Wetten auf fallende Kurse - so arbeiten Shortseller

Shortseller spielen ein hochriskantes Spiel mit fallenden Aktienkursen, bei dem es um Millionen oder gar Milliarden geht. Doch Shortseller leben gefährlich, wie das jüngste Beispiel der Gamestop-Aktie zeigt, bei dem Hedgefonds Milliarden verloren. Lesen Sie, wie es dazu kam und wie solche Leerverkäufer agieren.

Wetten auf fallende Kurse - so arbeiten Shortseller

Shortseller, hinter denen oft große Hedgefonds stehen, wetten im großen Stil auf fallende Aktienkurse.

Im Jänner 2021 gab es an der Wall Street Drama pur. Mit einem prominenten Verlierer, der Hedgefondsgesellschaft Melvin Capital. Der Großinvestor spekulierte mit Aktien-Leerverkäufen und verspekulierte sich dabei in großem Stil. Binnen weniger Tage setzte Melvin Capital die Hälfte seines Vermögens von zwölf Milliarden Dollar in den Sand und um die Firma zu retten mussten Partner 2,7 Milliarden Dollar zuschießen. Es war die größte Hegdefonds-Rettungsaktion nach der Geldspritze für Long-Term-Capital-Management ("LTCM") im Jahr 1998.

Was war geschehen? Die Hedgefonds-Manager haben sich mit Leerverkäufen von Aktien der Videospielkette GameStop die Finger verbrannt. Der Kurs der Aktie ist nicht wie von diesen erwartet gefallen, sondern binnen eines Monats um bis zu 2.000 Prozent nach oben geschossen. Und das, obwohl die Firma mit seinem veralteten Geschäftsmodell als Pleitekandidat galt – die Jungen kaufen ihre Spiele längst lieber im Internet und Corona setzte dem Business weiter zu. Eine Diskrepanz, die die Aktie für Spekulanten interessant machte. Ein klassischer Fall, um wie Profis sagen, um "Short" zu gehen.



So funktioniert Shortselling

Wenn Hedgefonds "Short" gehen, so bedeutet das nicht nur, dass sie auf fallende Kurse setzen. Sie handeln auch mit Wertpapieren - Aktien, Anleihen oder Kreditausfallversicherungen (CDS) -, die sie noch gar nicht besitzen – daher auch die Bezeichnung “Leerverkauf”. Die Trader leihen sich dabei Wertpapiere von einem Broker, einer Bank oder einem anderen institutionellen Investor, die sie wie bei einem Termingeschäft erst in Zukunft bezahlen müssen. Dahinter steht die Erwartung, dass der Wert der Aktien bis zum tatsächlichen Stichtag, an dem die Wertpapiere bezahlt werden müssen noch unter den Weiterverkaufspreis fällt. Die Papiere können - so die Theorie - günstiger eingekauft als sie weiterverkauft werden können.

Eine Sonderform sind ungedeckte Leerverkäufe. Dabei verkaufen Händler Papiere, die sie nicht einmal geliehen haben. Sie müssen nur sicherstellen, dass Aktien zum Verleih angeboten werden. Ungedeckte Leerverkäufe sind EU-weit seit dem Jahr 2021 verboten.

In der Regel steigen Leerverkäufer bei Wertpapieren ein, die zuvor zu stark gestiegen sind und von denen sie annehmen, dass die hohe Bewertung auf Dauer nicht haltbar ist. Das ist allerdings nur für Profis möglich. Kleinanleger können sich auf diesem Weg keine Aktien leihen und müssen dafür auf sogenannte Put-Zertifikate oder Optionsscheine zurückgreifen, für die jedoch oft hohe Gebühren anfallen.

In Krisenzeiten oder wenn Aktienkurse besonders stark fallen, können die Finanzbehörden dem Short-Trading und den Leerverkäufen einzelner Werte oder auch generell einen Riegel vorschieben. So etwa im März 2020, als es an den Börsen dramatische Kursrückgänge gab. Auch die heimische Finanzmarktaufsicht (FMA) hatte damals Leerverkäufe für die Dauer von acht Wochen untersagt.

Put & Call

Mit einem Put-Optionsschein wird das Recht erworben, das Papier abzugeben. Der Emittent verpflichtet sich, dem Anleger den Basiswert zu einem bestimmten Preis abzukaufen.

Beispiel: Für die Option, eine Aktie um 100 Euro zu verkaufen, werden 3 Euro bezahlt. Fällt der Kurs der Aktie auf 96 Euro, kann der Anleger die Aktie dennoch um 100 Euro verkaufen. Der Gewinn pro Optionsschein beträgt 1 Euro. Fällt der Kurs weiter, etwa auf 80 Euro, so beträgt der Gewinn pro Optionsschein 17 Euro.
Das Risiko: Steigt der Kurs über 100 Euro, verfällt der Put-Optionsschein und ist wertlos, das eingesetzte Geld ist verloren.

