"US-Firmen werden auch 2017 europäische abhängen"

Der New Yorker Fondsmanager Hamilton Reiner von der renommierten Investmentgesellschaft JP Morgan erklärte in einem exklusiven Interview mit trend.at warum die geplante Steuerreform in den USA so große Auswirkungen haben sollte, die strengen Regeln seit dem Finanzcrash das Wachstum gedrosselt haben, die Börsen in den USA noch immer deutlich billiger sind als europäische und warum die US-Börsen auch heuer wieder besser abschneiden dürften als die europäischen.

"US-Firmen werden auch 2017 europäische abhängen"

Derzeit scheinen die Aktienexperten wieder in eine Richtung zu galoppieren. Der Tenor: US-Aktien sind nach dem Boom der vergangenen acht Jahre und jüngsten Rallye zu teuer. Die neue Devise lautet: Rein in Europa-Aktien. Dem widerspricht nun Dem widerspricht nun der New Yorker Fondsmanager Rainer Hamilton von der renommierten Investmentgesellschaft JP Morgan in einem Interview mit trend.at.

Haben US-Aktien nach den starken Kursanstiegen der Vergangenheit weiter Potential?


US-Abgabenquote ist deutlich höher als im OECD-Durchschnitt

Reiner: Das tun sie. Das liegt unter anderem an den geplanten Reformen von US-Präsident Trump. Davon werden vor allem mittelständische Unternehmen profitieren. Wir erwarten, dass die geplante Steuerreform vor allem diesen Unternehmen substantiell etwas bringen wird. Selbst wenn die Steuersenkung geringer ausfällt als erwartet. Die Besteuerung von Unternehmen ist mit 35 Prozent des Gewinns in den USA substantiell höher als in vielen anderen Industriestaaten. Im OECD-Schnitt liegt die Abgabenquote bei 23 Prozent.

Was werden die Folge der niedrigen Besteuerungen sein?

Reiner: Diese werden sich in höheren Gewinnmargen der Unternehmen niederschlagen, ebenso wie in steigenden Börsenkursen. Sinkende Steuern für Unternehmen werden sich als der wichtigste Treiber für die Wirtschaft und die US-Börsen erweisen. Vor allem kleine- und mittelständische Unternehmen werden das Geld, das ihnen so zusätzlich bleibt wieder in ihre Firmen reinvestieren, was die neben dem bereits bestehenden Konjunkturaufschwung zusätzlich beleben wird.

US-Präsident Trump hat auch angekündigt, die strengen Regulierungen für Unternehmen zurückzuschrauben. Wird das einen Einfluss auf die konjunkturelle Entwicklung haben?


Mittelstand leidet unter den starken regulatorischen Anforderungen

Reiner: Die hohen Vorgaben der Regulatoren bereiten den Firmen, neben der hohen Besteuerung, die größten Sorgen. Vor allem der Mittelstand leidet unter den hohen Anforderungen. Aber vor allem Banken werden aufatmen. Alleine der sogenannte Dodd-Act, ein Gesetz, das den Banken und Versicherungen strenge Regeln und Beschränkungen auferlegt, umfasst 1.600 Seiten. Vor allem die Vergabe von Konsumentenkrediten wurde durch das Gesetz erheblich restriktiver als vor der Finanzkrise. Darlehen für Häuselbauer aber auch Kredite sind seither wesentlich schwieriger zu bekommen. Nicht dass alle Regeln fallen werden, aber die besonders strengen Regeln dürften aufgeweicht werden, wird das die US-Wirtschaft zusätzlich beflügeln.

Welche Börsen hat JP Morgen weltweit übergewichtet?

Reiner: Wir haben ein großes Übergewicht bei US-Aktien auch Japan haben wir leicht übergewichtet.

Laut Einschätzung anderer Investmenthäuser sind US-Aktien auch nach der langen Rallye teuer, weil die hohen Erwartungen an die Reformen Trumps bereits eingepreist seien.

Reiner: Um dieses Argument zu entkräften, ein simpler Vergleich: Seit dem Tief des US-Aktienindex S&P im Jahr 2009 sind die Unternehmensgewinne und die Aktienkurse im Gleichklang um knapp 200 Prozent gestiegen. In Europa sind die Gewinne seit 2009 um nur rund 40 Prozent gestiegen, der Aktienkurs des MSCI Europe hat sich aber im Vergleich dazu fast verdoppelt. (siehe Grafiken).


US-Firmen werden europäische wieder abhängen

Als einer der Hauptgründe warum europäische Aktien besser performen sollten als amerikanische ist, neben den niedrigeren Kursanstiegen in der Vergangenheit, dass die Gewinndynamik der Firmen in Europa jenen in den USA davonziehen werden.

