Was die Inflation fürs Depot bedeutet

Sie ist da: die Inflation. Ob nur vorübergehend oder als Dauergast – Anleger sollten ihr Depot entsprechend ausrichten. Zu viel Vorsicht hilft jedenfalls nichts.

Was die Inflation fürs Depot bedeutet

Die gefühlte Inflation ist keine Schimäre. Der Konsument tätigt kurzfristige Anschaffungen häufiger als langfristige, größere. Da die Preise der Ersteren in den letzten Jahren tatsächlich meist überdurchschnittlich angestiegen sind, entsteht subjektiv rasch das Gefühl einer wesentlich höheren Teuerungsrate als offiziell ausgewiesen. Im Monat August lag die Inflation nach einer Schnellschätzung der Statistik Austria bei 3,1 Prozent – getrieben von überraschend stark gestiegenen Energiepreisen. Das Preisniveau des „Miniwarenkorbs“ dagegen, der einen wöchentlichen Einkauf abbildet, stieg im Jahresabstand um 6,1 Prozent, also fast doppelt so viel. Er enthält neben Nahrungsmitteln und Dienstleistungen auch Treibstoffe. Letztere allein wurden im Juli um 21,6 Prozent teurer gegenüber dem Vorjahr. In Deutschland ist die Inflationsrate im August mit 3,9 Prozent sogar auf den höchsten Stand seit fast 28 Jahren geklettert. Kein Wunder, dass das Inflationsgespenst umgeht.

Die Einschätzung von Finanzexperten, welche Höhen die Inflation erklimmen wird und, wichtiger noch, für wie lange, fällt unterschiedlich aus. Österreichs Notenbank-Gouverneur Robert Holzmann etwa meint, sie werde in Österreich nur vorübergehend hoch sein. Die langfristigen Trends, die in der Vergangenheit zu niedrigen Preisen geführt hätten, seien nach wie vor da und würden sich durchsetzen. „Wir gehen von einem vorübergehenden Inflationseffekt aus“, sagt auch Georg Frischmann, Leiter des Private Bankings der Hypo Tirol Bank AG. Einerseits komme der Basiseffekt zum Tragen, anderseits zeige sich produktionsseitig derzeit eine ungünstige Konstellation.

Beschädigte Lieferketten

Georg Frischmann, Leiter des Private Bankings der Hypo Tirol Bank AG

Georg Frischmann, Leiter des Private Bankings der Hypo Tirol Bank AG: "Wir gehen von einem vorübergehenden Inflationseffekt aus."

Der erste Faktor ist leicht erklärt: Preisentwicklungen werden im Zwölf-Monate-Vergleich dargestellt. Gab es in der vergleichbaren Vorjahresperiode einen vorübergehenden starken Preisrückgang wie coronabedingt etwa beim Rohöl, lässt das die aktuelle Teuerungsrate tendenziell höher ausfallen. Vor einem Jahr beispielsweise kostete ein Barrel Rohöl der Sorte Brent nur rund 40 US-Dollar, aktuell hält der Preis bei 73. Der zweite Faktor ist komplexer. Frischmann: „Nachdem im Krisenjahr nahezu alle großen Volkswirtschaften massive Konjunktur- und Anreizprogramme aufgelegt haben, kam es in der Folge zu einem unglaublich starken Wachstumsschub.“ Viele Investitionen, etwa in Bauprojekte oder E-Autos, wurden vorgezogen. Die enorme Nachfrage in bestimmten Sektoren blieb nicht aus. Kombiniert mit Produktionskürzungen bzw. sogar Ausfällen aufgrund der Pandemie kam es zu einem „Schock“ in vielen Produktionsbetrieben. „Ein Großteil der Industrieunternehmen berichtet von schwieriger Materialbeschaffung. Es ist daher nicht selten, dass der eine oder andere Betrieb die Produktion drosseln muss.“

Frachtkosten treiben Preise

Die Folge: Nicht nur Rohstoffpreise schrauben sich hoch, durch Ausfälle und hohe Nachfrage auch die Lieferpreise. „Die Frachtpreise erreichen schwindelerregende Höhen“, merkt Ernst Huber, CEO der Direktbank Dadat, an. Der von Drewry Shipping Consultants berechnete globale Composite-Index WCI für einen 40-Fuß-Container liegt um 351 Prozent höher als vor einem Jahr. Dazu kommt, dass viele Unternehmen wieder hohe Lagerbestände aufbauen. Dies verknappt den Markt zusätzlich. Diese Probleme dürften eine Zeit lang anhalten, denn für heuer wird ein weltweites Wirtschaftswachstum von sechs Prozent erwartet. „Mittelfristig gehen wir aber von einer Normalisierung der Situation und des Inflationsdrucks aus“, so Frischmann.

