226 Millionen Umsatzverlust bis 2015: Post beschließt nächste Woche neuen Sozialplan

Die Post-Führung schnürt schon zwei Jahre vor dem Fall des Briefmonopols ein Restrukturierungspaket. Ein neuer Sozialplan ist fertig. In Ballungsräumen soll ab 2010 das Briefporto billiger werden.

Jeder Hebel, den er in Bewegung setzen kann, ist Post-Chef Anton Wais recht. Er ist seit Wochen unterwegs, um der Politik klar zu machen, dass sein Konzern, der noch zu 51 Prozent dem Staat gehört, nach der Brief-Liberalisierung 2011 in massive Schwierigkeiten geraten könnte. Der den Sozialdemokraten nahe stehende Spitzenmanager redet mit jedem, von dem er sich Hilfe verspricht. Zum Beispiel hat Wais schon dem einflussreichen Raiffeisen-General Christian Konrad die Situation auseinandergesetzt, damit dieser innerhalb der ÖVP Druck macht. Wieso Konrad?

Erstens hat dessen Stimme Gewicht , zweitens hat Raiffeisen Informatik mit der Post kürzlich ein Joint Venture gegründet. Natürlich, der Wahlkampf bremst Wais in seinen Lobbyingaktivitäten. Intern schnürt das Management jedoch schon eifrig an einem Maßnahmenpaket, das nötig sein wird, um einen Absturz in tiefrote Zahlen zu verhindern. Im Unterschied zu AUA-Chef Alfred Ötsch, seinem früheren Vorstandskollegen bei Siemens, tat Wais das – bisher – hinter verschlossenen Türen, weil er noch mehr Zeit hat. Im Herbst will aber auch die börsennotierte Post AG aufs Gas treten. Ihr Forderungskatalog enthält eine Beamtenagentur, Änderungen im Poststrukturgesetz und ein neues Postmarktgesetz – unabhängig davon steht Personalabbau auf dem Programm.

Sozialplan ist unterschrieben. Vor allem, weil bei der Beamtenagentur nichts weitergeht, erhöht Wais die Schlagzahl bei der Restrukturierung seiner Division Brief: „Wir werden mit höherer Geschwindigkeit vorgehen als erwartet. Und wir starten schon 2008.“ Ein erster Vorstoß wird bei der Strategieklausur mit dem Aufsichtsrat am 12. und 13. August in Salzburg erfolgen. Dort wird eine „Betriebsvereinbarung betreffend Maßnahmen zur Milderung der Konsequenzen von Restrukturierungsmaßnahmen“ beschlossen werden: konkret ein Sozialplan, mit dem die Post-Führung klar machen will, dass sie es ernst meint. Das Papier ist fertig ausverhandelt, wie Post-Gewerkschafter Martin Palensky bestätigt: „Wir haben unterschrieben. Der Rest ist Formsache.“ FORMAT kennt die Details: Beamtete Postler, die über 50 Jahre alt sind und freiwillig ihren Hut nehmen, streifen einmalig 45 Monatsgehälter (brutto) ein. Unter 50-Jährige erhalten laut Sozialplan 36 Monatsbezüge. Damit kommt schon ein Mitarbeiter mit dem Post-Durchschnittslohn von 36.000 Euro brutto im Jahr auf rund 100.000 Euro Abfertigung. Bei älteren Beamten, die gut ver­dienen, kann sich die Zahlung auch auf 250.000 Euro summieren.

Der Sozialplan gilt von 14. August 2008 bis Ende 2009. Wenigstens 300 Leute sollen auf diese Weise zusätzlich abgebaut werden. Wer sich schnell entscheidet, kann ein paar Tausender „Frühbucher­bonus“ zusätzlich herausholen. Post-Gewerkschaftschef Gerhard Fritz kann sich vorstellen, dass „insgesamt 200 bis 400 Kollegen den Sozialplan annehmen“. Auch Teilzeitarbeit wird gefördert: Beamte, die nur noch 30 Wochenstunden oder weniger tätig sein wollen, kriegen je nach Dauer der Reduzierung und je nach Alter den 4fachen bis 22fachen Betrag, um den sie monatlich weniger verdienen.

Weniger großzügig werden Post-Angestellte bedacht. Sie kassieren, abhängig von den Dienstjahren, zwischen sechs und 18 Monatsgagen, wenn sie das Unter­nehmen verlassen. Nur Angestellte, die über 50 Jahre alt sind, haben ebenfalls Anspruch auf 45 Gehälter. Von der Restrukturierung betroffene Beamte und Angestellte werden mit 1.000 Euro Belohnung geködert, wenn sie einer internen Versetzung zustimmen. Der Personalabbau mittels Sozialplan ist aber nur ein Teil der Vorbereitung auf die Liberalisierung im Brief­bereich, die in knapp zweieinhalb Jahren startet. Den Aufsichtsräten wird die Post-Führung nächste Woche die erwarteten Auswirkungen präsentieren. Drei Szena­rien wurden analysiert. Für am realistischsten hält der Vorstand die Variante, dass Konkurrenten bei der Briefzustellung in den Ballungsräumen angreifen werden. Laut einem internen ­Papier kann das bis 2015 jährlich 226 ­Millionen Euro weniger Umsatz und 173 Millionen Rückgang im Betriebsergebnis bedeuten. Unterstellt wird dabei, dass die Post die Mehrzahl ihrer zehn größten Briefkunden wie Bank Austria oder Telekom verliert.

