Super Bowl 2018: Ein Touchdown für die Wall Street?

Super Bowl 2017: Einmarsch der New England Patriots

Die New England Patriots beim Einmarsch zur SuperBowl 2017. Werden sie 2018 den Titel verteidigen und den Super-Bowl-Indikator erneut widerlegen können?

Die NFL Super Bowl am 4. Februar zwischen den New England Patriots und den Philadelphia Eagles wird von Börsianern mit Spannung erwartet. Der Ausgang soll die Börsenkurse beeinflussen. WU-Professor Manfred Frühwirth über den "Super-Bowl-Indikator".

Bald ist es wieder soweit: Am 4. Februar findet in Minneapolis die Super Bowl, das Finale der amerikanischen Football-Profiliga statt. Fast eine Milliarde Menschen weltweit wird die 52. Auflage des Sport-Highlights live auf dem Bildschirm mitverfolgen. Aber das internationale Mega-Event hält nicht nur die Sportfans in Atem, sondern auch die Wall Street: Schenkt man dem Super-Bowl-Indikator Glauben, steigen oder fallen im laufenden Jahr die Börsenkurse je nachdem, welches Liga-Team gewinnt.

Leonard Koppett, Sportjournalist der New York Times, hat Jahr 1978 erstmals den Zusammenhang zwischen dem Ausgang des Spiels und dem weiteren Verlauf des Börsenjahres hergestellt. Bis dahin lag das als Super-Bowl-Indikator bekannt gewordene Orakel zu 100 Prozent richtig.

Die These dahinter: Wenn das Team, das aus der National Football Conference (NFC) in das Endspiel gekommen ist gewinnt, sollen die Börsenkurse in der Folge steigen. Wenn hingegen das Team aus der American Football Conference (AFC) im Finale gewinnt sollen die Kurse im folgenden Jahr fallen. Für die Börsianer geht es daher bei dem Spiel des AFC-Champions New England Patriots und dem NFC-Champion Philadelphia Eagles um mehr als die sportliche Krone. Aus ihrer Sicht wäre ein NFC-Champion der optimale Start ins noch junge Börsenjahr 2018.

Manfred Frühwirth, Professor und Mitglied des Department of Finance, Accounting & Statistics der WU sowie wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Finance der WU Executive Academy, lotet im trend-Gespräch aus, ob hinter dem Super-Bowl-Indikator mehr als nur Zufall steckt. Gibt es vielleicht wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Ausgang des Finales und der Kursentwicklung an der Wall Street?


trend: Herr Prof. Frühwirth, was genau ist der Super-Bowl-Indikator und wie soll er funktionieren?
Manfred Frühwirth: Seit 1967 hat die Theorie, dass mit einem NFC-Gewinner der S&P 500, also der Aktienindex der 500 größten börsennotierten Unternehmen, im jeweiligen Jahr steigen und mit einem AFC-Gewinner dieser sinken wird, 40 Mal zugetroffen. Das ist bei bisher 51 Spielen eine Trefferquote von 78 Prozent.
Das klingt viel, aber statistisch gesehen hat das Ergebnis äußerst wenig Aussagekraft. Es gibt sehr wenige Daten, weil nur eine Beobachtung pro Jahr stattfindet. Wenn wir in die Zukunft blicken, so gilt grundsätzlich: Je mehr Daten man sammelt, desto geringer wird das sogenannte „Konfidenzintervall“. Das heißt, desto verlässlicher wird das Ergebnis und desto eher wird sich die Trefferquote 50 Prozent annähern.
Im vergangenen Jahr hat die Prognose zum Beispiel nicht geklappt: 2017 war eines der erfolgreichsten Jahre an der Wall Street überhaupt, obwohl die New England Patriots, ein Team aus der AFC, gewonnen haben.

trend: Wie schätzen Sie als Finanzexperte den Indikator ein?
Frühwirth: Aus finanzwirtschaftlicher Sicht gibt es keinen rationalen Grund und kein theoretisches Modell dafür, warum der Ausgang der Super Bowl Auswirkungen auf die Börsenkurse haben sollte. Der hergestellte Zusammenhang ist noch dazu rein binär: Gewinnt ein AFC-Team oder ein NFC-Team, so fällt oder steigt die Börse in diesem Jahr. Gäbe es tatsächlich einen realen Zusammenhang, so wäre es durchaus auch denkbar, dass zum Beispiel die Höhe des Ergebnisses, also der Punkteunterschied, einen Einfluss auf die Höhe der Performance an der Börse hätte. Das ist aber nicht der Fall. Beim Super-Bowl-Indikator werden außerdem auch über 50 Jahre alte Daten miteinbezogen, die Rahmenbedingungen der Börse haben sich aber in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. All dies ist problematisch.