Ernst Huber, CEO Dadat Bank: "Kunden kaufen deutlich mehr Aktien-Investmentfonds.“

Ernst Huber, CEO Dadat Bank: "Kunden kaufen deutlich mehr Aktien-Investmentfonds.“

Ebenfalls keine Hochinflations-Phase, sondern Raten von im Schnitt zwischen zwei und drei Prozent in den kommenden Jahren erwarten die Experten der Raiffeisen Bank International (RBI). Die zuletzt beeinflussenden strukturellen und global preisdämpfenden Faktoren flauen ab. Stattdessen werden demografische Rahmenbedingungen spürbar, etwa Mangel an Arbeitskräften infolge der Bevölkerungsalterung. Auch erforderliche Maßnahmen gegen den Klimawandel, die Umsetzung von Nachhaltigkeits-Kriterien und ein damit verbundener stärkerer Einfluss der Staaten auf Preise dürften verteuernd wirken. Die Digitalisierung als preisdämpfender Faktor sollten dagegen Bestand haben, erwartet RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek.

Jedenfalls hat die Europäische Zentralbank (EZB) vor Kurzem ihr Inflationsziel neu gefasst und strebt auf mittlere Sicht „glatt zwei Prozent“ an. Zuvor hatte das Ziel noch eher unter zwei Prozent gelautet. Als fast schon akademische Diskussion sieht Bernhard Matthes, Bereichsleiter bei BKC Asset Management, dem Vermögensverwaltungsarm der Bank für Kirche und Caritas e. G., die Frage, ob die Inflation kommt oder vorübergehender Natur sei oder nicht. „Die korrekte Beobachtung ist, dass die Inflation längst schon da ist, bereits vor Covid da war – nämlich in Form einer ausgeprägten Vermögenspreisinflation.“ Diese schmälere die Kaufkraft der Bürger genauso und sei konkret u. a. anhand von steigenden Immobilienpreisen und Aktienkursen sowie dem Boom bei Spekulationsobjekten wie Kryptowährungen messbar. „Diese Sachwerteinflation hat sich die vergangenen Jahre immer zwischen vier und sechs Prozent bewegt“, pflichtet Huber bei.

„Ähnlich wie Kriegswirtschaft“

Die Ursache liegt für Matthes „selbstverständlich in der in die Maßlosigkeit verfallenden expansiven Geldpolitik“ der Notenbanken. Denn der Cocktail aus bereits vor Corona betriebener ultraexpansiver Geldpolitik und nun gefahrener ultraexpansiver Fiskalpolitik – Stimulierungsprogrammen der Staaten – bewirkt laut Matthes Folgendes: Blieben die neugeschaffenen Geldmengen vor der Pandemie in erster Linie im Finanzsystem und sorgten dort für die Vermögenspreisinflation, gelangen sie nun in die Realwirtschaft. „In einer von hartnäckiger Wachstumsschwäche belasteten Volkswirtschaft bleibt die Geldnachfrage gering.“ Sie springe aber in einer kriegswirtschaftsähnlichen Überstimulierung an, so Matthes.

Diese Parallele gerade in Bezug auf die USA sei nicht übertrieben. Dort übertreffe der fiskalpolitische Stimulus die meisten Schätzungen über die von der Coronakrise ausgelöste Produktionslücke bereits deutlich. Als Einmaleffekt wird jeder derartige Maßnahmen für legitim halten, wenn sie in zukunftsfähige Investitionen und Infrastruktur fließen. „Werden sie jedoch überwiegend für Konsumzwecke verwendet, verpuffen sie schnell und leisten keinen Beitrag zum künftigen Wachstumspotenzial“, so Matthes.

