Abgebrannt: Der Niedergang des US-Dollar

Die amerikanische Leitwährung ist derzeit Mittelpunkt wildester Spekulationen. FORMAT untersucht, ob der Greenback nun endgültig ausgedient hat und ob der Euro stark genug ist, seinen Platz einzunehmen.

Neulich an der Grenze zu Ghana: Es ist Bestechungsgeld zu bezahlen. Lokales Geld wird in Millionen gezählt, in Plastiksäcken transportiert und ist bei der Polizei wenig beliebt. Unwillig gräbt die Reisende einen Hundert-Dollar-Schein aus der Tasche. Doch der Mann in Uniform sieht das labbrige Papier naserümpfend an und fragt: „Haben Sie keine Euro?“

Der Vertrauensverlust in den Dollar dringt derzeit bis in die letzten Ecken der Weltwirtschaft vor. 2002 bekam man für einen Euro nur 86 Dollar-Cent – derzeit kratzt der Kurs an 1,50 Dollar. Gegen einen handelsgewichteten Währungskorb hat der Greenback in den vergangenen fünf Jahren ein Viertel seines Wertes verloren, und jede Äußerung von Zweifel drückt den Kurs weiter nach unten: Erst dachten die Opec-Staaten hinter verschlossenen Türen darüber nach, Öl in Zukunft in Euro zu fakturieren. Irans Präsident Mahmud Ahmadinejad beschimpfte nach dem Treffen das einstige Bollwerk Dollar als „wertloses Stück Papier“. Dann ließ China – das 1,4 Billionen Dollar hält und täglich weitere kauft – die Bemerkung fallen, man solle die Währungsreserven diversifizieren. Es folgten die Präsidenten von Venezuela und Ecuador und bejubelten das Ende der Dollar-Ära. Das mag Wunschdenken deklarierter USA-Feinde sein. Besonders dann, wenn die US-Notenbank eine weitere Zinssenkung wahr macht. Hatte doch US-Notenbankchef Ben Bernanke eine Senkung in seiner jüngsten Rede in Aussicht gestellt – um die angeschlagene Konjunktur zu stützen.

Es ist jetzt nicht das erste Mal, dass der Dollar schwächelt. Das war auch Ende der 70er-, Mitte der 80er- und Mitte der 90er-Jahre der Fall, und der Dollar hat immer überlebt: Derzeit werden 65 Prozent der weltweiten Währungsreserven in Dollar gehalten; 60 Länder haben ihre Währungen an die der USA gebunden; praktisch alle Rohstoffe und mehr als die Hälfte des Welthandels werden in Dollar abgerechnet. Doch nun scheint die Lage ernst. So wie das britische Pfund vor einem halben Jahrhundert seinen Status als Leitwährung verlor, könnte nun das Ende der Dollar-Ära gekommen sein.

Da die Welt in Dollar rechnet, wären die Folgen fatal: Schon jetzt klettert der Ölpreis von einem Rekordhoch zum nächsten; schon jetzt muss Europa die Wachstumsprognosen nach unten korrigieren, weil der schwache Dollar Euro-Exporte richtig teuer macht. Allein Airbus kostet jeder Cent Abwertung hundert Millionen Euro. Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank, ortet schon „brutale Bewegungen“ im Währungsgefüge. Sackt der Dollar weiter ab, rechnen Pessimisten gar mit einer Weltwirtschaftskrise. Der US-Ökonom Michael Burda ist sich sicher, dass die USA vor wirtschaftlich schweren Zeiten stehen, und erwartet eine tiefgreifende Rezession, die dann auf die Welt überschwappen würde. Er ist nicht allein.

Die Krise kommt nicht von ungefähr, wurde die US-Wirtschaft doch hauptsächlich vom Konsum getrieben – und shoppen gehen die Amerikaner eben auf Kredit: Die Verschuldung der Haushalte liegt bei weit über 100 Prozent des verfügbaren Einkommens. Präsident Bush verwandelte den Haushaltsüberschuss aus der Ära Clinton in ein Defizit von sechs Prozent des BIP, die Handelsbilanz wird heuer ein Manko von 800 Milliarden Dollar ausweisen.

Spätestens seit die Fed im März 2006 aufhörte bekanntzugeben, wie viele Dollars sie druckt, warnen Ökonomen vor einer Dollar-Blase. Graham Birch, Rohstofffonds-Manger von BlackRock: „Die Fed hat mehr Angst vor Rezession als vor Inflation. Wenn man in der Nähe der Fed Rauch aufsteigen sieht, liegt das an der Überhitzung der Geldpresse“ (siehe Interview Seite 100). Zur Banknotenschwemme aus der Notenbank kam die Geldmaschine Kredit, die in den USA – aufbauend auf hochriskante Immobilienkredite, die weiterverkauft und in Finanzinstrumente verwandelt wurden – die Ausmaße eines gigantischen Pyramidenspiels annahm. Als es im Sommer zusammenkrachte, riss es den Dollar mit. Die Verluste aus der Kreditkrise treffen vor allem den Dollar-Raum: „Die Subprime-Krise macht den Dollar zur Subprime-Währung“, schreibt der „Economist“.

Dazu kommt das außenpolitische Debakel im Irak-Krieg, und das nicht nur wegen der enormen Kosten: Die Stärke einer Währung hat auch mit dem Vertrauen in die Politik eines Landes zu tun. Und dass sich die einzige Weltmacht von islamistischen Terrortrupps in die Knie zwingen lässt, schwächt das Vertrauen in ihre Währung. Die USA lebten von ihrem Ruf, der ihnen unbegrenzt Kredit verschaffte. Nun kommt das böse Erwachen.

