Amstetten: Die pervertierte Zuspitzung eines überholten Familienbildes

Wie Familien ihre wichtige Funktion erhalten können.

Kurz vor Ende der sonntäglichen „Im Zentrum“-Debatte über das grauenhafte Verbrechen von Amstetten ließ der sonst souverän sachlich argumentierende Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze einem Gefühl freien Lauf: Er sei froh, dass sich seine Frau während der Pubertät seiner Kinder daheim um deren Erziehung gekümmert habe. Diese Botschaft klang so authentisch wie in diesem speziellen Zusammenhang unpassend. Denn die Familie Fritzl entsprach äußerlich der von ihm gepriesenen Familienidylle. Ein strenger Vater, gut verdienend, eine Mutter, die ihm gleich sieben Kinder gebar und keinen Beruf ausübte, die Sprösslinge längst außer Haus, der jüngste 30, der älteste 50. Und dann hatte dieses Vorzeigepaar auch noch drei Enkerln adoptiert, für die es rührend sorgte, Kinder des einzigen „schwarzen Schafs“, einer Tochter, die mit 18 verschwunden war, angeblich einer Sekte verfallen. Die Realität hinter dieser Fassade konnte (wollte?) niemand ahnen: dass die Enkel des Mannes gleichzeitig seine Kinder waren, geboren von der immer wieder sexuell missbrauchten Tochter, die er mit drei weiteren Enkeln 24 Jahre in einem Verlies gefangen hielt. Es wäre unsinnig, die völlig pervertierte Zuspitzung des beschworenen heilen Familienbildes diesem anzulasten (die Familie als Verlies statt als Schutz, der Vater nicht als schützendes Oberhaupt, sondern als lebensbedrohender Tyrann) – aber es stimmt mit der Realität immer weniger überein.

Beispiel Kinderbetreuung: Die Industriellenvereinigung, in Sachen (Aus)bildung immer mehr gesellschaftspolitischer Vorreiter, hat bereits vor mehr als einem Jahr die Zahl der fehlenden Kinderbetreuungsplätze mit „bis zu 100.000“ beziffert. Und ausgeführt, warum dieses Defizit auch aus wirtschaftlicher Sicht zu beseitigen sei: Es gehöre zu den „maßgeblichen Herausforderungen des Industrielandes Ös­terreich“, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen – um Frauen mehr Chancen auf gute Ausbildung und Vollzeitsarbeitsplätze zu ermöglichen und so die Einkommensdifferenzen zwischen Frauen und Männern zu verringern. Und auch um die vergleichsweise niedrigen Geburtenraten zu erhöhen: jene europäischen Länder mit den höchsten – die skandinavischen sowie Frankreich – weisen auch die beste Versorgung mit Kinderbetreuungs­plätzen auf. Und was passierte eben: Die Ministerinnen Bures und Kdolsky haben alle Hände voll zu tun, die konservativ regierten Bundesländer zu überzeugen, doch bitte auch einige von den 15 Millionen Euro, welche der Bund zum Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen zur Verfügung gestellt hat, in Empfang zu nehmen. Begründung der ursprünglichen Weigerung: Die Millionen sollten auch für Tagesmütter (was ohnehin geplant war) und für Halbtagskinder­gärten zur Verfügung stehen (was nicht ganz Sinn der Sache war).

Beispiel Schulpolitik: Noch immer ist Österreich (neben Teilen Deutschlands) das einzige „moderne“ Land der Welt, in dem Kinder bereits im Alter von zehn Jahren aussortiert werden und in dem fast alle (auch die „höheren“) das zweifelhafte Privileg besitzen, nachmittags großteils ohne schulische Anbindung herumzuhängen. Folge: ein wachsendes Heer von schlecht ausgebildeten Jugendlichen ohne Chance auf einen Arbeitsplatz – mit allen Konsequenzen, wachsende Kriminalität inklusive. Wer das ändern will – wie das ministerielle Reformduo Schmied und Hahn –, sieht sich einer Heerschar konservativer Blockierer gegenüber: Ideologen, welche vor „Nivellierung“ warnen (statt die Vergeudung von Ressourcen zu beklagen, die eben oft erst in einem späteren Alter entdeckt werden), manchen Lehrern, welche um ihre Privilegien bangen, Jugendlichen selbst, die nachmittags lieber stundenlang vor Computerspielen hocken statt in Schulklassen. Nicht zu vergessen Landeshauptleuten, die sich nur in einem einig sind: kein Kompetenzverlust! Und daher keine einheitliche Lehrerausbildung und -anstellung.

Wie wäre es mit einem Zukunftsbild, das nur in Österreich „visionär“ genannt werden muss: Kinder, welche ab 3 Jahren von gut ausgebildeten und bezahlten KindergärtnerInnen spielerisch ans soziale Leben herangeführt werden; Jugendliche, welche dann gerne in (natürlich differenzierten) Ganztagsschulen gefordert und gefördert werden; besser motivierte, weil gesellschaftlich hoch anerkannte Pädagogen, welche zuerst einheitlich und erst dann für alle Altersstufen zwischen 3 und 18 Jahren speziell ausgebildet werden; Mütter, die ohne schlechtes Gewissen einem – dann erfüllenden – Beruf nachgehen können. Und solcherart ermöglichte partnerschaftliche Beziehungen in Familien, die nur so ihre wichtige Funktion real behalten könnten, statt immer wieder – nicht nur in der komplett pervertierten Form von Amstetten – an überholten Bildern einer angeblich heilen Welt von allein verdienenden Vätern und daheim sorgenden Müttern zu scheitern.

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