Value-Aktien: So billig wie seit 20 Jahren nicht mehr

Value-Aktien: So billig wie seit 20 Jahren nicht mehr

Von Anlegern lange unbeachtet: Aktien von Unternehmen aus der Old Economy könnten 2020 wieder in Mode kommen.

Der Unterschied bei der Aktienbewertung zwischen Value-Aktien und Wachstumsstarken Titeln ist so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr und mit der TechBlase vergleichbar. Wie man unterbewertete Aktien selbst erkennt, welche Goldman Sachs empfiehlt und welche Value-Fonds sich in der Vergangenheit gut gehalten haben.

Sie haben jahrelang ein Schattendasein geführt. Die Substanz- oder Value-Aktien. Das ist wenig verwunderlich. In Zeiten in denen sich Anleger an der Börse hohe Kurszuwächse erwarten, finden sie keine Beachtung. Zu unscheinbar, zu wenig sexy. Im Prinzip sind Substanz-Aktien vor allem Aktien aus der Old Economy: Maschinenbau, Bauwirtschaft, Autobauer oder die Chemiebranche, wenn es auch keine klare Abgrenzung mehr gibt.

Anleger wollen in Phasen langsamen Wirtschaftswachstums, technologischer Innovationen und Umwälzungen, eines geringen Inflationsdrucks und niedriger Zinsen lieber in wachstumsstarke Unternehmen investieren.

Substanz-Aktien liefen bisher meist besser als Wachstumstitel
In der Vergangenheit gab es nur drei Phasen, in denen sich Substanzwerte schlechter entwickelten als Wachstumswerte. Das war in den 1930er Jahren, im Vorfeld der Dotcom-Krise in den 1990er Jahren und in den vergangenen zehn Jahren. Es wird wieder besser Zeiten für die Mauerblümchen der Börse geben. Es ist mittlerweile schon so, dass viele Fonds, die sich auf die Auswahl von Value-Titel spezialisiert haben und teilweise Milliarden von Dollars und Euros in ihren Portfolios gehalten haben, nach jahrelangen verheerender Performance vom Markt genommen wurden.

Was für ein Comeback aufgrund des wirtschaftlichen Umfelds spricht
Zwei Faktoren sprechen aber für ein Comeback des Value Investing: "Der anhaltende globale Abschwung und mögliche neue Konjunkturmaßnahmen. Das könnte zu einem wesentlichen Merkmal der Aktienmärkte im Jahr 2020 werden", argumentiert Alastair Gunn, Fondsmanager bei Jupiter Asset Management. Die Voraussetzung dafür: Anleiherenditen müssen steigen. Sowohl ein Ende der quantitativen Lockerung als auch eine Ausweitung der Staatsausgaben würde dies unterstützen. Jupiter bevorzugt für 2020 daher Aktien mit Substanzwert. "Wir sind eher defensiv positioniert, da wir glauben, dass sich die allgemeine Marktlage zunächst verschlechtern wird, bevor es wieder aufwärts geht", erklärt Jupiter-Geldmanager Gunn.

Bewertungsabstand so groß wie seit 20 Jahren nicht mehr
Immer wieder war in den vergangenen Jahren ein Comeback dieser Value-Aktien prophezeit worden, doch die Stunde scheint näher zu rücken. Zumindest wenn man sich die Bewertungsunterschiede ansieht. Denn der Bewertungsabstand zwischen teuren und billigen Aktien ist inzwischen so groß wie seit 2000 nicht mehr (siehe Chart). „Offensichtlich sind die Anleger bisher gewillt, für wachsende oder auch stabile Erträge (gemessen am KGV) hohe Preise zu zahlen.
Doch wann immer sich laut Franklin Templeton die Streuung der Bewertungskennzahlen von Aktien plötzlich verstärkte, war dies in der Vergangenheit ein Anzeichen für eine bessere Wertentwicklung bei Aktien mit niedrigerem KGV im Vergleich zu Titeln mit höherem KGV“, so die Investmentgesellschaft Franklin Templeton in einer Analyse.

So niedrig bewertet wie derzeit waren Substanzwerte zuletzt während des Techhypes vor 20 Jahren.

Die meisten solcher unterbewerten Aktien findet die Investmentgesellschaften in Industrie- und Schwellenländern. In den Industrieregionen setzt Franklin Templeton etwa auf Europa, da dort das Wachstum weiter zulegen werde, wenn auch langsam.

Hohe finanzielle Mittel zeichnen Sustanzwerte aus
Wer sich nun auf die Auswahl von unterbewerteten Aktien konzentriert, sollte nicht auf vielversprechende Messgrößen wie der erwartete Gewinn, etwa eines Technologieunternehmens, sondern auf reale Vermögenswerte, Barmittel und Wertpapiere achten. Als Faustregel gilt: Je größer die Substanz, desto solider die Firma.

