Neuer Anlegerschutz: „Wird Kunden im großem Stil vertreiben"

Neuer Anlegerschutz: „Wird Kunden im großem Stil vertreiben"

Ab Jänner 2018 müssen sich Anleger, Kundenberater in Banken und unabhängige Anlageberater wegen neuer, strengerer Anlegerschutzbestimmungen auf gravierende Änderungen gefasst machen. Brancheninsider rechnen mit erheblichen Nachteilen für Privatanleger.

Die neuen EU-Anlegerschutzregelungen, kurz MiFID II, die mit 1. Jänner 2018 in Kraft treten, haben es in sich. Die künftigen EU-Direktiven für den Finanzmarkt werden die heimische Investmentbranche und die Anlageberatung von Privatkunden in vielen Bereichen von Grund auf verändern.

Experten befürchten, dass vor allem die Zahl der angebotenen Investmentprodukte wie Fonds und Zertifikate in der Folge dramatisch sinken wird. Der Grund dafür sind die hohen Anforderungen, die die EU beginnend mit dem Jahreswechsel an Produktentwickler und an den Vertrieb stellt.

Hoher Aufwand um Produkte und Zielgruppe laufend aufeinander abzustimmen

Bisher wurden Investmentprodukte aufgelegt, anschließend haben Kundenberater überlegt, welches Produkt zu welchem Anleger passt. Diese Vorgehensweise ist ab 2018 verboten. Produkte müssen schon bei dessen Gestaltung so konzipiert werden, dass diese auf eine bestimmte Zielgruppe, etwa auf konservative Anleger, zugeschnitten ist. Was einfach klingt, zieht aber einen hohen Abstimmungs- und Verwaltungsaufwand nach sich. „Eine permanente Rückmeldung des Vertriebs an die Produktentwickler, ob die Produkte noch zur Kundengruppe passen, ist künftig vorgeschrieben“, erläutert Otto Lucius, Vorstand des Verbands von Financial Planners und lange Jahre Chef der Bankwissenschaftlichen Gesellschaft. Schon jetzt beschäftigen sich in Banken und Investmentgesellschaften ganze Teams mit der Umsetzung der vielen neuen Vorschriften, zu der die sogenannte Zielmarktdefinition von Produkten zu den größten Brocken zählt.

Transparente Kosten, einfache auf Kundengruppen maßgeschneiderte Produkte

Der Vorteil der neuen Anlegerschutzrichtlinien liegt für kleine private Investoren, die sich in einer Bank oder von einem unabhängigen Vermögensverwalter beraten lässt, etwa an den in Zukunft sofort ersichtlichen Kosten. Versteckte Spesen, sowohl von Banken als auch Emittenten von Produkten gehören so der Vergangenheit an. Auch die Gefahr, dass Anlegern Produkte verkaufen werden, die sie im Grunde nicht wollen oder verstehen, wird durch penible Aufklärungs- und Dokumentationspflicht des Beratungsgesprächs wohl auf ein Minimum sinken. Für den Vertrieb wiederum werden sich so Haftungs- und Produktrisiken stark in Grenzen gehalten. Millionenschwere Anlegerprozesse dürften so kaum noch geben.

„Zahl der angebotenen Fonds wird dramatisch sinken“

Doch die verschärften Regeln für den Anlegerschutz hat auch für Privatanleger eine Kehrseite der Metaille, wie viele in der Branche befürchten. „Die Zahl der angebotenen Fonds wird für jene, die sich in Banken oder von Vermittlern beraten lassen, dramatisch sinken“, prophezeit der renommierte Kenner der Finanzbranche Lucius. Banken könnten so ihren Kunden nur noch acht bis 12 Fonds zur Auswahl anbieten – wenn es hoch kommt und der Anleger Kunde einer Privatbank ist. Es könnten aber ab 2018 kleinen Privatanleger einer klassischen Bankfiliale, die ihr Geld anlegen will, auch nur noch drei, vier Fonds angeboten werden, glaubt so mancher im Fondsvertrieb.

