Rekord-Zinsschritt der EZB gegen Rekordinflation

Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöht im Kampf gegen die starke Inflation den Leitzins in der Eurozone um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent. Weitere Zinsschritte wurden in Aussicht gestellt.

Das EZB-Direktorium setzt einen großen Zinsschritt. Weitere werden folgen.

Das EZB-Direktorium setzt einen großen Zinsschritt. Weitere werden folgen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit einer historischen Zinserhöhung gegen die Rekordinflation im Euroraum. Erstmals in der Geschichte der Notenbank beschloss der EZB-Rat eine Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte. Damit steigt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, auf 1,25 Prozent, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Die EZB stellte zugleich weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten in Aussicht.

Signalisiert hatte der EZB-Rat für seine September-Sitzung bereits frühzeitig eine weitere Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte. Doch weil die Teuerungsrate zuletzt weiter anzog, nahm der Druck auf die Euro-Währungshüter zu, einen größeren Schritt zu beschließen. Höhere Zinsen können steigenden Teuerungsraten entgegenwirken.



Einlagensatz steigt auf 0,75 Prozent

Der sogenannte Einlagensatz steigt nach der EZB-Entscheidung auf 0,75 Prozent. Die Europäische Zentralbank hat gleichzeitig die bisherige Zinsobergrenze für staatliche Einlagen bei den Notenbanken zeitweise ausgesetzt. Damit will die Notenbank einen abrupten Abfluss von Geldern in die Finanzmärkte verhindern und den sogenannten Repo-Markt stützen, bei dem Anleihen gegen Gelder getauscht werden, wie die Euro-Notenbank mitteilte.

Denn mit den massiven Anleihekäufen der EZB der letzten Zeit sind als sicher geltende Bonds wie etwa Bundesanleihen nicht mehr so leicht zu finden. Ab dem 14. September sollen solche staatlichen Einlagen bei den Notenbanken der Euroländer nun mit dem neuen Einlagensatz von 0,75 Prozent verzinst werden. Die neue Regelung soll bis 30. April 2023 in Kraft bleiben.

Lagarde: "Nehmen Euroschwäche zur Kenntnis"

Der Euro hat seit Jahresbeginn zum Dollar gut zwölf Prozent an Wert eingebüßt. Damit werden zwar Waren aus der Eurozone auf dem Weltmarkt preislich attraktiver. Aber der schwache Eurokurs sorgt andererseits dafür, dass sich viele Importe wie etwa Öl verteuern, was die Inflation weiter anheizt. Die Gaskrise hatte die Gemeinschaftswährung zuletzt auf ein 20-Jahrestief zum Dollar fallen lassen. Aktuell liegt der Eurokurs unter der Parität zum Dollar bei rund 0,995 Dollar.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat keinen konkreten Wechselkurs des Euro im Visier. Sie nehme die Kursschwäche und Abwertung der Gemeinschaftswährung vor allem zum Dollar zur Kenntnis, sagte Lagarde. Die EZB-Währungshüter verfolgten die Entwicklungen am Devisenmarkt sehr aufmerksam, "aber wir zielen nicht auf einen Wechselkurs ab." Dies habe die EZB nicht getan und werde es auch künftig nicht tun, betonte Lagarde.

Inflationsprognose weiter erhöht

Ein Ende der Preissteigerungen im Euroraum ist nicht in Sicht: Im August kletterte die Inflation im Währungsraum der 19 Länder getrieben von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen auf die Rekordhöhe von 9,1 Prozent. Die EZB hat daher angesichts des anhaltenden Preisschubs bei Energie, Lebensmitteln und anderen Gütern ihre Inflationsprognose weiter angehoben. Ihre Volkswirte gehen für heuer nun von einer durchschnittlichen Teuerungsrate in der Eurozone von 8,1 Prozent aus. Im Juni lautete die Prognose noch auf 6,8 Prozent.

"Der Preisdruck hat in der gesamten Wirtschaft weiterhin an Stärke und Breite gewonnen", räumten die Währungshüter ein. "Getrieben wird die Inflation weiterhin von stark steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreisen, dem in einigen Sektoren herrschenden Nachfragedruck infolge der Wiedereröffnung der Wirtschaft sowie von Lieferengpässen."

Die Währungshüter peilen mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Dies erachten sie als optimales Niveau für die Wirtschaft. Aktuell liegt die Teuerungsrate aber weit über diesem Ziel: Sie stieg zuletzt auf immer neue Rekordniveaus und stand im August bei 9,1 Prozent. "Auf kurze Sicht könnte die Inflation zudem weiter anziehen", hieß es dazu.

Die Volkswirte der Zentralbank erwarten für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum von 3,1 Prozent im Währungsraum. Im Juni hatten sie 2,8 Prozent prognostiziert. Für nächstes Jahr gehen sie von einem Anstieg der Wirtschaftsleistung von nur noch 0,9 (Juni: 2,1) Prozent aus. Für 2024 rechnen sie mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,9 (Juni: 2,1) Prozent.

"Sehr hohe Energiepreise schmälern die Kaufkraft der Menschen", hieß es zum gedämpften Ausblick auf die nächsten beiden Jahre. "Zudem wird die Wirtschaftstätigkeit nach wie vor durch Lieferengpässe gebremst, obgleich sich diese verringern." Darüber hinaus belaste vor allem der Angriff Russlands auf die Ukraine das Unternehmer- und Verbrauchervertrauen.


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