Andreas Bierwirth im Landeanflug

Andreas Bierwirth gilt als Kandidat für den Chefsessel der AUA. Der 37-jährige Deutsche hat gute Kontakte zur Lufthansa, machte sich hierzulande aber bislang noch sehr rar.

Jedes Wort könnte gefährlich sein. Nicht einmal über Belanglosigkeiten möchte Andreas Bierwirth derzeit mit Journalisten reden. Denn der 37-Jährige wurde zuletzt – auch FORMAT berichtete – als möglicher künftiger AUA-Boss gehandelt. Vor allem, wenn die Lufthansa das Steuerruder der angeschlagenen Fluglinie übernimmt, werden dem Deutschen die besten Chancen eingeräumt, den derzeitigen General Alfred Ötsch zu beerben. Seit April ist Bierwirth Mitglied des AUA-Vorstands, zuständig für Marketing und Vertrieb. Seit einigen Wochen wird er mitunter als U-Boot, Horchposten oder trojanisches Pferd der Deutschen bezeichnet. Denn er hat vor seiner Ankunft in Wien auch bei der Lufthansa eine steile Karriere hingelegt, und es ist nicht klar, ob es zwischen ihm und Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber einen geheimen Pakt gibt.

Bis 24. August können Kandidaten für einen AUA-Einstieg ihr Interesse bei der Investmentbank Merrill Lynch in Frankfurt deponieren. Die Lufthansa wird jedenfalls dabei sein und hat exzellente Chancen. Vertreter von Merrill Lynch waren in dieser Woche bei Lufthansa-Boss Mayrhuber, der Österreicher ist.

Ein Überflieger der Lufthansa. Mit Sicherheit verfügt Bierwirth über gutes Rüstzeug für hohe Managerposten in der Air­linebranche. Der 1971 in Lünen in Westfalen Geborene lernte Bankkaufmann, studierte in Münster Betriebswirtschaftslehre beim bekannten Marketing-Professor Heribert Meffert und arbeitete sich von der Westair in Dortmund über Eurowings und Germanwings hoch zum Marketing-Manager der Lufthansa. In der Frankfurter Kranich-Zentrale stand Bierwirth mit Carsten Spohr (Lufthansa Cargo) und Ralf Teckentrup, Chef der Condor, in der Reihe junger Manager, denen beste Karriere­aussichten eingeräumt werden. „Es macht Sinn und wäre eine absolute Spitzenentscheidung, einen Airliner par excellence wie Bierwirth an die Spitze der AUA zu setzen“, sagt der erfahrene deutsche Luftfahrtjournalist Hein Vogel. Nur die Optik wäre etwas schief. Denn so ­einen Fall gab es schon einmal: Auch bei der Übernahme der Swiss saß dort mit Christoph Franz bereits ein Ex-Lufthanseat im Vorstand, der ganz an die Spitze der Fluglinie gehievt wurde, nachdem die Deutschen zugeschlagen hatten.

„Man spürt ihn intern kaum.“ Für den AUA-Betriebsratsvorsitzenden Alfred Junghans werden die Gerüchte rund um den möglichen Aufstieg Bier­wirths „nicht ganz uneigennützig“ gestreut. Er meint offenbar, Bierwirth selbst stecke dahinter, um Druck zu machen – was aber unwahrscheinlich ist. Denn Aufsehen um seine Person kann der Manager derzeit gar nicht brauchen. Laut Junghans wird Bierwirth AUA-intern kaum wahrgenommen: „Aber auch mit Ötsch ­haben wir jemanden, der im Betrieb nicht spürbar vor­handen ist.“ Niki Lauda hält hingegen viel von Bierwirth. „Er kennt sich im Geschäft aus. Er ist kreativ und hat Ideen, was man bei der AUA sonst kaum findet, weil alle ja jahrelang das Gleiche gemacht haben.“ Auch Germanwings-Geschäftsführer Joachim Klein findet nur lobende Worte für seinen Vorgänger: „Er hat nicht nur Kerosin im Blut, sondern kennt auch das System der Airline im Detail.“

Für den Posten in Österreich hat sich Bierwirth nicht beworben. Er wurde vom Headhunter Spencer Stuart angesprochen. Bierwirth zog daraufhin Erkundungen bei anderen Luftfahrtmanagern ein, machte sich über die Situation am österreichischen Markt und die politischen Strukturen schlau und sagte schließlich im Dezember 2007 „ohne Zögern“ zu. „Ich trage die Strategie der Unabhängigkeit der AUA klar mit“, sagte er damals. Und dass an Spekulationen, wonach er die AUA auf Kurs Richtung Lufthansa trimmen soll, „nichts dran“ sei.