Der Fall ihrer Währung ist den Amerikanern bisher bemerkenswert egal – selbst wenn kein Ende in Sicht ist, die Fed die Zinsen weiter senkt und die Investitionen in den USA zurückgehen. Präsident Bush wiederholt stoisch: „Wir wollen einen starken Dollar und machen die richtige Politik dazu“, tut in Wirklichkeit das Gegenteil – und freut sich über die steigenden Exporte, die die US-Wirtschaft derzeit als Einziges vor der Rezession bewahren. Dabei könnte das wahre Absinken des Dollar noch kommen: Unter den 60 Ländern, die ihre Währung an den Dollar gebunden haben, sind die Golfstaaten, die, um ihre eigenen Währungen stabil zu halten, dauernd weitere Dollars kaufen müssen. Die Überlegungen, den Dollar aufzugeben, sind allerdings erst mal vom Tisch, hat sich doch der Golf-Kooperationsrat (GCC) für eine weitere Ankoppelung an den Greenback entschieden. Auch die Notenbanken haben in den letzten fünf Jahren empfindlich viel Geld durch den Dollar verloren – sechs Prozent allein seit August. Nun könnte die Schmerzgrenze erreicht sein, eine Verkaufspanik würde den Dollar noch weiter ins Trudeln bringen.

Doch diesmal gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den bisherigen Schwächeperioden der US-Währung: Den Euro als Alternative, der das Zeug zur neuen globalen Leitwährung hat. Allein der Anteil des Euro an den internationalen Devisenreserven hat sich seit 1999 von 18 Prozent auf 26 Prozent erhöht. Auch als Ankerwährung holt der Euro auf: Gegenüber den 60 Ländern mit dollargebundener Währung haben sich derzeit 40 an den Euro gebunden, Tendenz steigend. Im Welthandel liegt der Dollar derzeit weit vorn – doch das kann sich schnell ändern: „Die entscheidende Frage wird sein, ob die Opec-Staaten die Abrechnung von Öl von Dollar auf Euro ändern“, sagt Manfred Neumann, Professor an der Universität Bonn. „Sollte das passieren, hätte das starke Konsequenzen.“ Schließlich nimmt auch das politische Gewicht der EU zu: Der neue Reformvertrag verspricht eine handlungsfähige EU, die erstmals auch außenpolitisch und militärisch beginnt, den USA Konkurrenz zu machen.

In dieser Phase des Pessimismus melden sich aber auch Stimmen, die dem Dollar eine neue Chance geben – obwohl die US-Wirtschaftsdaten derzeit ein ganz anderes Bild heraufbeschwören. Valentin Hofstätter, Zins- und Währungsanalyst der Raiffeisen Zentralbank: „Der Markt ist schon sehr überhitzt und hat fünf weitere US-Zinssenkungen bereits eingepreist. Wir rechnen damit, dass der Euro-Dollar-Kurs Anfang 2008 durchaus über 1,50 gehen kann. Der Gipfel sollte dann erreicht sein. Dann gibt es eine rasche und kräftige Gegenbewegung.“ In Europa ist man noch dazu über die Aussichten, künftig die Leitwährung zu stellen, alles andere als erfreut: Ein starker Euro schwächt den Export – und das, wo auch noch der chinesische Renminbi so unterbewertet ist, dass Importe aus China konkurrenzlos billig sind. Stefan Bruckbauer, Volkswirt der Bank Austria: „Die Länder Asiens haben derzeit einen Wettbewerbsvorteil am Weltmarkt“ (siehe Kasten).

Die Europäische Zentralbank tut dagegen derzeit wenig und verfolgt ihren Weg der Geldwertstabilität. Der deutsche Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger meint, das sei zu wenig. „Die Europäische Zentralbank muss koordinierend auftreten“, fordert er eine diplomatische Lösung. Die großen Währungshalter sollten sich an einen Tisch setzen und einen Plan besprechen, wie die Reserven langsam – über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren – von Dollar auf Euro umgeschichtet werden, um große Verwerfungen zu verhindern. Erste Übungen in hoher Währungsdiplomatie haben Jean-Claude Trichet und Jean-Claude Juncker, Chef der Euro-Gruppe, eben erst absolviert: Sie waren in China, um gegen den niedrigen Renminbi zu protestieren.

Der Durchschnittseuropäer hingegen kann sich über den schwachen Dollar derzeit freuen: Weihnachtseinkäufe in New York sind so billig wie nie, auch wenn dort die Kosten für Hotel und Restaurantbesuche ins Astronomische gestiegen sind. In manchen Gegenden muss man nicht einmal mehr Geld wechseln: In angesagten Restaurants kann man mittlerweile gern in Euro zahlen. Und Rapper Jay-Z fährt in seinem neuesten Video durch New York und wedelt mit Bündeln von Banknoten: Es sind keine Dollars. Sondern Euros.

– Corinna Milborn, Ingrid Krawarik

Greiner Perfoam, Enns, AT

Home

Digitalisierung bei Greiner. Eine Erfolgsgeschichte!

Immobilien

Wer Österreichs Luxusimmobilien kauft

Die besten Tipps für den Verkauf der eigenen Firma

Geld

Die besten Tipps für den Verkauf der eigenen Firma