2008: Das EURO-Spektakel

Wirtschaftlich hat Österreich ein Traumlos gezogen: Deutsche, Kroaten und Polen werden Wien stürmen. Ist die Stadt darauf vorbereitet?

Der Jackpot kam ganz zum Schluss. Am Sonntag, kurz vor 13 Uhr, zog Jürgen Klinsmann bei der EURO-Auslosung in Luzern den vierten Gruppengegner Österreichs, und als er dann den Zettel mit dem Namen „Kroatien“ in die Höhe hielt, da begann bei den Eingeweihten der große Jubel. Kroatien. Ein Nachbarstaat. 3 1/2 Autostunden von Wien entfernt. 4,5 Millionen Einwohner. Und ein Volk von Fußball-Verrückten.

Der Effekt: Am Montag um 9.05 Uhr, fünf Minuten nach Eröffnung der Ticket-Hotline, waren beim VIP-Ticket-Verkäufer IMG die beiden Spiele der Kroaten im Klagenfurter Stadion restlos ausverkauft – und das, obwohl das billigste Ticket im Luxus-Segment 1.250 Euro kostet. Das erste Gruppenspiel am 8. Juni, bei dem im Wiener Praterstadion Österreich auf Kroatien trifft, ist jenes Spiel, um das es weltweit am Montag am meisten Andrang gab. Die Tickets wollten auch hier keine Österreicher, sondern Kroaten.

Sportlich mag die EURO-Gruppe B mit Österreich, Deutschland, Kroatien und Polen nicht die stärkste aller vier EM-Gruppen sein. Ökonomisch gesehen hat Österreich aber wohl das große Los gezogen. Alle drei Mitbewerber der Österreichgruppe verfügen über ein gewaltiges Fan-Potenzial, möglicherweise sogar das größte Fan-Potenzial aller Teilnahmeländer. Insider rechnen damit, dass bis zu 150.000 Kroaten und Deutsche sowie 100.000 Polen zur EM nach Österreich anreisen werden. Vor allem für Wien, aber auch für den zweiten Spielort dieser Gruppe, Klagenfurt, wird dieser Ansturm ein enormer Impuls sein.

Aber auch die beiden anderen österreichischen EM-Austragungsorte Salzburg und Innsbruck haben mit ihrer Auslosung zumindest zwei Fan-Magneten erwischt. Vor allem die Schweden gelten als extrem reisefreudig und dürften zur Vorrunde in Scharen anreisen. Das russische Team wird ebenfalls gerne von größeren Fangruppen begleitet – und vor allem, so die Touristiker, haben die reichen Reise-Russen auch kein Problem mit den hohen Ticketpreisen. Lediglich aus Griechenland und Spanien wird kein besonders großer Ansturm erwartet. Vor allem in Spanien ist das Interesse an den Klubteams deutlich stärker als an der Nationalequipe – und das war auch bei der WM in Deutschland im Vorjahr gut zu bemerken, bei der erstaunlich wenig spanische Fans anzutreffen waren.

Insgesamt steht Österreich also vor allem nach dieser Auslosung ein gewaltiger Ansturm für den Juni bevor. Knapp eine Million Fans werden die Spiele live in den acht EM-Stadien sehen. Laut Experten hat aber nur ein Bruchteil der Fans, die in die beiden Veranstaltungsländer strömen, tatsächlich bereits im Vorfeld Karten für die Spiele organisiert. Stefan Füg, Österreich-Repräsentant von IMG, rechnet mit „mehreren Millionen Menschen“, die zur EM nach Österreich und in die Schweiz kommen werden. Zum Vergleich: In Deutschland haben sich während der WM im vergangenen Jahr fast sieben Millionen Touristen zusätzlich aufgehalten. Diese haben dann nach der Anreise versucht, auf dem Schwarzmarkt Karten für die Spiele ihrer Länder zu bekommen. Oder sich, im weitaus häufigeren Fall, dann die Matches auf den großen öffentlichen Public-Viewing- Plätzen angesehen.

