Adieu, mein schönes Salzburg

Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß ist vom unzivilisierten Auftreten der neuen Reichen und des alten Adels in diesem Festspielsommer so angeekelt, daß er seiner Heimatstadt während dieser „rauhen Jahreszeit“ künftig den Rücken kehren wird.

Kürzlich war ich abends mit Bekannten aus dem ehemaligen Ostblock in Salzburg unterwegs. An einer Kreuzung bedeuteten uns vier Polizisten unwirsch, keinen Schritt weiterzugehen. Eine endlose Reihe silbergrauer Luxuswagen näherte sich und wurde durchgewunken. Nach und nach hatten sich wohl an die hundert murrender Leute angesammelt, die die Straße überqueren wollten, von dem Stau, der sich rasch auf den Querstraßen gebildet hatte, ganz zu schweigen. Doch die Wagen, von jungen, adretten Chauffeuren gesteuert, mit zwei, drei Insassen belegt, mußten zuerst allesamt passieren, ehe das, was man wohl die Zivilgesellschaft nennen könnte, sich wieder bewegen durfte. Fast wie früher bei uns, strahlte mein Bekannter, ein polnischer Satiriker, der sich darüber amüsierte, daß im realen Salzburger Kapitalismus von 2002 die Nomenklatura freie Fahrt hat wie weiland im realen Sozialismus.
Das war natürlich arg übertrieben und auch deswegen kein treffender Vergleich, weil die kommunistische Nomenklatura für Unterdrückung und Langeweile stand, während die Luxuswagen in Salzburg für Freiheit und Unterhaltung unterwegs sind. Die sechzig Autos gehören der Firma Audi, die einer der vier Hauptsponsoren der Festspiele ist und der im Zentrum der Stadt mit einem Denkmal von rätselhafter Symbolkraft gehuldigt wird. Am Hanuschplatz steht auf einem Stück Rasen ein Wagen der nämlichen Luxusklasse auf erhöhtem Podest, und da Salzburg eine Stadt der Künste ist, muß man befürchten, daß es sich dabei womöglich um ein Kunstwerk handelt und nicht um einen vulgären Klotz Reklame, mit dem der öffentliche Raum privatisiert wird. Freilich, was Kunst und was Werbung ist, wo Kritik aufhört und Marketing beginnt, das weiß niemand mehr auseinanderzuhalten, seit Palmers die Opernbühnen dekoriert und für die Unterwäsche der Sängerinnen aufkommt.
Was will uns das Denkmal in seiner expressiven Sachlichkeit sagen? Ich glaube, es sagt uns: „Seht her, ich bin ein Auto und koste 75.000 Euro, natürlich kann mich nicht jeder kaufen, aber immerhin danach sehnen sollen sich alle.“ Daß der Audi an so exponierter Stelle steht, zeugt von der neoliberalen Verrohung, der wir alle ausgesetzt sind. Mit der gleichen ästhetischen und sozialen Berechtigung könnten Denkmäler in der Stadt auch dem siegreichen Börsenspekulanten, dem wehrhaften Aktionär oder einfach dem anonymen Millionär gewidmet sein.

Der neue Stand
Die vier großen Sponsoren der Festspiele geben der Kunst ihre materielle Freiheit und verlangen im Gegenzug für ihre Klienten gebührende Unterhaltung. Daß sie das wünschen, kann man verstehen, daß man es ihnen gewährt, muß man kritisieren. Tatsächlich wirkt Salzburg in diesem Sommer, als wäre es in den Besitz einer internationalen Party-agentur übergegangen, der die Festspiele ein Anlaß, eine Ausrede, jedenfalls eine gute Gelegenheit sind, ihre Kundschaft einmal an diesem Ort zu betreuen. Was sich ereignete, kaum daß der neue Intendant in seiner Eröffnungsrede heftig dagegen gewettert hatte, daß „das Netzwerk der Party-, Vergnügungs- und Eventkultur auch die Festspielstätten erfaßt“, fegte dessen Kapuzinerpredigt schwungvoll hinweg und kam für viele Salzburger überraschend. Denn sie sahen sich unvermittelt einem die ganze Stadt für sich beanspruchenden Spektakel gegenüber, in dem sich ein neuer Stand, der von der Gräfin Gloria bis zum DJ Ötzi reicht, ohne Rücksicht auf Verluste, bar jeden Schamgefühls und jenseits aller Peinlichkeiten selbst feiert. Was ist das für ein neuer Stand, warum tritt er gerade jetzt so unzivilisiert auf, und wie ist es ihm gelungen, die Festspiele zu erobern?

WAS GAUSS ÜBER DIE PROMIPARADE DENKT LESEN SIE IM FORMAT Nr. 33 .

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