Trotz geplanter Zinssenkungen: "Das Wachstum wird sinken"

Trotz geplanter Zinssenkungen: "Das Wachstum wird sinken"

Mario Draghi: Der Mann am Zinshebel.

EZB-Boss Mario Draghi will die Wirtschaft wieder mit Zinssenkungen ankurbeln. Warum das nach Ansicht eines Börsenspezialisten nichts bringt. Was erfolgversprechender sein könnte und mit welchem Szenario für die Weltwirtschaft längerfristig zu rechnen ist.

"Wir befinden uns immer noch in der Krise, auch wenn viele glauben, wir hätten sie schon längst hinter uns gelassen", lässt John Pattullo, Leiter der Anleihenabteilung bei Janus Henderson Investors, wenig Raum für Optimismus. Die Finanzkrise brach 2008 aus einer Reihe von Gründen aus, vor allem aber aufgrund der enormen Verschuldung von Haushalten, Unternehmen und Regierungen. Der Großteil des Wirtschaftswachstums wurde durch Anstieg der Verschuldung finanziert, der nicht nachhaltig war.

Das Problem: Die überwiegende Mehrheit der Länder hat elf Jahren danach mehr Schulden als vor Ausbruch der Krise. Nur ein paar haben es geschafft, ihre Schulden teilweise abzubauen. „Also, wie kann da die Krise vorbei sein?“, fragt Pattullo.

Hongkong, China, Südafrika und Griechenland: Die größten Schuldner der Welt
Die Schuldenkaiser dieser Welt sind allen voran Hongkong (160 Prozent des BIP) und China (110 Prozent es BIP) . Die meisten Schulden machen in diesen beiden Ländern jedoch Firmen. Griechenland, der drittgrößte´ Schuldner im Verhältnis zum BIP, macht fast ausschließlich der Staat Schulden, Private haben praktisch keinen Zugang mehr zu Krediten, Firmen vereinzelt. Hoch verschuldet ist auch Spanien, wenn auch nur der Staat. Die Deutschen und die Ungarn sind dagegen in allen drei Bereichen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung praktisch schuldenfrei.

Veränderung der Gesamtverschuldung, 2008 gegenüber 2018, jährlich, per 31. Dezember 2018 Angaben für Haushalte, Unternehmen und Behörden. Quelle: Thomson Reuters Datastream, BIZ, Janus Henderson Investors

Um Schulden zu reduzieren, gibt es mehrere Möglichkeiten, darunter das Wachstum und damit die Inflation ankurbeln, was bisher allerdings nicht gelungen ist, Sparmaßnahmen, Zahlungsunfähigkeit und / oder finanzielle Repression. Aber die nicht allzu ferne Vergangenheit hat vielleicht Lektionen, die helfen können.

Geringes Wachstum, niedrige Inflation – droht Japan-Szenario?
2009 prognostizierte der renommierte Makroökonom Richard Koos bereits in seinem Buch „Lehren aus Japans großer Rezession“ bereits, dass Europa wie Japan werden würde. Janus glaubt wie Koos an eine Desinflation, und setzt daher bei Anleihen auf Papiere mit langer Laufzeit.


Wir bezweifeln, dass wir nachhaltig eine höhere Inflation und ein höheres Wachstum erzielen können

„Wir sind der Ansicht, dass die langfristigen Faktoren wie Demografie, Technologie, übermäßige Verschuldung und niedrige Produktivität dominieren“, so Patullo und erklärt weiter: „Wir bezweifeln, dass wir nachhaltig in eine höhere Inflation und ein höheres Wachstum erzielen können.“ Für Anleihen bedeutet das global niedrigere Renditen.

EZB-Boss warnt vor Gefahr einer Rezession
Auch EZB-Chef Mario Draghi scheint Zweifel an der ökonomischen Stärke Europas zu bekommen. Er hob beim Treffen der Notenbanker im portugiesischen Sintra die schwelende Gefahr einer Rezession hervor und hat deshalb eine extrem lockere Goldpolitik signalisiert. Dabei könne die EZB sowohl die Zinsen weiter senken, als auch die Anleihekaufprogramm wieder hochfahren. Derzeit liegt der Leitzins der EZB bei null Prozent, der Zinssatz für Bankeinlagen bei der EZB bei minus 0,4 Prozent. Erstmals in der Geschichte des Landes sind nach dieser Ankündigung die Rendite der zehnjährigen französischen Anleihe in den negativen Bereich gerutscht.

Steueranreize schaffen, statt geldpolitische Maßnahmen?
Der Effekt neuerlicher Maßnahmen wird wieder als gering eingestuft: Der von den Notenbanken erzeugte Geldstimulus, sei im Vergleich zum Fiskalstimulus gering, gerade in einem schwierigen wirtschaftlichem Umfeld „Es sollten daher vielmehr fiskalpolitische Instrumente eingesetzt werden, um das Wachstum wiederherzustellen“, so der Janus-Investmentspezialist. Die globale Finanzkrise war zudem laut dem Janus-Experten keine gewöhnliche Rezession. Dies war eine „Bilanzrezession“, in der Einzelpersonen und Unternehmen Kredite aufnahmen und Ausgaben tätigten und dabei eine negative Eigenkapitalquote in Kauf nahmen. „Unter diesen Umständen nützt eine Senkung der Zinssätze nichts, wie wir gesehen haben.“


Kombination aus miserabler Demografie und fehlender Strukturreform

Zwar hat die quantitative Lockerung (QE) die Geldbasis massiv ausgeweitet, diese hab sich jedoch vollständig vom Wachstum der Bankenkredite und der Geldmenge abgekoppelt, kritisiert Pattullo. "Wir haben nur eine Inflation der Vermögenspreise in der Wall Street geschaffen." Doch wie in Japan, gebe es noch immer keine sinnvollen oder nachhaltigen Maßnahmen, die Wachstum oder Inflation hervorgerufen. "Eines der Haupthindernisse in Japan ist die Kombination aus miserabler Demografie und fehlender Strukturreform", sagt der Investmentstratege. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so massiv, ist die Lage in Europa.

Nur noch bis zu 1,75 Prozent Wachstum?
"Der wirtschaftliche Abschwung, in dem wir uns befinden, wird demzufolge auch nicht dazu führen, dass sich die Wirtschaft auf das bisher übliche Niveau erholen wird“, warnt jedoch Janus Henderson Investors-Mann Patullo. Angesichts der schlechten Demografie und Produktivität wird die zukünftige Wachstumsrate sowohl in den USA als auch in Großbritannien sinken und nur noch bei 1,5 bis 1,75 Prozent liegen, so die Prognose von Janus. Davon ist die Konjunkturlokomotive USA jedoch noch weit entfernt. Derzeit beträgt das Wirtschaftswachstum in den USA zwischen Jänner bis März 2019 ersten Schätzungen zufolge noch bei 3,1 Prozent. Im vierten Quartal 2018 hatte die Wachstumsrate noch bei 2,2 Prozent gelegen. Nach dem "Herzinfarkt" von 2008 befinden sich die großen Ökonomien in einem Umfeld mit geringem Wachstum, geringer Inflation und zunehmender finanzieller Repression.

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