Mittlerweile setzt sich auch Bierwirth offiziell für einen starken Partner ein. „Sonst ist eine Reduzierung der AUA-Flotte von derzeit knapp 100 Flugzeugen auf 40 bis 50 Maschinen erforderlich“, warnte er vor einigen Tagen. Im Mai, ­einen Tag nachdem klar wurde, dass es kaum noch Chancen auf einen Einstieg des Inves­tors Al Jaber gibt, kaufte Bierwirth 7.500 Stück AUA-Aktien für 31.275 Euro. Mittlerweile ist das Paket 2.500 Euro mehr wert.

„Er muss keine Rücksicht nehmen.“ Probleme mit seinem früheren Arbeitgeber hat Bierwirth nicht. „Man kann seine Vergangenheit nicht abschütteln, und das will ich auch nicht“, sagte er vor einigen Wochen im Interview mit FORMAT. Dass er sein Netzwerk gerade in Deutschland nutze, um immer wieder die Stärken der AUA darzustellen, sei selbstverständlich.
„Das Wichtigste ist, dass Bierwirth von außen kommt und daher nicht von typisch österreichischen Vorstellungen verdorben ist“, meint Lauda. „Probleme könnte er nur bekommen, wenn die Politik nach der AUA-Privatisierung noch was zu sagen hat. Denn Erfahrung, wie man hier in harten Polit-Matches besteht, hat er keine.“

Auch Hannes Schwarz von Carlson Wagonlit Travel, einem der größten Geschäftsreiseanbieter Österreichs, ist skeptisch, ob Bierwirth der ideale AUA-CEO wäre: Wegen der Vorbehalte würden die Lufthanseaten gleich mit einem Deutschen antreten. Ansonsten streut Schwarz dem Mann Rosen: „Er hat sich schon mit allen großen hiesigen Reisebüros getroffen und bewiesen, dass er den Markt sehr gut kennt. Von Überheblichkeit keine Spur.“ Der Journalist Hein Vogel sieht in Bierwirths Politikferne sogar eine Chance, denn so müsse er weniger Rücksicht nehmen – etwa wenn es demnächst um Personalabbau bei der AUA geht. Und Michael Gravens, der Chef des Airports Köln-Bonn, streicht hervor: „Bei einer möglichen Übernahme der AUA durch einen Big Player bringt er Verständnis für beide Seiten mit. Er weiß, wie beide ticken, und kann viele Schwierigkeiten einer solchen Zusammenführung ausräumen.“

DJ Ötzi war sein Passagier. Den vielgelobten Manager zieht es regelmäßig selbst Richtung Cockpit. Auch kürzlich, auf einem Linienflug von Wien nach Damaskus, war Bierwirth nicht auf den neuen Business-Class-Sitzen des AUA-Pre­mium-Jets zu halten. Er begab sich nach vorn zu den Piloten. Da Bierwirth auch eine Berufspilotenausbildung hat, gibt es genug Gesprächsstoff. Bereits als Teenager begeisterte sich der ehrgeizige AUA-Vorstand für das ­Segelfliegen. Mittlerweile steuert er regelmäßig zweimotorige Propellerflugzeuge: etwa die Ambulanzdienste des deutschen Autofahrerclubs ADAC, bei denen es dar­um geht, Verletzte aus ­anderen Ländern zurück in die Heimat zu bringen. Auch für Taxiflüge kann man den jugendlich aussehenden Brillenträger buchen. „Ich erinnere mich gut, einmal DJ Ötzi als Passagier befördert zu haben“, erzählt Bierwirth. Der Deutsche ist ein moderner Pendler: Nahezu wöchentlich fliegt er von Wien zu seiner Familie in die alte Heimat Köln – meistens mit Germanwings. Bezug zu Österreich hatte er schon, bevor er hier zu arbeiten begann: Mit seinen Eltern machte er regelmäßig Ferien in Tirol, seine Ver­lobung zelebrierte er im Wiener Hotel ­Sacher.

Ötsch-Ablöse kostet über eine Million Euro. Hält der Zeitplan, ist es möglich, dass die Lufthansa, der nach wie vor die besten Chancen bei der AUA-Privatisierung eingeräumt werden, bereits mit Jahresbeginn 2009 das Sagen in Österreich hat. Völlig unabhängig von Bierwirth wird es für Alfred Ötsch, dessen Vertrag noch bis Ende März 2011 läuft, dann wohl heißen: Koffer packen. Seine Ablöse dürfte mehr als eine Million Euro kosten.
„Nicht nur die sachliche Seite stimmt, sondern auch die menschliche“, sagte Ötsch im Dezember, als er Bierwirth vorstellte. Ob er das immer noch so sieht, ­darüber wird auch geschwiegen.

M. Koch, K. Hofmann, R. Kanzian

Digitalisierung: Vorwärts in die Zukunft

Künstliche Intelligenz: Keine Angst vor denkenden Computern

Italien: Was die Wirtschaft zum Kollabieren bringen könnte

Geld

Italien: Was die Wirtschaft zum Kollabieren bringen könnte

Reinhold Gütebier, CEO Kika/Leiner

Wirtschaft

Neuer Kika/Leiner-Chef Gütebier will mehr Glanz im Möbelreich