Alfred Dorfer gut im Bilde

Seine TV-Show hat Kultstatus, die Kabarettprogramme sind ausverkauft. Alfred Dorfer über Erfolg, Fußball, die Zukunft des Fernsehens und die Vermünchnerung von Wien.

Als Menschenbeobachter ist Alfred Dorfer immer im Dienst. Das stresst zwar manchmal, wie er betont, aber er sei einfach zu neugierig, wie sich Menschen verhalten und warum. Aus der Ruhe bringt den 47-Jährigen dennoch kaum etwas. Es sei denn, sein 18-jähriger Sohn hat gerade Matura. Das lässt sogar den Liveperformance-Routinier immer wieder aufs Handy schielen.
Mit seinem Programm „fremd“, das anspruchsvoll Skurrilität mit politischem Bewusstsein und Sprachwitz paart, ist der Kabarettist nach Gastspielen in Deutschland nun wieder auf Österreich-Tour, und mit ­seinem TV-Format „Donnerstalk“ lotet er gewieft die Grenzen des ORF-Gesetzes aus. Durchschnittlich verfolgen 370.000 Zuseher die Show, Tendenz steigend.

Format: Trotz kritischer Töne scheint Alfred Dorfer niemandem wirklich unsym­pathisch zu sein. Macht das Angst?
Dorfer: Ich glaube nicht, dass ich wirklich allen sympathisch bin, das beweisen die Reaktionen auf „Dorfers Donnerstalk“, man kennt mich nur einfach als Person nicht. Aber Sympathie kann man sich mit Satire ohnehin nicht erwerben. Wir Satiriker müssen ja weder sympathisch noch schön sein. Das ist nicht unsere Liga.

Format: Sie gelten als Starkabarettist. Was heißt das denn für Sie?
Dorfer: Das ist einer, der relativ viele Zu­schauer hat und den man aus dem Fernsehen kennt. Es ist jedenfalls keine Qualitäts-, sondern eine Prominenzfrage.

Format: Sie spielen nun im Akademie­theater. Hat sich die Kabarettszene in die Theater verlagert?
Dorfer: Es hat sich viel verändert, weil sich die Situation der Kabaretthäuser verändert hat. Man fragt sich etwa, wohin das Vindobona verschwunden ist. Aber ich war immer der Meinung, nicht das Publikum soll zu mir kommen, sondern ich gehe zum Publikum. Deswegen haben wir auch das Audimax bespielt, und deswegen versuche ich eine Synergie zwischen dem sogenannten Kabarettpublikum und dem sogenannten Theaterpublikum herzustellen. Das ist ja seelenverwandt.

Format: In Deutschland reüssieren ja eher Comedians wie Mario Barth.
Dorfer: Die deutsche Comedy hat eine andere Genesis. Das ist eine Fernsehgeburt, man hat diesen Starkult dann in Liveauf­tritte transportiert. Das ist abgeschaut vom amerikanischen Raum und den kurzen Clubgigs, bei denen man den Ball flach halten muss und die Themen redundant sind. Die Gretchenfrage ist: Will man das einen Abend lang sehen?

Format: Von Ihrem Programm „fremd“ existiert auch eine Deutsch­land-Fassung. Ist das Humorverständnis wirklich so unterschiedlich ausgeprägt?
Dorfer: Es gibt Unterschiede, wenn auch nicht dahingehend, dass wir humorvoll und die Nachbarn humorlos sind, sondern deswegen, weil die Deutschen über andere Dinge lachen und über Bösartiges wirklich empört sind.

Format: Wann vergeht Ihnen der Humor?
Dorfer: Zum Beispiel bei der aktuellen Amstetten-Geschichte. Da kann ich gar nicht lachen.

Format: Inwiefern darf das Thema Fußball bei einem bekennenden Austria-Fan humoristisch behandelt werden?
Dorfer: Nur mit dem gebührenden Res­pekt. Ich habe ja auch den Herbert Prohaska in der TV-Show, der einen supertrockenen Schmäh hat, einen besseren als so mancher Kollege von mir. Aber ich mache sicher keine Witze zum Thema Fußball, weil ich das öde finde. Fußball ist doch Gegenstand von Humor für Pseudointellektuelle. Fußball ist schick ge­worden, aber diese Schickheit nährt sich aus einer Überlegenheit. Das hat in der schwarz-blauen Koalition angefangen, wo man Zugriff hatte zur Sportberichterstattung im Fernsehen. Plötzlich waren ständig Politiker im Bild. Mittlerweile sitzt auch der Alfi Gusenbauer bei jeder Sportveranstaltung dabei. Das ist mir unangenehm, und ich ärgere mich darüber.

