Wiener Börse Bilanz 2017: Top-Perfomer und Ausblick

Christoph Boschan, CEO Wiener Börse

Christoph Boschan ist mit seiner ersten Bilanz als Chef der Wiener Börse zufrieden.

Wiener Börse CEO Christoph Boschan zieht zufrieden Bilanz über das Jahr 2017: Bullenmärkte kurbeln Aktienumsätze an, im nächsten Jahr hält er ein Handelsvolumen mit internationalen Aktien von 2,5 bis 3 Milliarden Euro für möglich. Das Zugpferd ist RHI Magnesita.

Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, zieht zum Jahresschluss 2017 Bilanz: Die Handelsumsätze liegen 20 Prozent im Plus, beim Leitindex ATX gibt es eine "dramatisch gute" Entwicklung und mit der BAWAG (AT0000BAWAG2) sei der drittgrößte Börsengang Europas und der achtgrößte weltweit in Wien über die Bühne gegangen.

ATX und Top Performer 2017

  • Vom Jahrestiefststand am 2. Jänner (2.654,94 Punkte) stieg der Leitindex ATX im Jahresverlauf kontinuierlich an und erreichte seinen Jahreshöchststand am 2. November (3.445,23 Punkte).
  • Mit einem Kursanstieg von 69,30 Prozent seit Jahresanfang ist die Raiffeisen Bank International (AT0000606306) der größte Kursgewinner im ATX, gefolgt von der S Immo (AT0000652250) mit 53,15 Prozent und der OMV (AT0000743059) mit einem Zugewinn von 48,84 Prozent.
  • Im prime market belegen FACC AG (AT00000FACC2) (+194,13 Prozent), AT&S (AT0000969985) (+147,64 Prozent) und Warimpex (AT0000827209) unter den Nicht-ATX-Mitgliedern die Stockerlplätze. Die Marktkapitalisierung heimischer an der Wiener Börse notierter Unternehmen liegt per 15. Dezember 2017 in Summe bei EUR 121,09 Milliarden, ein Zuwachs von über 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (16. Dezember 2016: EUR 95,55 Milliarden).
  • Die umsatzstärksten Aktien waren die Erste Bank (AT0000652011) mit 10,8 Mulliarden, OMV mit 8,6 Milliarden, RBI und Voestalpine (AT0000937503) mit jeweils 6,4 Milliarden Euro Handelsvolumen.

Die Internationalisierung der Wiener Börse habe besondere Fortschritte gemacht. Mittlerweile könne man in Wien mit "fast allen europäischen Aktien" wie auch mit US-Anteilsscheinen handeln. Monatlich habe sich der Umsatz im Segment "global market" verdoppelt, bei hohen Schwankungen. Der Rekord sei bei einem Tagesumsatz von 16 Millionen Euro gelegen, obwohl erst seit kurzem in Wien mit internationalen Papieren gehandelt werden könne. Stabilisiere sich dieser Handel bei 10 Millionen Euro täglich, käme die Wiener Börse 2018 auf einen zusätzlichen Handel von 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Inzwischen wird in Wien intensiver mit nicht-österreichischen Aktien gehandelt als in Stuttgart - wo Boschan vor Wien tätig war - mit nicht-deutschen Papieren.

Wobei hier die RHI Magnesita (NL0012650360) eine große Rolle spielt. Auf das sowohl in London als auch am dritten Markt in Wien notierte Papier entfiel mehr als die Hälfte des Umsatzes mit den wichtigsten ausländischen Aktien. Insgesamt entfallen 40 Prozent des weltweiten Handels mit Magnesita-Papieren auf den dritten Markt in Wien. Hinter Magnesita kommen Apple, Alphabet (Google), Tesla und Amazon als die meistgehandelten internationalen Papiere in Wien. Internationale Papiere sind inzwischen in Wien das zweitgrößte Segment hinter dem Prime Market.

Dritter Markt als Hoffnungsmarkt

Boschan setzt große Hoffnung in den dritten Markt. "Wir haben mit dem dritten Markt durchaus zeigen können, dass Österreich eine funktionierende KMU-Börse hat". Es habe hier, weitgehend unbeachtet, ein halbes Dutzend Börsengänge gegeben - allerdings von ausländischen Firmen, aus Italien, der Schweiz und Deutschland. "Man muss sie nur für die heimischen Unternehmen zulassen", kritisiert Boschan. Es gebe zwei bis drei österreichische Kandidaten, die "sofort" den Markt anzapfen würden, sogar Absichtserklärungen (Letter of Intent) abgegeben haben und "nicht die kleinsten" seien, aber rasch neue Regeln brauchen.