Bedrohliche Prognose. Aktuell hat die Post in Österreich 23.500 Beschäftigte, per Ende 2011 sind 22.000 geplant. Um die Liberalisierungsverluste zu kompensieren, müsste die Post ihren Personalstand jedoch um über 6.000 Leute senken – wenn sonst nichts passiert. Im Worst-Case-Szenario mit großflächigem Wettbewerb und 408 Millionen Euro weniger Umsatz müssten nach dieser Rechnung sogar rund 11.000 Jobs bis 2015 wegfallen. Untermauert wird die bedrohliche Prognose in den Unterlagen für den Aufsichtsrat durch einen Vergleich mit Ländern, die schon liberalisiert haben. In England, Deutschland, Schweden, Holland und Neuseeland liegt der Mengeneffekt im Briefbereich bei 15 Prozent, der Umsatzrückgang zwischen zehn und 30 Prozent.

Exakte Vorschläge für Gegenmaßnahmen will der Aufsichtsrat zu Jahresende am Tisch haben, um nicht in die Mühlen des Wahlkampfes zu geraten. Details will Wais daher noch keine nennen. Er sagt nur: „Wir brauchen ein Postmarktgesetz für die Zeit nach dem Fall des Monopols.“ Intern hat der Konzernherr die Strategie aber schon abgesteckt, um Druck auf die Politik aufzubauen: Je besser die geschaffenen Rahmenbedingungen, desto moderater werden die Jobstreichungen ausfallen. FORMAT konnte einige der Überlegungen in Erfahrung bringen. Einer der Wünsche des Managements: Die Post soll das Recht haben, Preise regional zu differenzieren. Derzeit kostet das Briefporto österreichweit 55 Cent. Die Konkurrenz wird in Ballungsräumen wie Wien oder dem Großraum Linz mit ­Preisen um die 35 Cent hineinfahren. Dort will die Post schon ab 2010 ebenfalls ­billiger werden, um dagegenhalten zu können. Ein politisch heißes Eisen.

Eine weitere Idee: Der Regulator soll eine Lizenzgebühr für die Briefzustellung von einem Euro pro Adresse und Monat festsetzen. Die hätte auch die Post zu bezahlen, die Hürde für private Mitbewerber würde aber höher. Schon heuer will Wais eine Offensive für einen Branchen-Kollektivvertrag ­starten, weil er befürchtet, dass die Konkurrenz ihre Briefträger künftig nach dem Handels- oder einem Gewerbe-KV be­zahlen wird, die um bis zu 30 Prozent ­günstiger sind. Vorgesehen ist auch, immer mehr ­Geschäft an die Post-Tochter Feibra aus­zu­lagern, die niedrigere Kosten hat. Etwa die Telefonbuchzustellung hat die Feibra schon übernommen.

Belegschaft mahnt Wachstum ein. Gewerkschaftschef Fritz unterstützt die Forderung nach einem Postmarktgesetz: „Wir müssen sehr wachsam sein. Eile ist aber nicht angebracht. Alles, was wir vor der Wahl fordern, können wir genauso gut in ein Plastiksackerl reden.“ Bei der Restrukturierung steht Fritz – wenig überraschend – auf der Bremse: „Ich sehe die Situation weniger dramatisch als der Vorstand. Außerdem ist Personal kürzen zu wenig. Im Börsenprospekt haben wir Wachstum versprochen. Wo sind die neuen Produkte? Wo ist das angekündigte Business-Paket?“ In Anspielung auf den Verlust großer Paketkunden mahnt Fritz Kundenbindungsmaßnahmen ein: „Quelle und Universal Versand wissen schon, dass der Wechsel zum Konkurrenten Hermes kein Allheilmittel ist. So was darf uns beim Brief nicht passieren.“

Eine bei der ÖIAG angesiedelte Be­amtenagentur lehnt der Gewerkschafter weiterhin als „menschenverachtend“ ab. Post und Telekom Austria haben im Frühjahr gemeinsam mit der Staatsholding eine Konstruktion ausgearbeitet, in die 4.000 bis 5.000 überzählige Beamte der beiden Unternehmen ausgelagert werden sollen. Die Post würde 600 Millionen Euro dort einzahlen, die Telekom 400 Millionen und die ÖIAG eine Milliarde. Mit diesem Geld würden die Gehälter der Betroffenen, Schulungsmaßnahmen und Weitervermittlung finanziert. Das Projekt liegt allerdings auf Eis, zumindest bis eine neue Regierung steht – was Wais bedauert: „Die Agentur könnte sich wirklich um die Mitarbeiter kümmern. Auch der Zeitpunkt wäre ideal, weil der Arbeitsmarkt gut ist. Von 360 Paketzustellern, die wir abbauen mussten, haben alle einen Job gefunden.“ Wais deutet an: Kommt keine solche Lösung, muss die Restrukturierung noch härter ausfallen.

Der Staat zahlt mit. Der ÖIAG und dem Finanzminister hat der Post-Boss schon mitgeteilt: Ohne finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand bei der Reduzierung der Beamtenzahl und ohne gesetzliche Bestimmungen, welche die Liberalisierungsfolgen für den Brief-Konzern abfedern, könnte sich die Eigenkapitalsituation der Post so weit verschlechtern, dass eine Kapitalerhöhung über die Börse erforderlich wird. Dann kann die ÖIAG mitziehen und also der Staat mitzahlen – oder sein Anteil fällt unter die Marke von 50 Prozent.

Von Andreas Lampl

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