Auch auf Österreich wird dieser Run wohl einsetzen – vor allem, weil für alle drei Gegner der Österreich-Gruppe die Anreise relativ kurz ist. Mit Karten für die Spiele wird es dann aber schon schwieriger. Gerade einmal ein Drittel der Karten in den EM-Stadien kommt in den regulären Verkauf – der Rest wandert an Sponsoren, an die Verbände, an die UEFA selbst oder eben an die VIP-Ticket-Händler. Trotz aller Beteuerungen der UEFA, den Schwarzmarkt bei dieser EM unterbinden zu wollen, wird der Schleichhandel wohl vor allem bei dieser EM in astronomische Höhen klettern – eben deswegen, weil die Stadien so klein sind. Wer das Glück hatte, bei der offiziellen Kartenverlosung der UEFA im März Karten zugeteilt zu bekommen, kann damit bei der EURO richtig Geld verdienen. Tickets für die Partie Österreich – Kroatien wurden über ebay am Mittwoch bereits um mehr als 700 Euro gehandelt – bis zur EM werden die Preise wohl noch deutlich ansteigen.

Besonders konzentrieren wird sich das EM-Geschehen dabei auf die Bundeshauptstadt Wien. Zum einen finden hier alle Spiele auf österreichischem Boden ab dem Viertelfinale statt. Und zum anderen besteht für die Fans aus dem Ausland die größte Chance, an Tickets für die Wiener Spiele zu kommen – das Praterstadion hat fast 20.000 Plätze mehr zu bieten als die anderen drei EURO-Stadien – und damit auch mehr Plätze für normalsterbliche Fans. Experten rechnen damit, dass sich zeitweise bis zu einer Million Menschen zusätzlich in Wien aufhalten werden.

Aber ist die Stadt für diesen Ansturm überhaupt gerüstet? Wiens Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank sagt ja: „Ich habe mich sehr über diese Auslosung gefreut, weil gerade diese drei Länder ein enormes Fan-Potenzial haben und in Scharen nach Wien strömen werden.“ Tatsächlich wird die Stadt aber wohl Probleme haben, genügend Gästebetten für die zahllosen Touristen aufzustellen. Schließlich ist die Stadt bereits jetzt, in der Adventzeit, restlos ausgebucht, und derzeit sind in Wien nur wenige Hotelbetten zu bekommen. Der Ansturm auf den Christkindlmarkt am Rathausplatz ist aber mit dem bei der EM wohl kaum zu vergleichen.

Vor allem entlang der Ringstraße, wo sich vom Rathausplatz bis zum Heldenplatz die größte Fanmeile der EM präsentieren wird, wird im Juni wohl der Ausnahmezustand herrschen. Mit bis zu 100.000 Menschen auf der Fanmeile rechnen die Verantwortlichen. Sollte die Prophezeiung eintreten, dass allein aus Polen und Kroatien zu den Matches gegen Österreich bis zu 250.000 Menschen strömen werden, dann verspricht die Party am Ring richtig lustig zu werden. Was auch Unsicherheitsgefühle auslöst (S. 42).

Betroffen davon sind vor allem die Wiener Linien, die rund um die EM den zusätzlichen Ansturm der Massen bewältigen müssen. Der Transport der Fans zum Stadion selbst ist dabei laut dem Chef der Wiener Stadtwerke Felix Joklik „kein Problem. Durch den Ausbau der U2 sind wir dadurch gerüstet.“ Wie die Wiener Linien die ungleich zahlreicheren Fanmassen aber zum Rathausplatz und wieder zurück transportieren werden – darüber zerbricht sich derzeit eine Planungsgruppe der Wiener Linien noch den Kopf.

Tatsächlich hat aber diese Auslosung auch in den Köpfen der Österreicher ein Umdenken ausgelöst. Speziell das Duell gegen Deutschland hat die Österreicher offensichtlich heiß auf die EM gemacht. Jank glaubt sogar, mittlerweile so etwas wie eine Euphorie ausmachen zu können, die in den vergangenen Monaten nicht festzustellen war. Vor allem die Wiener erwarten sich laut dem EURO-Barometer der Wirtschaftskammer nun deutlich stärkere wirtschaftliche Impulse durch die EURO. 59 Prozent der Österreicher glauben, dass sich das Wirtschaftsklima im Land verbessern wird – vor einem Monat dachten das nur 48 Prozent.

Ihr persönliches Verhalten wollen die Österreicher durch die EURO freilich nach wie vor nicht verändern. 70 Prozent wollen ihre Urlaubsplanung durch die EURO nicht beeinflussen lassen. Lediglich 6 Prozent wollen die EURO-Austragungsorte in Österreich bereisen. Gar nur ein Prozent will während der EURO in die Schweiz fahren.

Aber das könnte sich noch ändern. Sollte Österreich Gruppenzweiter werden, findet das Viertelfinale am 19. Juni statt. In Basel.

– Markus Huber

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