Format: In „Dorfers Donnerstalk“ stellen Sie die Mechanismen im ORF bis zur Kenntlichkeit bloß. Haben Sie unter der neuen ORF-Führung Narrenfreiheit?
Dorfer: Die Kombination Lindner/Mück war – sagen wir – humorfrei, besonders was das eigene Unternehmen betroffen hat. Nun gibt es keine Restriktionen mehr. Die einzigen Schranken sind das ORF-Gesetz und das Einhalten der 40 Minuten Sendezeit.

Format: Wie kann man das Format in Zukunft noch ausreizen?
Dorfer: Ich möchte noch mehr Livemomente, noch mehr Interaktion und immer weniger Konserve. Ich will so eine Art Happening, etwas, wobei man das Gefühl hat, es ist nicht wiederholbar.

Format: Apropos wiederholbar. Gibt es eigentlich den Kabarettfilm noch?
Dorfer: Das ist ursprünglich ein Schimpf­­wort gewesen und hat sich gegen Sicheritz, Düringer und mich gerichtet. Wir haben da ein Dreiergenre gegründet, den Stempel gab es ab „Muttertag“. Für mich hat sich der Begriff aber erledigt, weil ich keine Filme mehr mache, zumindest keine eigenen. Mich interessieren Livegeschichten mehr.

Format: Und warum spielen Sie dann als Ex-Josefstadt-Schauspieler nicht Theater?
Dorfer: Weil ich es nicht kann. Ich stehe zu meinem Jahr an der Josefstadt, aber meine ganze Karriere dort bestand Anfang der 80er-Jahre aus einer Pantomimenrolle. Ich kann einfach Texte von anderen Menschen nicht gut bearbeiten.

Format: Was ist guter Humor?
Dorfer: Der beste Hu­mor ist die Selbstironie, nicht als Nabelschau oder Therapiestunde, sondern als Selbsterkenntnis, und jener Humor, der die Tragik mittransportiert. Dem Publikum ist jegliche Intellektualität zumutbar, denn die große Philosophie ist einfach.

Format: Klingt nach Mission …
Dorfer: Ich glaube daran, dass wir – nicht nur die Kabarettisten, sondern alle Theaterleute – Gedankengänge ins Rollen bringen können. Es geht mir dabei aber nicht darum, dass jemand meine Meinung übernimmt. Die Kraft des Theaters liegt, im Ge­gensatz zum Film, darin, dass sie durchschaubar ist als nicht perfekte Realitätsimitation. Der Film hingegen kann einen total vereinnahmen und ist, wie Adorno richtig gesagt hat, ideal für Faschismus. Diese dunkle Seite hat die Bühne nicht.

Format: Gibt die momentane Regierung in den Augen des Kabarettisten mehr her?
Dorfer: Als Theaterfiguren sind Schüssel und Gusenbauer ganz konträr. Die Unantastbarkeit und blasierte Arroganz eines Wolfgang Schüssel ist jemandem gewichen, der kein Fettnäpfchen auslässt. Also was die Satire betrifft, ist Gusenbauer der wesentlich dankbarere Kanzler. Sein Verhalten führt nur mittlerweile zu einer Art Helmut-Kohl-Effekt: Man wundert sich nicht mehr, weil er nichts auslässt. Da wird es für die Satire fast schon spannungslos. Im Grunde genommen haben viele geglaubt, dass die schwarz-blaue Regierung nicht zu toppen ist, mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher …

Format: Sie waren noch kein Dancing Star und haben für keine Homestory posiert …
Dorfer: Ich bin kein Oberlehrer, aber ich weiß, was ich nicht machen darf: Dazu zählt Werbung, aber auch, dass ich mich nicht über Prominenz definiere. Die einzige Sinnhaftigkeit, die Prominenz für mich hat, ist, dass meine Charityprojekte – ich habe zwei Fonds für alleinerziehende Mütter – besser funktionieren.

Format: Schauen Sie selbst eigentlich auch fern?
Dorfer: Freiwillig schaue ich nur Fußball und historische Dokumentationen. Alles an­dere verfolge ich nur beruflich. Aber etwas wie „Dschungelcamp“ & „Promidinner“ schaue ich nicht einmal beruflich, weil mich die Satire, die auf die Seitenblickegesellschaft ab­zielt, nicht interessiert. Promis als Ziel sind fad.

Format: Dennoch steigt der Anteil an D-Prominenz kontiniuierlich. How low can it go?
Dorfer: Es hat auch hierzulande eine gewisse Vermünchnerung stattgefunden. Man hat sich an das deutsche Modell angelehnt und macht mit Unfertigkeit und Unzulänglichkeit Quote. Das ist eine normale Entwicklung des Fernsehens, um den Untergang hinauszuzögern. Wenn man bedenkt, welche Bedeutung Fernsehen in den 50er-Jahren noch hatte. Das Fernsehen hat nur noch zwei Qualitäten: die Livegeschichte und die kommentierte Information. Das heißt, man lässt sich die Vorgänge von jemand Glaubwürdigem erklären. Und das sind in der Regel ältere Herren mit grauen Haaren …

Von Interview: Michaela Knapp

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