Das große Problem: Österreich lässt am dritten Markt - für österreichische Unternehmen - nur Namensaktien und keine Inhaberaktien zu. Selbst das "wäre überhaupt kein Problem, wenn es ein entsprechendes Register gäbe" - das aber nicht existiere. Die Börse würde so ein Register sogar selber erstellen, brauche dafür aber legistische Unterstützung. Deutschland lasse "im Wesentlichen" Inhaberaktien zu, die österreichische Regelung ist aus Boschans Sicht "eine Selbstbeschränkung Österreichs, angeblich aus den Diskussionen mit der internationalen Anti-Geldwäscheeinheit" (FATF). Angesichts der Umsätze im dritten Markt sei das Argument "weit entrückt". Im regulierten Markt seien Inhaberaktien unverändert zulässig, ausgerechnet im Zugangssegment nicht. "Da hat man sich selbst kastriert."

Boschan will auch nichts davon wissen, dass die Wiener Börse an Börsengängen oder gar den Börsenkursen einzelner Titel gemessen wird. "Die Entwicklung eines Börsenkurses kann und darf mich nicht interessieren, das entscheiden alleine die Investoren", sagt er, auf den Kursverfall der BAWAG seit ihrem Börsengang angesprochen. "Die Börsendienstleistung besteht in der Visibilität und der Liquidität."

BAWAG und Pirelli

Boschan vergleicht den Börsengang der BAWAG in Wien mit jener von Pirelli IT0005278236 in Mailand, die bei Emissionsvolumen, Streubesitz und Marktkapitalisierung ähnlich gewesen sei: Der Vergleich zeige, dass die Wiener Börse um ein Fünftel liquider sei als Pirelli in Mailand. "Das ist, was für uns den Börsengang erfolgreich macht."

Aktiv ist die Wiener Börse auch beim Listing von Internationalen Anleihen, zunächst insbesondere aus Irland und Italien. Im Jahr 2017 kamen in Wien 79 Unternehmensanleihen mit einem Gesamtvolumen von 13,8 Milliarden Euro dazu, darunter 19 (2,65 Milliarden Euro) von österreichischen Firmen. Inklusive Financial Bonds und Staatsanleihen seien in Wien über 3.500 Schuldverschreibungen gelistet, knapp 1.000 davon seien heuer dazugekommen. Das sei einerseits neuen Kapitalmarktregeln (MiFID II), andererseits der Service-Orientierung der Wiener Börse zu verdanken.

Inklusive strukturierter Produkte und Exchange Traded Funds (ETFs) sind aktuell über 12.000 Wertpapiere handelbar. Der historische Höchststand wurde am 31. Mai 2017 mit 14.280 Wertpapieren erreicht.

Kapitalmarkt: Auf Regierungs-Kurs

Aus der von der neuen Regierung geplanten Stärkung der betrieblichen und privaten Pensionsvorsorge erhofft sich Boschan mehr Nachfrage nach Aktien. Diese "werden eine entscheidende Rolle spielen müssen, keine Frage". Klar sei, dass die staatliche Pension, die erste Säule, nicht mehr ausreiche.

Das Bekenntnis zur Entwicklung eines Kapitalmarktplans sei "vorbehaltlos zu begrüßen" und auch die angekündigte Öffnung des dritten Marktes sei sehr erfreulich. "Unser Wunsch wäre natürlich, dass das sehr schnell erfolgt."

Finanzmarktorganisation werfe immer auch Verteilungsfragen auf. "Darüber darf und muss der Bürger mitentscheiden". Grundsätzlich sei es so, dass derzeit die, die ohnehin wohlhabend sind, über hohe Renditen zusätzlich begünstigt werden. Boschan wiederholte seinen Vorschlag, bis zu einem Familieneinkommen von 60.000 Euro Einkommen von der Kapitalertragssteuer zu befreien oder Investitionen aus versteuertem Arbeitseinkommen weitgehend von der KESt zu befreien.

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