Vor Frankreich-Wahl: Börse bricht ein

Vor Frankreich-Wahl: Börse bricht ein

Die Aussicht auf einen Sieg Marine LePens lässt Anleger aus französischen Aktien flüchten

Die Angst vor einem Sieg der rechten Politikerin Le Pen bei den französischen Präsidentenwahlen lässt die Börse abstürzen. Welche Auswirkungen Analysten auf Aktien, Anleihen, den Euro befürchten und wovor die Schweizer jetzt zittern.

Kurse könnten noch stärker einbrechen

Am Sonntag wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt. Seit vergangenen Mittwoch sind die Anleger in französische Aktien und Anleihen deshalb höchst besorgt. Zwar ist der Rückgang von seither rund zwei Prozent noch nicht weltbewegend, doch vor allem seit heute morgen zeigt das französische Kursbarometer CAC 40 senkrecht nach unten. Die Investoren fürchten sich vor einem Sieg der Rechtspolitikerin Marine Le Pen, die das Land aus der Euro-Zone herauslösen will. Sollte die 48-Jährige die neue Herrin im Elysee-Palast werden, fürchten Anleger könnte das die Europäische Union (EU) kräftig durchrütteln und mit ihr die Börsen. Experten erwarten, dass Aktienkurse einbrechen, der Euro massiv abwertet und Anleger in sichere Häfen wie Gold, Bundesanleihen und den Schweizer Franken fliehen. "Sollte es einen Überraschungssieg von Le Pen geben, würde das die Finanzmärkte erschüttern", sagt Ökonom Christian Melzer von der Fondsgesellschaft Deka. Dass es tatsächlich zu einem EU-Austritt Frankreichs, also einem "Frexit" kommt, kann sich aber kaum ein Börsianer so richtig vorstellen.

Prognosen schwierig

Zwar wird der unabhängige Präsidentschafts-Kandidat Emmanuel Macron als Favorit gehandelt. Weil aber noch viele Wähler unschlüssig sind, für wen sie im ersten Wahlgang am Sonntag stimmen, werden auch Le Pen Siegeschancen eingeräumt. Der überraschende Triumph von Donald Trump in den USA und das Votum der Briten gegen die EU haben gezeigt, dass Umfrageinstitute irren können. "Dass Le Pen Präsidentin in Frankreich wird, ist nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich", meint Ökonom Holger Sandte von der Bank Nordea. Hinzu kommt, dass der Linkspolitiker Jean-Luc Melenchon, der den Euro ebenfalls ablehnt, in Umfragen zuletzt aufholte. "Die vier Kandidaten liegen inzwischen so eng beieinander, dass es kaum noch prognostizierbar ist, wer letztlich in die Stichwahl einziehen wird", sagt Anleihe-Spezialist Dirk Gojny von der National-Bank. Die Stichwahl in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone findet am 7. Mai statt.

Banken könnten in Krise schlittern

An den Anleihemärkten ist die Nervosität schon jetzt zu spüren: Verstärkt verkaufen Anleger französische Papiere, was deren Renditen in die Höhe treibt. Die Risikoaufschläge, die Anleger für zehnjährige französische Bonds im Vergleich zu ebenso lang laufenden Bundesanleihen bezahlen müssen, haben sich ausgeweitet. Im Falle eines Le-Pen-Siegs könnten sie sich mehr als verdreifachen, rechnen die Analysten des Vermögensverwalters Natixis vor. Auch die Staatsanleihen aus anderen europäischen Ländern wie Spanien, Italien und Portugal wären wohl von einem Ausverkauf betroffen. Chefvolkswirt Leon Cornelissen von der Fondsgesellschaft Robeco warnt vor einem großflächigen Rückzug ausländischer Investoren aus Frankreich. Anleger würden ihre Sparkonten räumen, Banken kämen ins Schlingern. "Das wird eine Finanzkrise auslösen."

Dem Euro würde Abwertung drohen

Schwer treffen würde ein Sieg von Le Pen auf jeden Fall auch den Euro, da sind sich die Experten einig. Der Fondsverwalter La Francaise Asset Management rechnet etwa mit einer Abwertung zum Dollar von zehn Prozent. Ähnlich hohe Verluste sagt auch die US-Investmentbank Morgan Stanley voraus.

Schweizer fürchten sich vor Flucht in den Franken

Wie oft in Krisenzeiten könnte diese Gemengelage zu einem Run auf den Schweizer Franken führen, was einen weiteren Höhenflug der ohnehin schon starken Währung auslösen würde. Volkswirte halten eine Zinssenkung der Schweizerischen Nationalbank SNB in einem solchen Fall für sehr wahrscheinlich.

Schreckgespenst Frexit

Viele Börsianer halten kaum für möglich, dass eine neue Präsidentin Le Pen Frankreich am Ende über eine Volksbefragung tatsächlich aus der Euro-Zone herauslösen kann. "Ohne eine mehrheitsfähige Regierung, die sie dabei unterstützt, ist der Frexit nur sehr schwer zu realisieren", sagt Melzer von der Deka. Le Pen bräuchte eine Mehrheit in der Nationalversammlung, deren Wahlen im Juni anstehen. Aufgrund des besonderen Wahlrechts in Frankreich sei die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass Le Pens Partei Front National die Sitzmehrheit bekomme oder eine mehrheitsfähige Regierungskoalition bilden könne.

Die Volkswirte der Commerzbank bleiben trotzdem skeptisch und sehen eine Gefahr in Le Pens Anti-EU-Kurs. Im Gegensatz zu anderen Ländern sei die Grundstimmung gegenüber der EU in Frankreich viel kritischer. Ökonom Christoph Weil ist sich sicher: "Bei einem Frexit wäre die Währungsunion kaum noch zu retten."

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