trend: Aber die Trefferquote ist immer noch beachtlich hoch.
Frühwirth: Das hat mit nachträglicher Sinngebung zu tun: Da die Auswahl eines Indikators ex post erfolgt, kann man sich im Grunde genommen einen Indikator so lange zurechtrücken, bis er zumindest für die gewählte Stichprobe passt. Wenn es für die Super Bowl nicht stimmte, dann würden wir jetzt vielleicht über den Einfluss von Basketball, Eishockey oder Baseball auf die Börsenkurse im nächsten Jahr sprechen. Und wenn die Vorhersage nicht zur Rendite im laufenden Jahr passte, dann vielleicht für jene im laufenden Monat. Und notfalls könnte man noch bei der Auswahl des Aktienindex ein bisschen drehen. Sie sehen, hier sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. In jedem Fall würde man etwas finden, wo es einen vermeintlichen Zusammenhang gibt.


Bei Wertpapierkursverläufen wird die prognostizierbare Komponente überschätzt.

trend: Warum hält sich der Aberglaube trotzdem?
Frühwirth: Das hängt mit einem Phänomen zusammen, das in Fachkreisen als Kontrollillusion (eine Facette der übermäßigen Zuversicht/Overconfidence) bezeichnet wird. Der Mensch will sich nicht eingestehen, dass er teilweise seiner Umwelt ausgeliefert ist und Teile seines Lebens nicht steuern kann. Somit sucht er ständig Muster und Kausalitäten und redet sich ein, dass er Dinge beherrscht. So wird im Leben generell und bei Wertpapierkursverläufen im Speziellen die prognostizierbare Komponente überschätzt und die zufällige Komponente unterschätzt. Football eignet sich auch aus einem anderen Grund sehr gut für derartige Scheinzusammenhänge: Der Sport ist ein sehr emotional besetztes Thema. Gerade hier ist der Mensch anfällig für solchen Aberglauben.

trend: Wie kommt es zu dieser Kontrollillusion?
Frühwirth: Man glaubt, man hat seine Umwelt im Griff, in der Realität schaut das aber ganz anders aus. Zum Beispiel gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass der Mensch sich größere Gewinnchancen ausrechnet, wenn er selbst würfelt, als wenn jemand anderer für ihn würfelt. Oder ein viel weniger banales Thema: Energieerzeugung durch Atomkraft. Trotz des Super-GAUs in Tschernobyl und der Atomkatastrophe in Fukushima werden seit 2015 weltweit wieder neue Atomkraftwerke gebaut und sogar in Japan stillgelegte Reaktoren nur wenige Kilometer vom Unglücksort wieder hochgefahren. Die Kontrollillusion der Politik: Dank neuer, strengerer Sicherheitsvorschriften hätten sie die Atomkraft jetzt im Griff.

trend: Gibt es in der Finanzwelt ähnliche Phänomene wie das Super Bowl-Orakel?
Frühwirth: Abseits des Super Bowl-Orakels gibt es in der Finanzwelt ähnliche Phänomene, die oft auf den Einfluss der Stimmung auf die Risikoaversion der Investoren zurückgeführt werden: Manche Untersuchungen zeigen etwa, dass Fußball-Ergebnisse in den Tagen nach dem Spiel Auswirkungen auf Aktienkurse jener Unternehmen haben, die in der Stadt des siegreichen Fußball-Klubs angesiedelt sind. Gemäß anderen Untersuchungen soll auch das Kinoprogramm einen Einfluss auf die Börsenkurse haben: Je nach Stimmung, in der ein Börsenhändler das Kino verlässt, verändert sich auch sein Trading-Verhalten am darauffolgenden Tag.

trend: Das passt zum Thema Behavioral Finance, auf das Sie immer wieder zu sprechen kommen. Was fasziniert Sie daran?
Frühwirth: Das stimmt. Denken Sie etwa an Investoren ganz allgemein: In der Regel treffen sie keine rationalen Entschlüsse. Gründe für ihr Verhalten gibt es viele: Sie sind – insbesondere angesichts der zunehmenden Informationsflut - nicht immer unbegrenzt aufnahmefähig, weisen hartnäckige Wahrnehmungsverzerrungen - z. B. in der Einschätzung von Risiken - auf, haben inkonsistente Präferenzen oder lassen sich von Emotionen leiten. Deshalb ist für mich das Thema Behavorial Finance auch so spannend. Im Gegensatz zur klassischen Finanzlehre berücksichtigt sie im Speziellen auch die Psychologie des Menschen. Sie ist dadurch in der Lage, Ergebnisse zu liefern, die der Realität besser entsprechen. Behavioral Finance ist daher auch ein großes Thema beim Professional MBA Finance bei uns an der WU Executive Academy.

Zur Person

Manfred Frühwirth ist Professor und Mitglied des Department of Finance, Accounting & Statistics der WU sowie wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Finance der WU Executive Academy.

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