Anlageberater unter Beschuss

Finanzdienstleister machen schwere Zeiten durch. Gegen den AWD formiert sich ein Verein, der Fehler beim Verkauf von Immofinanz-Aktien verfolgen will.

Wolfgang Prasser ist schon einigermaßen nervös. Neben den Troubles durch den Absturz der Kapitalmärkte kann der Chef des Finanzdienstleisters AWD neues Ungemach nicht gebrauchen. Das droht aber: Wie FORMAT erfuhr, steht ein neuer Verein kurz vor der Gründung, der Kleinanlegern im Fall von Beratungsfehlern unter die Arme greifen und mögliche Schadenersatzansprüche durchsetzen will. Die Konstruktion steht, die Rechtsberater sind fixiert, der Name ebenso. Für April ist der Start geplant, aber noch halten sich die Initiatoren bedeckt. Eine der Hauptzielscheiben wird aber der AWD sein, über den unter anderem die Aktie der Immofinanz AG in großem Stil vertrieben wurde. Gekauft haben das Papier Finanzamtsmitarbeiter ebenso wie Fahrer von Müllwagen oder Umwelttechniker, Ärzte und Künstler. Viele haben die Dienste des AWD, der in Österreich insgesamt rund 100.000 Kunden hat, mit der Absicht in Anspruch genommen, bei ihrer finanziellen Vorsorge ja nichts falsch zu machen.

Nach dem massiven Rückgang des Immofinanz-Kurses sind viele Anleger verzweifelt. Der Verein, der Mitte April aktiv werden will, sieht zwei mögliche Stoßrichtungen für Leute, die Geld verloren haben: Erstens eine zu hohe Konzentration von Immofinanz-Aktien bei vielen AWD-Kunden – also eine zu geringe Streuung der Investments. Zweitens wird behauptet, dass Immofinanz in manchen Fällen als Fonds und nicht als Einzelaktie angepriesen wurde.
Rechtliche Expertisen wurden schon eingeholt. Ein Wiener Anwalt zur angeblich nicht ausreichenden Streuung: „Bereits im alten Wertpapieraufsichtsgesetz gab es Wohlverhaltensregeln. Jeder Berater hat seit Beginn der 90er-Jahre die Verpflichtung, auf einseitige Anlageempfehlungen zu verzichten.“ Wolfgang Prasser, Österreich-Chef von AWD, bestreitet diesbezügliche Vorwürfe entschieden: „Wir achten bei Empfehlungen auf ausreichende Streuung. Letztlich entscheidet aber der Kunde selbst.“ Prasser bezweifelt generell die Seriosität des Vereins: „Wir haben noch nichts von der Sache gehört. Normalerweise hätten sich Anwälte schon gemeldet.“

Aus vorliegenden Beratungsprotokollen von AWD-Klienten geht aber schon hervor, dass häufig zwei Drittel und mehr der jeweiligen Anlagesumme in Immofinanz-Papiere investiert wurde. Anfänglich war das tatsächlich ein Super- Geschäft: Von 1998 bis zum Hoch im April 2007 verlief der Kurs der Aktie wie an der Schnur gezogen nach oben. Das Papier legte um insgesamt 231 Prozent zu. Danach folgte der Crash aller Immo-Aktien. Auch die Immofinanz verlor fast die Hälfte ihres Werts.
Vielen Anlegern wurde deshalb erst in den letzten Monaten das Risiko bewusst. Umso heikler wäre der Vorwurf, sollte sich bewahrheiten, dass Anlegern die Aktie zuweilen als „inländischer Fonds“ oder als „Immobilienfonds“ verkauft wurde – um größere Sicherheit zu suggerieren. Zumindest aus ein paar älteren AWD-Papieren geht das hervor.
Dieses Vorgehen zeigte der Verein für Konsumenteninformation bereits im September 2001 im Rahmen eines Mystery-shoppings auf und stufte es als „bedenklich“ ein. Eine AWD-Kundin, die lange glaubte, mit Immofinanz einen Fonds im Depot zu haben: „Meine AWD-Beraterin erklärte mir, dass Immobilien nie an Wert verlieren können.“
Michael Lang von der Kanzlei Brand Lang Wiederkehr Rechtsanwälte in Wien sagt: „Nach uns vorliegenden Informationen war manchen AWD-Kunden nicht bewusst, dass sie in Wahrheit Aktien erwerben. Durch den Kursrutsch entstand teils ein erheblicher Schaden, für den Beratungsfehler ursächlich waren.“ Ähnlich argumentiert Franz Kallinger, Vorstand der AdvoFin Prozessfinanzierung, der bereits viele Kunden des Immofinanz-Konkurrenten Meinl European Land (MEL) vertritt: „Die Sachlage geht auch hier in Richtung einseitige Beratung.“

Haben Klagen eine Chance? Ein Advokat, der künftig für den Verein tätig sein wird, meint: „Betroffene Kunden können eine Klage einbringen auf Feststellung, dass das falsche Produkt vermittelt wurde.“ Ob gerichtliche Auseinandersetzungen aber wirklich zum Erfolg führen, ist offen. Denn die Materie ist komplex und selten eindeutig.
Mit Immofinanz habe das Ganze jedenfalls nichts zu tun, erklärt deren Vorstand Norbert Gertner: „Wie die Beratungen tatsächlich durchgeführt wurden, liegt nicht in unserer Verantwortung. Letztlich hat der Berater für das Ergebnis seiner Leistung einzustehen.“
Auch Wolfgang Prasser weist jede Verantwortung zurück: „Vielleicht gab es vor zehn Jahren zwei Fälle, wo ein Berater ein falsches Kreuzerl gemacht hat. Aber generell hatte bei uns immer alles seine Ordnung. Dass es sich bei Immofinanz um eine Aktie handelt, wurde unseren Kunden von Anfang an mitgeteilt – begleitet durch sämtliche Informationsmaterialien und Broschüren, aus dem die Wertpapierzugehörigkeit klar hervorgeht. Und: Wir haben zum Beispiel auch nie MEL-Papiere verkauft.“

Österreicher liebten Immo-Aktien. Nachdem schon die MEL-Affäre für viel Entrüstung sorgte, könnte eine Offensive gegen den AWD im Zusammenhang mit Immofinanz zusätzlich Staub aufwirbeln. Denn Immobilienaktien waren in der Vergangenheit bei den Österreichern besonders populär. Eine Aufstellung zeigt, dass sich Immofinanz in 17 Prozent aller Depots von Kleinanlegern findet. Zum Vergleich: Die wichtigsten 20 Wiener Aktien (ATX-Werte) wie OMV, Telekom, Erste Bank etc. bringen es zusammen auf 23 Prozent. Der tiefe Fall der Immo-Werte ist für die Finanzdienstleister auch unabhängig von eventuellen Auseinandersetzungen vor Gericht ein ernsthaftes Problem. Viele Kunden sind verärgert. Die Umsätze brechen ein, weil viele ihr Geld nicht mehr in Wertpapieren anlegen wollen – auch wegen der allgemeinen Krise der Finanzmärkte (s. Kasten links). Ein Insider: „Viele AWD-Mitarbeiter sind in Panik. Was derzeit läuft – den Kunden die schlechten Nachrichten zu überbringen –, wird in der Branche als Friedhofsgespräche bezeichnet.“ AWD-Chef Wolfgang Prasser räumt ein: „Wir haben jetzt viel Aufklärungsarbeit zu leisten.“

Von Robert Winter

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