Das Spiel funktioniert auch in die andere Richtung, nämlich mit steigenden Kursen. Dann spricht man von Call-Zertifikaten oder Optionsscheinen . Wenn der Kurs eines Basiswerts steigt, kann man mit mit Call-Optionsscheinen überproportional profitieren, denn mit einem Call-Optionsschein hat man als Anleger das Recht auf die Lieferung des Basiswertes zum vorab bestimmten Preis.

Beispiel: Für den Kauf einer Aktie zum Basispreis von 100 Euro wird bei einem Bezugsverhältnis von 1:1 ein Optionsschein im Wert von 3 Euro gekauft. Notiert die Aktie während der Laufzeit unter 100 Euro, nützt der Optionsschein dem Investor nichts. Einen Gewinn wird erst erzielt, wenn der Preis der Aktie 103 Euro (Basispreis plus Preis, der für die Option bezahlt wurde) übersteigt. Steigt die Aktie auf 110 Euro, kann ein Gewinn von 7 Euro pro Optionsschein erzielt werden.
Das Risiko: Steigt der Kurs nicht über 100 Euro, ist der Optionsschein wertlos. Das eingesetzte Kapital ist verloren.

Short Float als Indikator

Im Fall der GameStop-Aktie hatten die Hedgefonds Leergeschäfte im großen Stil getätigt, was sich daran zeigte, dass der sogenannte "Short Float" - das Verhältnis der Aktien, die für den "Short" Handel reserviert sind zu den Aktien, die im freien Handel verfügbar sind, extrem nach oben kletterte. Zur Veranschaulichung: Gibt es beispielsweise zehn Millionen Aktien eines Unternehmens und sind zwei Millionen Stück leerverkauft, liegt der Short Float bei 20 Prozent. Der Short Float steigt, wenn mehr Aktien leerverkauft werden. Bei GameStop war diese Quote auf 140 Prozent gestiegen.

Die hohe Leerverkaufsquote hat die Reddit-Community auf den Plan gerufen. Sie wussten: Hier sind in erheblichen Maß Shortseller am Werk.

Reddit-Nutzer schlossen sich in Chatforen in einer konzertierten Aktion gegen die Hedgefondsspezialisten zusammen und trieben den Aktienkurse durch massive Käufe nach oben. Was übrigens nicht zum ersten Mal passiert ist. Reddit-Nutzer verabreden sich seit Jahren in Foren wie "WallStreetBets" immer wieder, um gemeinsam bestimmte Aktien zu kaufen und deren Kurse nach oben zu treiben.

Short Squeeze: Trader unter Druck

Steigen die Kurse markant, kommen Shortseller aber unter Zugzwang. Sie müssen die Aktien rasch zurückkaufen, um nicht noch mehr Geld zu verlieren. Wenn aber nicht genügend Aktien im Umlauf sind, setzt das eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang: Die Kurse steigen und steigen.

Im Fachjargon wird das „Short Squeeze“ genannt. Binnen Tagen können Aktienkurse um mehrere hundert Prozent steigen. Und Shortseller können wie - wie das im bei GameStop der Fall war - Milliarden verlieren.

Ein weiterer typischer Fall für einen "Short Squeeze" war auch der exorbitante Kursanstieg der Volkswagen-Aktie im Jahr 2008. Anlass dafür war die gescheiterten Übernahme durch Porsche. Weil nur wenige Anteilsscheine frei handelbar waren, schoss der Kurs binnen weniger Tage von 200 auf rund 1000 Euro.

Doch nicht nur die Shortseller selbst können unter Druck geraten. Auch ihre Opfer - Anleger ebenso wie die betroffenen börsennotierten Unternehmen. Kritiker argumentieren,dass Leerverkäufer gezielte Maßnahmen setzen, um die Kursspirale nach unten stärker in Gang zu setzen und den eigenen Gewinn so zu maximieren. So werden mitunter gezielte Falschmeldungen verbreitet, um Ängste unter den Anlegern zu schüren und sie zu bewegen, Aktien abzustoßen und somit den Abwärtstrend zu verstärken.

Kritik an Shortsellern

Leerverkäufe sind per se nicht verwerflich. Damit können sich etwa auch Firmen und Investoren gegen Kursrisiken absichern. Unternehmen, die beispielsweise in einigen Monaten Rohstoffe benötigen und mit steigenden Preisen rechnen, können dadurch für Ausgleich sorgen.

Zudem sorgen diese Geschäfte für ausreichende Liquidität an den Märkten. Und Shortseller können auch ein Korrektiv bei überteuerten Aktien sein oder auch Ungereimtheiten in der Bilanz wittern, wie das etwa bei Wirecard der Fall war. Etliche Shortseller hatten lange vor der Implosion des Unternehmens gewarnt, dass bei dem Bezahldienstleister Bilanzen künstlich aufgebläht sein müssen und und der Schwindel irgendwann auffliegen werde.

Als die Aktie Anfang 2019 nach mehreren kritischen Artikeln der "Financial Times" abstürzte, erließ die deutsche Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ein Shortselling-Verbot für Aktien des Unternehmens. Die Geschichte hat letztlich aber doch den Leerverkäufern recht gegeben.

Das AG Capital Team rund um Daniel Jennewein (links) und Karl Lankmayr (2. v. rechts)

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