Starökonom Hüfner über Fehler der EZB und überschätzte Gefahren

In einer kleinen Runde erklärte der langjährige Chefökonom der HypoVereinsbank und Berater der Hello Bank nun in Wien, wie sich die jahrelange Niedrigzinspolitik auswirkt, wann sich die Situation seiner Meinung nach ändern wird, wie stark der Wirtschaftsaufschwung wirklich ist, welche Börsen er favorisiert und von welchen Investments man die Finger lassen sollte.

Starökonom Hüfner über Fehler der EZB und überschätzte Gefahren

Martin Hüfner hat sich als Chefökonom der HypoVereinsbank einen Namen gemacht, derzeit Berater der Hello Bank!, gilt als EZB-Insider.

Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater der Hello bank! Österreich hält mit seiner Meinung über die Zinsentwicklung in Europa nicht hinter dem Berg. „Die Welt des Geldes steht Kopf. Die Niedrig- beziehungsweise Nullzinsen sind die Geisel der Kapitalmärkte. Die Fehlentwicklungen beim Kapital durch die niedrigen Zinsen wird weiter steigen. Die Zinsen in Euroland sind bereits so niedrig wie noch nie in der Geschichte zuvor. Auch die private Altersvorsorge wird dadurch immer schwieriger“, wettert Hüfner, viele Jahre Chefvolkswirt der HypoVereinsbank und derzeit in derselben Funktion bei der Investmentgesellschaft Assenagon, der das aktuelle Zinsniveau in der EU für einen Fehler hält.

Doch wann wird sich das Blatt wenden und die Zinsen wieder steigen? „Aus fundamentaler Sicht sind alle Zutaten vorhanden, die für ein Ende der Nullzinspolitik in Europa sprechen“, ist Hüfner überzeugt. Das Wirtschaftswachstum ist da. „So einen breiten wirtschaftlichen Aufschwung wie derzeit, der praktisch in allen großen Ökonomien stattfindet, gab es selten“, resümiert Hüfner. Findet dieser doch sowohl in den Schwellenländern als auch in den Industrieländern statt.

Zu den ökonomischen Topperformern zähle auch Österreich, „wenn vielen das auch noch nicht so aufgefallen ist“, so Hüfner. So ginge hierzulande endlich die Arbeitslosigkeit zurück, auf der anderen Seite steigt die Inflation, was eine steigende Nachfrage signalisiert.

Arbeitslosenrate sinkt im Euroraum, Deutschland und den USA seit Jahren

Insgesamt geht die Arbeitslosenrate im Euroraum seit 2013 im Schnitt kontinuierlich zurück. In den USA bereits seit 2010, ebenso in Deutschland. Nur in Österreich hat die Arbeitslosigkeit zwischen 2011 bis 2016 laufend angezogen und liegt noch jetzt über jener der USA und Deutschland.

Alles spricht für weiteren Aufschwung

Die Gefahr der Deflation hält Hüfner „definitv für vorbei.“ Die Inflation in Europa kratzt an der 2-Prozent-Marke. „Das wird 2017 auch so bleiben. Für einen anhaltenden Aufschwung ist also alles angerichtet“, resümiert Hüfner.

Zinsen müssten eigentlich stark steigen

Für die USA, die sich in einem früheren Wirtschaftszyklus befindet und Europa rund ein Jahr voraus ist, rechnet der Ökonom für 2017 mit insgesamt drei Zinsschritten. Doch die Zinsanstiege, sowohl in den USA - und wenn sie denn in Europa kommen - werden mager ausfallen, glaubt der Berater der Hello Bank: „Wenn nach den gängigen Modellen der Volkswirtschaft die Kapitalmarktzinsen in beiden Reginen in nächster Zeit auch deutlich steigen müssten." Doch um keine Verwerfungen an den Märkten zu riskieren, würde es bei Mini-Zinsschritten bleiben.

Kerninflation nach wie vor niedrig

Um die künftige Zinsentwicklung genauer einschätzen zu können, empfiehlt Hüfner den Blick auf die Kerninflation zu richten: „Da sehe ich was wirtschaftlich wirklich los ist“. Bei der Ermittlung der Kerninflation werden einige Güter außen vor gelassen. Hierbei handelt es sich vor allem um jene Güter, die häufigeren Preisschwankungen unterliegen. Dadurch soll eine genauere und verlässlichere Aussage über den realen Anstieg des Preisniveaus getroffen werden können. Je nach Jahreszeit können die Preise etwa von frischen Nahrungsmitteln wie Obst und Gemüse oder auch von Benzin variieren und dadurch die Kerninflationsrate verfälschen. Derzeit liegt die Kerninflation in Euroland bei nur 1,2 Prozent. „Eigentlich haben wir in Europa demnach noch keine richtige Inflation.“ So gäbe bei Nahrungsmittel und Dienstleistungen, wo sich eine steigende Nachfrage gut ablesen lässt, keinen nennenswerten Anstieg der Inflation. 9,5 Prozent des Warenkorbs der klassischen Inflation beinhaltet jedoch alleine die Energie die nach dem kräftigen Anstieg, das Bild derzeit verzerrt.


