehr Tempo, zu einer Halbierung der Vorwarnzeit und 25 Prozent mehr Umsetzungsgeschwindigkeit. In extremis zu brutaler Killerspeed. Nur wer rechtzeitig handelt, kann sanft und fair sein; wer verschläft, den bestraft das Leben hart.

Übrigens: Wir leben länger und verrenten bei höheren Ansprüchen viel früher als Deutsche und Amerikaner. Konkrete Beispiele: Herrn Khols Lebenserwartung (zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags war ÖVP-Seniorenbundobmann Andreas Khol angefragt, einen Kommentar zu schreiben; Anm. d. Red.) wird ihn nach heutigem Wissen mindestens ins 84. Lebensjahr und ihm viele Lebensjahre Oberschichtbonus bringen. Frau Rudas hingegen kann im Alter von Herrn Khol über 26 Jahre dritten Lebensalters, also ein 92. Lebensjahr, plus Mittelschichtbonus erwarten – die Hälfte ihres Jahrgangs wird deutlich älter werden. Bereits in ihrer Generation werden zigtausend Hundertjährige sein, etwa 750-mal so viele wie in meiner Jugend. Lebenszuwachs im mittleren und im Pensionsalter: 51-Jährige werden 2050 noch 43 Jahre vor sich haben, drei Jahre mehr als 40-Jährige heute. 73-Jährige so lange weiterleben wie 65-Jährige heute.

Glaubt irgendwer ernsthaft, dass das gleiche Pensionsalter für Andreas Khol, Jahrgang 1941, und Laura Rudas, Jahrgang 1981, gerecht wäre? Dass Frau Rudas 2046 mit 65 abschlagsfrei in Pension kann? Dass es sinnvoll und fair ist, 2046 dieselben Altersgrenzen zu haben wie 1886 oder 1956 oder 2006? Und dass es für Junge überhaupt ein Thema sein kann, 2046 bis 67 oder 70 zu arbeiten? Frau Rudas scheint sympathisch, gescheit, sozial engagiert zu sein. Ob sie (oder Frau Fuhrmann) als Vertreterinnen der jungen Generation einfachste Wahrheiten überhaupt ansprechen können oder dürfen, ohne sich politisch zu schaden, wird zeigen, ob die Parteipolitik für Existenzfragen der Gesellschaft noch Zukunft hat.

Leider ist diese wichtige Zukunftsdebatte längst zu einem sterilen Erregungsritual verkommen: Wann immer ein Land das Pensionsalter erhöht und das, auf ORF-Nachfrage, nicht abgelehnt wird, bricht Entrüstung aus. Der immer gleiche, höchst dotierte ÖGB-Sekretär mahnt jedes Mal, nicht „ständig die gleiche Sau durch das Dorf zu treiben.“ Aus immer gleicher Reaktion weiß ich, wer welche Sau durchs Dorf treiben will. Diese alt bewährte Hetz erspart zwar keine Zukunftsvorsorge, aber spannendes Nachdenken. Bekanntlich lernen Kluge, wann immer sie können, Dumme erst, wenn sie müssen.

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