Airbus-Absturz: Germanwings-Copilot am Flugtag krankgeschrieben

Airbus-Absturz: Germanwings-Copilot am Flugtag krankgeschrieben
Airbus-Absturz: Germanwings-Copilot am Flugtag krankgeschrieben

Das Cockpit eines Airbus A320

Der Copilot, der das Germanwings-Flugzeug zum Absturz gebracht hat, hatte seinem Arbeitgeber offenbar eine Fluguntauglichkeit verheimlicht. Psychiater warnen vor schnellen psychologischen oder psychiatrischen Erklärungsversuchen. Einige Airlines haben nach dem Unglück die Cockpit-Regeln geändert.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat in der Wohnung des Kopiloten der abgestürzten Germanwings-Maschine unter anderem eine "zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen" gefunden. Das teilte die Behörde am Freitag mit. Das würde bedeuten, dass der Copilot nicht fliegen hätte dürfen. Das unterstütze "nach vorläufiger Bewertung" die Annahme, dass der Verstorbene "seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat". Um welche Krankheit es sich handelte, blieb zunächst offen.

Die in der Wohnung gefundenen "Dokumente medizinischen Inhalts" wurden sichergestellt. Sie deuten auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hin, wie die Staatsanwaltschaft Düsseldorf mitteilte. In der Wohnung wurden jedoch weder ein Abschiedsbrief noch Bekennerschreiben gefunden. Es gibt demnach weiterhin keine Anhaltspunkte für ein politisches oder religiöses Motiv als Erklärung des Unglücks.

Psychische Probleme

Deutsche Medien hatten berichtet, dass der Kopilot psychische Probleme hatte. Die Annahme stützt sich auf Informationen, nach denen der 27-Jährige vor sechs Jahren insgesamt eineinhalb Jahre lang in psychiatrischer Behandlung gewesen sein soll. Er sei in seinen Flugkursen mehrfach wegen Depressionen zurückgestuft worden. Bei Abschluss der Ausbildung 2009 wurde dem Bericht zufolge eine "abgeklungene schwere depressive Episode" diagnostiziert.

Auch vor dem Flugzeugabsturz habe sich der Copilot in "besonderer, regelhafter medizinischer Betreuung befunden", berichtete "Bild". Ein Vermerk in der Akte des Kopiloten beim Luftfahrtbundesamt habe ebenfalls auf massive psychische Probleme hingedeutet. Speigel Online berichtete ebenfalls, Ermittler hätten Hinweise auf eine psychische Erkrankung entdeckt.

Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen

Die Austro Control hat im Auftrag des Verkehrsministerium eine Betriebstüchtigkeitsverlautbarung erstellt, die ab sofort ein Vier-Augen-Prinzip im Cockpit österreichischer Airlines vorsieht. Die Regelung wurde als Folge des Germanwings-Absturzes vereinbart und gilt ab sofort.

Am Nachmittag wird es mit den heimischen Fluglinien Austrian Airlines und flyniki Gespräche geben, wie die Verlautbarung umzusetzen ist, hieß es aus dem Verkehrsministerium. Die Betriebstüchtigkeitsverlautbarung (Safety Directive) ist im Luftfahrtsgesetz verankert.

Auch die deutschen Fluggesellschaften führen ab sofort die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) gab die enstprechende Vereinbarung bekannt.

Die EU überlegte am Freitag ebenfalls wegen zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen. Demnach laufen Gespräche mit der Industrie und den EU-Staaten. Vor allem werde die Frage, wie viele Personen im Cockpit sein müssen, derzeit sehr genau untersucht, hieß es weiter. Für andere Aspekte sei es derzeit noch zu früh. Die Ergebnisse der technischen Untersuchung zu dem Flugzeugabsturz müssten abgewartet werden.

In der europäischen Luftfahrt war es nach Angaben eines Sprechers der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) bisher nicht vorgeschrieben, dass ein Pilot, wenn er das Cockpit verlässt, durch ein Besatzungsmitglied ersetzt wird. In den USA sehen die Richtlinien der Luftfahrtbehörde FAA hingegen vor, dass sich grundsätzlich zwei Personen im Cockpit befinden.

"Die ständige Anwesenheit von zwei Personen im Cockpit ist Pflicht", sagte eine FAA-Sprecherin. Sollte sich einer der Piloten entfernen müssen, so müsse er für diese Zeit von einem Besatzungsmitglied ersetzt werden. In Reaktion auf den Germanwings-Absturz in Südfrankreich verschärfte auch Kanada seine Sicherheitsvorschriften für die Luftfahrt. Die Zwei-Personen-Regel gelte ab sofort, erklärte Verkehrsministerin Lisa Raitt in Ottawa. Australien überprüfte ebenfalls die Regeln für die Cockpit-Besetzung.

Große europäische Fluglinien wie die Germanwings-Mutter Lufthansa - gleichzeitig auch Muttergesellschaft der Austrian Airlines (AUA) - und die Air France kündigten an, ihre Regeln in den Cockpits zu überlegen. Gegen Mittag kündigte die skandinavische SAS an, Piloten nicht allein im Cockpit sitzen zu lassen.

Voreilige Erklärungsversuche

Nach Ereignissen wie jenen rund um den Airbus-Passagierjet von Germanwings werden oft schnell psychologische oder psychiatrische Erklärungsversuche laut. Das ist voreilig, sagte der Tiroler Psychiater Christian Haring, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), am Freitag gegenüber der APA.

"Grundsätzlich sollte man nicht sofort Hypothesen zur Erklärung irrational erscheinender Ereignisse auf den Tisch legen. Wir von der Österreichischen Fachgesellschaft für Psychiatrie möchten einmal grundsätzlich die Erhebungen der Behörden abwarten. Vorher ist alles Spekulation", betonte Haring, der seine Stellungnahme zuvor mit dem Präsidenten der österreichischen Fachgesellschaft, dem Wiener Psychiater Georg Psota, diskutiert hatte.

Das Drängen mancher Teile der Öffentlichkeit auf Erklärungen sei zwar verständlich und eine natürliche Reaktion des Menschen, greife aber ohne fundierte Basis leicht zu kurz. Haring warnte auch vom schnellen Aufzählen aller möglichen und unmöglichen psychischen Zustandsbilder, welche Menschen zu zunächst nicht begreifbaren Taten veranlassen können: "Man sollte auch nicht sofort die Litanei der Psychopathologien herunterbeten. Das ist problematisch und stigmatisiert die Betroffenen von solchen Erkrankungen."

Hinzu kommt, dass psychiatrische Erkrankungen und schwere Störungen nicht urplötzlich auftreten. "So eine Störung stellt sich nicht von einer Minute auf die nächste ein." Für einen Akt, wie ihn offenbar der Kopilot der Germanwings-Maschine gesetzt haben dürfte, seien Planung und Koordination in einem hohen Maß notwendig.

"Wenn es ein aggressiver Akt war, dann war es ein massiv aggressiver Akt. Er wendet sich aus meiner Sicht in erster Linie gegen die Luftfahrt. Zu bedauern sind dabei zuvorderst die Menschen, die Opfer geworden sind", sagte Haring. Hätte der Kopilot im privaten Rahmen einen Suizidversuch begangen, wäre das für die Öffentlichkeit nicht weiter "interessant" gewesen.

Trotzdem sei Ursachenforschung wichtig, meinte Haring. "Man hat ja gerade in der Luftfahrt aus seltenen technischen Problemen immer wieder gelernt und die Systeme verbessert."

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