Eigenkapital versus Marktkapitalisierung: Ein guter Gradmesser für die Bewertung
Wie solide die Firmensubstanz ist, lässt sich unter anderem gut am Verhältnis von Marktkapitalisierung zu Eigenkapital ablesen. Im Börsenjargon wird dieses Verhältnis mit KBV abgekürzt.
Je höher das KBV eines Unternehmens, desto teurer ist die Investition für den Anleger, je niedriger das KBV, desto günstiger ist der Erwerb der Aktien. Deckt sich die Marktkapitalisierung mit dem Eigenkapital, entspricht das einem KBV von 1. Anders ausgedrückt: Ein KBV von 1 bedeutet, die Einschätzung des Marktes und der tatsächliche Wert des Unternehmens stimmen überein.

Fiktive Beispielrechnungen für über- und unterbewertete Aktien
Eine Beispielrechnung: Ein Unternehmen verfügt über eine Marktkapitalisierung von 7 Milliarden Euro. Der Wert dividiert durch 30 Milliarden Euro Eigenkapital ergibt einen KBV von 0,26. Für Anleger auf der Suche nach einem unterbewerteten Titel bedeutet das, die Aktie hat, zumindest was diese Kennziffer betrifft, noch Potential, denn die Aktie ist stark unterbewertet. Das Eigenkapital ist schließlich deutlich höher als die Marktkapitalisierung. Stimmen auch noch Geschäftsmodell und –aussichten, kann ein solche Aktie eine gute Gelegenheit bieten, um zu investieren.
Ein weiteres Beispiel: Die Marktkapitalisierung eines Unternehmens beträgt 25 Milliarden Euro, das Eigenkapital 19 Milliarden Euro. Ergibt einen KBV von 1,3. Für Anleger bedeutet das, die Aktie ist teuer. Stehen dem keine großen Wachstumsphantasien entgehen, lieber Hände weg.

VW: Deutlich unterbewertet - zum Kauf empfohlen
Nun ein Beispiel aus der Praxis: Volkswagen verfügt per Stand 9. Dezember 2019 über eine Marktkapitalisierung von 88,3 Milliarden Euro. Das Eigenkapital betrug Ende rund 117 Milliarden Euro. Das KBV beträgt damit 0,75 und ist damit deutlich unterbewertet. Eigenkapital, Bilanzsumme, Jahresüberschuss und Umsatz steigen seit 2016 kontinuierlich. Das KGV liegt bei 6,61. Die Aktie ist damit nach wie vor billig, obwohl sie heuer um schon um 26 Prozent gestiegen ist. Die Dividende beträgt 4,8 Euro. Goldman Sachs empfiehlt die Aktie zum Kauf und erwartet sich wie für Porsche Kurszuwächse in zweistelliger Höhe.

Kaufempfehlung Porsche: Viel Eigenkapital, hohe Dividendenrendite
Beeindruckend auch die Zahlen von Porsche , einer der Top-Aktienempfehlungen von Goldman Sachs. Das Eigenkapital liegt bei rund 33 Milliarden Euro, die Marktkapitalisierung beträgt nur 10 Milliarden Euro. Ergibt ein KBV von nur 0,3 und ist damit noch stärker unterbewertet als VW. 2018 ist der Umsatz von 34 Milliarden auf 103 Milliarden Euro abgezogen. Das KGV liegt bei nur 5,2. Die Dividendenrendite beträgt 3,31 Prozent. Doch die Aktie ist auch mit Risiken behaftet, ebenso wie bei VW. In den USA konnte Porsche im November dank seiner SUV-Modelle das Neuwagengeschäft gegenüber dem Vormonat um elf Prozent ankurbeln.

Top-Value-Europafonds
Für Anleger, die nicht in Einzeltitel investieren wollen, gibt es auch Fonds, die sich auf die Auswahl von Substanzwerten spezialisiert haben. Bei den europäischen Aktienfonds mit Fokus Value zählt der AB – European Equity Portfolio zu den besten. Dieser erzielte in drei Jahren im Schnitt 7,3 Prozent und ist dafür laut Fondsrater Morningstar ein durchschnittliches Risiken eingegangen. Die laufenden Kosten betragen 1,62 Prozent.

Der Amundi European Equity Value , mit laufenden Kosten von 1,75 Prozent, hat ebenfalls überdurchschnittlich hohe Renditen erzielt.

3-Milliarden-Euro-Weltaktienfonds seit Jahren erfolgreich
Der auf Dreijahressicht beste Value-Aktien-Weltfonds ist aktuell der Acatis Global Value Total Return mit einer Rendite von 9,6 Prozent pro Jahr in den vergangenen drei Jahren. Zu den Flaggschiffen am Markt zählt der Nordea Global Stable Equity, der mit niedrigem Risiko eine Rendite von 6,8 Prozent jährlich einfuhr. Der Fonds verwaltet fast drei Milliarden Euro. Die laufenden Kosten sind mit 1,25 Prozent moderat.

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