Können Anleger bald nicht mehr untere mehreren Fonds wählen?

So könnte es pro Anlegertyp, zum Beispiel, dem Konservativen, dem ausgewogenen Anleger und dem risikoaffinen, jeweils überhaupt nur noch ein Fonds angeboten werden. Dem ausgewogenen Investmenttypen mit mittlerem Risikoprofil könnte dann beispielsweise ein einziger Mischfonds angeboten werden. Wenn der Anleger den nicht will, hat er wahrscheinlich Pech gehabt. „Durch ein derart reduziertes Portfolio soll der laufende hohe Abstimmungsaufwand pro Produkt und dem Entwickler erheblich reduziert werden“, begründet Lucius die drohende Zusammenstreichung der angebotenen Fonds oder etwa Zertifikate für Kleinanleger.

Kleine Investmentgesellschaften drohen unter die Räder zu geraten

Diese stark gekürzte Auswahl von Fonds, die Bankfilialen künftig nur noch anbieten könnten, trifft schon heute viele Fondsgesellschaften, die gerade reihenweise aus den Empfehlungslisten der Banken und Vermittler kippen, wie etwa kleine Investmentboutiquen mit speziellem Anlageschwerpunkten und Investmentstilen, berichten. „Es werden vielfach nur noch die großen internationale Fondsgesellschaften mit ihren Flagschiff-Fonds übrig bleiben“, fürchtet Lucius. Viele betroffene aus der Branche denken ähnlich, wagen jedoch vielfach nicht öffentlich ihre Bedenken zu äußern. Um als Fondsgesellschaften mit ihren Fonds von den Banken in deren begehrte Masterliste aufgenommen zu werden, zählen nicht nur die Leistungen der Fonds und anderer Produkte, sondern auch die Spesen. Große Fondsgesellschaften haben naturgemäß auch da die besseren Karten.

Werden Kleinanleger de facto gezwungen, ihr Erspartes ohne Beratung bei Onlinebrokern zu investieren?

Die Folgen, die die neuen Anlegerschutzrichtlinien zeitigen, haben für Lucius noch eine weitere Konsequenz. „Die Kunden werden, weil ihnen eine breite Beratung in Banken und bei Vermittlern so verwehrt wird, im Internet und ohne Beratung Investmentprodukte kaufen.“ Und setzt nach: „MiFID II ist gut gemeint, aber ist im Grund nur ein großes Kundenvertreibungsprogramm.“ Der Investmentspezialist fürchtet, dass künftig 40 bis 50 Prozent der Privatanleger, ihr Geld so notgedrungen ohne Beratung, veranlagen werden.

Können spezielle Fonds selbst auf Wunsch des Kunden nicht mehr geordert werden?

Nicht nur dass Anlegeberater nicht mehr einfach Fonds, die gerade aussichtsreich erscheinen, empfehlen dürfen, könnte MiFID II laut ersten Berichten von Gesellschaften auch dazu führen, dass nicht mehr jeder in Österreich zugelassene Fonds bei einer Bank ordern kann. Bisher reichte es die Wertpapierkennnummer ISIN oder den Fondsnamen zu kennen und jede Bank konnte den Fonds oder das Zertifikat für den Kunden auf Wunsch ordern. Selbst das könnte, laut ersten Informationen von Instituten, passé sein.

Hart treffen könnte MiFID II auch den Zertifikatemarkt. Selbst einfache Zertifikate, die je nach Typus, auch mit einem großen Risikopuffer ausgestattet sind und häufig regelmäßig Zinsen ausschüttet, gelten künftig wohl als Investment, das zur höchsten Risikostufe zählt, warnt Lucius. Damit würde diese Produktgruppe, das bisher vielfach auch konservativen Anlegern verkauft wurde, wahrscheinlich nur noch einer kleinen Gruppe von Anleger vorbehalten sein.

Dass die neuen Vorschriften zu einem Aus vieler kleiner Fondsgesellschaften in Österreich und in anderen EU-Ländern führen dürfte, liegt für so manchen in der Branche auf der Hand.

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