Reiner: Das heißt es doch jedes Jahr aufs Neue. Heuer wurden zwar die Gewinnprognosen nach dem ersten Quartal in Europa nach sechs Jahren nicht nach unten korrigiert. Aber ob die starken Gewinnzuwächse wirklich eintreten, da bin ich mal eher skeptisch. US-Firmen werden europäische Firmen auch heuer wieder abhängen und höhere Gewinne erzielen.

Laut Investmentexperten schlägt sich der stark gestiegene Dollar in den Jahren 2014 und 2015 erst zwei Jahre zeitverzögert in den Bilanzen nieder. Das wäre dann 2017. Wie sehen Sie die Auswirkungen des hohen Dollar auf die Unternehmensgewinne von US-Firmen?

Reiner: Die meisten der Auswirkungen haben wir bereits im Vorjahr gesehen. Mittlerweile sind jene US-Firmen, die exportieren, auf einen starken Dollar vorbereitet und hedgen diesen ab. Unter die Parität wird das Verhältnis des Euro zum Dollar aber nicht sinken. Wir rechnen damit, dass der Euro nur leicht unter Druck gerät. Wir prognostizieren für dieses Jahr einen Euro/Dollar-Kurs von 1,03 bis 1,05.

Wie wird es mit den US-Unternehmensgewinnen weitergehen? Und welche Branchen favorisieren Sie?
Wir gehen von hohen einstelligen Gewinnen für 2017 aus. JP Morgan setzt vor allem auf Finanztitel, Konsumwerte, Aktien im Gesundheitsbereich und Basismaterialien. Diese vier Branchen sollten von den Reformen und der starken Nachfrage der Wirtschaft profitieren.

Reiner: Derzeit ist es an den Börsen besonders ruhig. Keine heftigen Kursschwankungen weit und breit. Wird das in nächster Zeit so bleiben?
Wir rechnen mit höheren Volatilitäten.


Bieten einen US-Aktienfonds, der vor Kursverlusten schützt

Was raten Sie Anleger in dieser Situation. Vor allem auch jenen, die skeptisch bleiben und hohe Kursverluste nicht riskieren möchten?
Reiner: Wir haben mit dem JP Morgan US Hedged Equity (ISIN: LU1297691492) einen Fonds, der vor Kursverluste schützt, die höher als acht Prozent sind. Die Prämisse dabei ist, dass perfektes Markttiming nicht möglich ist. Viele Anleger sind bereit rund fünf Prozent Kursschwankungen hinzunehmen, doch in Wahrheit schwanken die Börsen, selbst in guten Jahren häufig auch um zehn Prozent und mehr. Um auf lange Sicht eine überdurchschnittliche Performance zu erzielen, ist es wichtig die großen Börsencrash zu vermeiden, in denen die Märkte um mehr als 10, 20 Prozent einbrechen. Genau das wird mit dem Fonds verhindert. Am US-Aktienindex S&P betrugen die größten Kursrückgänge 2010 16 Prozent (Juli 2010), 19 Prozent im Oktober 2011 und 13 Prozent Anfang 2016. Die höchsten Rückgänge seit 1926 gab es übrigens im Jahr 1929 mit minus 86 Prozent, 1937 verloren Anleger am US-Aktienmarkt 60 Prozent und 1973 betrug der Verlust 48 Prozent. Die durchschnittlichen Verluste in einem Crash der vergangenen Jahre kostet im Schnitt 45 Prozent Performance, wenn auch die Einbrüche seit 1950 deutlich geringer ausfielen als in den zwanzig Jahren davor.

Wie hedgen Sie die Kurse im Fonds und was kostet diese Absicherung? Wie hoch sind die Performance-Einbußen aufgrund dessen bei steigenden Kursen?
Reiner: Wir sind zur Absicherung permanent in Put-Optionen investiert. Der Kursanstieg fällt dadurch um rund ein Drittel geringer aus. Aber in Bullenmärkten, die laut unseren Berechnungen zwischen 14 und 115 Monate dauern und zwischen 74 und 249 Prozent Rendite abwerfen, ist das denke ich verschmerzbar. Vor allem wenn man bedenkt, dass man die großen Kursverluste auslässt und so insgesamt die Rendite über die Jahre zusätzlich steigt. Der aktuelle Bullenmarkt dauert im Übrigen erst 55 Monate. Also nichts Ungewöhnliches. In den ersten drei Monaten des Jahres hat der Fonds ein Plus von 4,2 Prozent erzielt, die US-Börse lag bei knapp sechs Prozent. In den vergangenen drei Jahren haben wir mit diesem Investmentmodell pro Jahr einen Ertrag von 6,5 Prozent erzielt.

Hamilton Reiner, Managing Direktor bei JP Morgan Asset Management auf Europa-Visite.

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