„Die Gefahr anhaltend hoher Inflation geht primär auf den Kernmarkt USA zurück“, erklärt auch Robert Löw, Vorstand der Liechtensteinische Landesbank (Österreich). Bis jetzt sieht die LLB noch keine unmittelbare Gefahr einer negativen Inflationsspirale: Zum einen sei das Lohnwachstum nicht überbordend. Zum anderen ist das Kreditmengenwachstum im Jahresvergleich nahe null. Aber das Wort „Tapering“ – damit ist der Abbau der Krisenhilfen, insbesondere das Ausklingen der milliardenschweren Wertpapierkäufe gemeint – wird man künftig häufiger hören. Noch kauft die Federal Reserve Monat für Monat Staatsanleihen und Hypothekenpapiere im Umfang von 120 Milliarden Dollar zur Stützung der Konjunktur auf. US-Notenbankchef Jerome Powell gab an, vor allem die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus als Basis für seine Entscheidungen heranzuziehen.

Zumindest die westlichen Zentralbanken sind aber kaum in der Lage, gegen eine unkontrollierte Teuerung mit kräftigen Leitzinsanhebungen anzukommen. Denn höhere Zinsen bergen einerseits die Gefahr unangenehmer Verwerfungen an den Märkten. Andererseits sind sie angesichts der hohen globalen Schuldenberge politisch unerwünscht, da dann der Mechanismus der realen Entwertung außer Kraft gesetzt ist.

Strategien fürs Depot

Welcher Handlungsbedarf ergibt sich aus den Experten-Einschätzungen für Anleger? Da die Inflation die Zinsen klar übersteigt, ist reines Sparen auf längere Sicht keine echte Option mehr, sondern Garant für Geldvernichtung (siehe Tabelle). Direktbanken wie die Dadat merken, dass die Kunden „deutlich mehr Aktien-Investmentfonds kaufen“, so Huber. Insbesondere mit Dividendentiteln könne man die Kaufkraft aufgrund der regelmäßigen Ausschüttungen erhalten. Generell wird die gezielte Selektion bei Aktien wichtiger. Zu den Branchen mit hohem Inflationsschutz zählen Zykliker mit einer hohen Preisfestsetzungsmacht, also Konzerne, die die Teuerungen an die Endkunden weiterreichen können. Dazu gehören die Sektoren Energie, Grundstoffe und Industriewerte. Frischmann: „Für das Szenario einer weiter anziehenden Inflation empfehlen wir Aktien aus der Rohstoffbranche. Sowohl Agrarrohstoffproduzenten als auch Rohstoffkonzerne profitieren überproportional von den aktuell steigenden Preisen.“ Titel aus den Bereichen defensive Konsumwerte oder Pharma sollte man laut Matthes meiden.

Wer allerdings glaubt, dass sogenannte Substanzwerte im Vergleich zu den Wachstumstiteln, die ein „goldenes Jahrzehnt“ hinter sich haben, zur Aufholjagd ansetzen, muss ebenfalls genau hinsehen. Value-Unternehmen sind solche, deren Aktienkurs nicht unbedingt ihren grundlegenden Wert widerspiegelt, die aber ein solides Geschäftsmodell und bisweilen überdurchschnittliche Dividendenrenditen aufweisen. Der Performance- und Bewertungsabstand zwischen Value und Growth hat sich zwar vergrößert, so die Experten von J. P. Morgan Asset Management. Und grundsätzlich profitieren Value-Titel von gleichzeitigem Auftreten guter Konjunkturdaten und Inflation. Aber Substanzwerte sollten lediglich als Ergänzung gesehen werden. Auch Small Caps, Nebenwerte mit geringer Kapitalisierung an der Börse, böten Chancen.

Aktien, Immos und Gold

In den Augen von Frischmann spricht auf lange Sicht nach wie vor alles für Sachwerte. „Auch wenn sich die Notenbanken bewegen sollten, werden sie dies sehr vorsichtig und besonnen tun.“ Je nach Risikobereitschaft des Anlegers sei ein Übergewicht in Aktien, Immobilien und (physischem) Gold empfehlenswert. Matthes: „Gold bleibt im aktuellen Umfeld eines der wichtigsten Selbstverteidigungsinstrumente.“ Eine regelrechte Preisexplosion für das gelbe Edelmetall prognostiziert im Interview mit Bloomberg der Hedgefondsmanager Diego Parrilla. Er erwartet 3.000 bis 5.000 US-Dollar je Unze in den nächsten drei bis fünf Jahren – eine Verdopplung des aktuellen Preises.

Bernhard Matthes rechnet auch inflationsgeschützte Anleihen zu den Profiteuren einer Teuerung. Während Corporate Bonds das unternehmerische Risiko bergen und kaum mehr ansprechende Renditen abwerfen, rücken Wandelanleihen zusehends ins Schlaglicht.



"Eine mäßig höhere Inflation ist gut für Aktien"

Talib Sheikh, Jupiter Asset Management

Talib Sheikh, Jupiter Asset Management

Talib Sheikh, Fondsmanager und Head of Strategy Multi-Asset bei Jupiter Asset Management, sieht weiterhin gute Chancen für Wachstumsaktien.

trend: Die Inflationsraten steigen. Ist das ein kurzfristiger Rebound nach dem Corona-Jahr oder eine längerfristige Entwicklung?
Talib Sheikh: Kurz gesagt: beides. Es ist sehr schwierig, sich über die Zukunft der Inflation Gewissheit zu verschaffen, da die Wiedereröffnung der Weltwirtschaft nach der Pandemie unregelmäßig und uneinheitlich verläuft. Ein Beispiel: Die Nachfrage nach Arbeitsplätzen ist in vielen Volkswirtschaften sehr hoch, aber das Tempo der Neueinstellungen wird durch verschiedene Faktoren gebremst. Wir wissen noch nicht, inwieweit dies durch die beschleunigte Rückkehr an den Arbeitsplatz behoben wird oder ob dies durch höhere Löhne zu einem Anstieg der Inflation beiträgt. In vielerlei Hinsicht ist der Streit zwischen „Inflationsbullen“ und „Inflationsbären“ ein Ablenkungsmanöver. Es liegt auf der Hand, dass viele der Faktoren, die die Inflation über viele Jahre hinweg unterdrückt haben, bestehen bleiben oder sich sogar noch verstärken: Bevölkerungsalterung, hohe Verschuldung und technologischer Wandel. Gleichzeitig wird die aufgestaute Nachfrage weiterhin die Konsumausgaben stützen, und die sich verändernden Arbeitsmuster können zum ersten Mal seit vielen Jahren einen Aufwärtsdruck auf die Löhne ausüben. Wir haben bereits eine enorme Inflation der Vermögenspreise auf den Kapitalmärkten und in Bereichen wie dem Immobilienmarkt erlebt. Unser Basisszenario geht davon aus, dass die Inflation längerfristig durch strukturelle Kräfte relativ niedrig gehalten wird, aber im Vergleich zur Vor-Covid-Zeit ein gewisses Aufwärtspotenzial besteht.

Wie hoch wird nach Ihrer Einschätzung die Inflation in den kommenden Jahren sein?
Nach unserem Basisszenario wird die Inflation im langfristigen Vergleich relativ niedrig bleiben, aber näher an die Zielvorgaben der Zentralbanken heranrücken als in den letzten zehn Jahren. Wir rechnen nicht mit einem wesentlich höheren Inflationsniveau oder einem Stagflationsumfeld.

Was bedeutet diese Einschätzung für das Asset Management? Wird umgeschichtet?
Unser Basisszenario einer mäßig hohen Inflation bedeutet, dass wir langfristig keine grundlegende Veränderung gegenüber dem Umfeld vor der Krise erwarten: Die Zinssätze bleiben niedrig, die Kreditspreads werden weiterhin durch ein günstiges politisches Umfeld gestützt, ebenso wie die Aktien. Wir gehen davon aus, dass Wachstumsaktien mit höherer Qualität und längerer Haltedauer langfristig weiterhin gut abschneiden werden. Nach dem Rückgang der Renditen und der Sektorrotation, die wir in diesem Sommer erlebt haben, sind wir der Meinung, dass die Renditen von Staatsanleihen auf diesem Niveau noch steigen können und dass zyklische, wertorientierte Sektoren noch Spielraum haben, um sich zu erholen.

Lässt sich generell sagen, welche Assetklassen oder Märkte bei einer höheren Inflation besser performen, welche schlechter?
Im Allgemeinen ist eine höhere Inflation bei sonst gleichen Bedingungen besonders negativ für Anleihen, insbesondere für nominale Anleihen. Inflationsgeschützte Anleihen können im Vergleich zu nominalen Anleihen einen gewissen Schutz bieten, der jedoch begrenzt ist. Eine mäßig höhere Inflation ist in der Regel positiv für Aktien. Eine wesentlich höhere Inflation im mittleren einstelligen Bereich und darüber hinaus ist in der Vergangenheit sowohl für Aktien als auch für Anleihen negativ gewesen. Rohstoffe, einschließlich Gold, profitieren in der Regel auf breiter Front von einem inflationären Umfeld.

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