„Draghi glaubt noch nicht an einen selbsttragenden Aufschwung“

Die niedrige Kerninflation bedeutet jedoch, dass der konjunkturelle Aufschwung noch nicht frei von Risiken ist. Das ist auch eines der zentralen Argumente der EZB die Zinsen noch nicht anzuheben. „Doch es findet ein Umdenkprozess statt“, weiß Hüfner, der regelmäßig EZB-Notenbanker trifft. “Liest man in den Statements von Notenbank-Boss Mario Draghi zwischen den Zeilen, kann man nicht mehr sicher sein, dass alles so bleibt, wie es ist.” Noch begründet Draghi die niedrigen Zinsen damit, dass der Aufschwung nicht selbsttragend ist.Das hält Hüfner jedoch für überzogene Vorsicht, selbst wenn die Kerninflation noch nicht entsprechend reagiert hat.

So könnte der Fahrplan der EZB aussehen

Doch der Druck auf die EZB die Zinsen zu anzuheben, steigt bereits. Hüfner erwartet, dass die EZB im Juni erste Andeutungen machen wird, die Wertpapierrückkäufe zurückfahren zu wollen. Im September dürften die Notenbanker in Frankfurt dann den Zeitplan für eine Zinsanhebung ankündigen. Anfang 2018 rechnet der Ökonom dann mit einer sukzessiven Rückführung der Anleihenkäufe, die bis zum dritten Quartal 2018 dauern könnten. Und erst Anfang 2019 könnte es zu einer ersten Anhebung der Leitzinsen in Euroland kommen. Bis dahin wird es negative Einlagenzinsen geben, warnt Hüfner und auch von den Problemen, die dadurch entstehen. „Da muss vorher etwas passieren. Das versteht kein Mensch“, ärgert sich der Ökonom über die „störrische EZB“.

Börsen: Vorboten eines Gewitters

Doch was bedeutet die Zinsstagnation für die Märkte? „Wenn die niedrigen Zinsen noch länger anhalten, werden die Börsen nervös werden. Denn vielen wird klar sein, dass durch die zunehmende Fehlallocation an den Märkten etwas passieren wird.“ Derzeit sind die Kursschwankungen an den Börsen jedoch fast gefährlich niedrig. Die Volatilität ist derzeit so niedrig wie seit 40 Jahren nicht mehr. Der VIX, der Index, der die Volatilität an den Börsen misst, ist unter 10 gefallen. Das gab es noch nie. „Und das wird auch nicht so bleiben. Das sind vielmehr Vorboten eines Gewitters“, warnt Hüfner.


Abrupte Zinswende könnte sich verheerend auswirken

Aber noch gefährlicher als kurzfristig Aktien sein könnten, hält Hüfner Investments in soliden Staatsanleihen. Die Anleihenrenditen sind mit einer Realverzinsung von minus zwei Prozent an einem Tiefpunkt angelangt. „Das hat es seit 1977 nicht mehr gegeben“. Auch der große Zinsabstand zwischen jenen Anleihen in den USA und Europa sei einmalig in der Geschichte. "Hier besteht Anpassungsbedarf", so der Volkswirt. Für Anleger prognostiziert er eine schwierige Phase, da es schwer zu sagen sei, in welchem Tempo sich der Zinsanstieg vollziehen werde. Hüfner: “Geht es abrupt, könnte sich das für einige Investoren von langfristig gebundenen Staatsanleihen verheerend auswirken.”
Investments in Anleihen sind aus seiner Sicht nur in hochverzinste Papiere, sogenannte High Yield Bonds, zu empfehlen.


Wiener Börse: „Da ist schon noch Musik drinnen“

Bei Aktien empfiehlt der Geldprofi, trotz eines Kursanstiegs von rund 45 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten, die Wiener Börse. „Da ist schon noch Musik drinnen. Die Börse ist zwar über dem Niveau von 2009, aber es ist noch Luft auf dem Weg nach oben.“ Schließlich notierte der ATX 2007 noch bei knapp 5.000 Punkten, derzeit ist der Wiener Leitindex bei knapp über 3.000 Punkten. Für die Wiener Börse sieht Hüfner durch die anstehende Wahlen keine nennenswerten Auswirkungen. Aktien, international agierende Unternehmen wie die OMV oder die Voest würden davon nicht beeinflusst.

Da die Kurse auch viele andere Börsen, sowohl in Europa als auch in den USA seit Monaten steil nach oben zeigen, erachtet Hüfner eine technische Korrektur aber für denkbar. Er hält einen Kurseinbruch von an den Märkten von gut zehn Prozent für gut möglich. „Dann sollte man einsteigen“, so der Tipp des Experten. Die Börsen sind neben dem starken Aufschwung vom hohen Gewinnwachstum der Unternehmen getragen.

Schwache Regionen in Europa als Hemmschuh für nachhaltige Erholung?

Dass die neue konjunkturelle Stärke nur ein Strohfeuer ist, glaubt Hüfner nicht. „Die USA haben beispielsweise auch viele schwache Regionen. So hat sich Texas erst wieder aus einem ökonomischen Tief erholt. Dem soliden Gesamtwirtschaftswachstum würden solche konjunkturschwache Regionen jedoch keinen Abbruch tun.“ Wenn in der Eurozone der Brexit den ökonomischen Aufschwung auch bremsen könnte. „Derzeit spielt der Ausstieg der Briten aber keine Rolle.“ Großbritannien wächst genauso stark wie die übrigen EU-Länder.

Frankreich am Weg zum Spitzenreiter an den europäischen Börsen

Experten predigen immer wieder, das ein selbstragender Aufschwung nur Hand in Hand mit Reformen gehen würde. Doch selbst ein Stillstand würde den Aufschwung mittelfristig nicht aufholen. „Da wird in Deutschland beispielsweise nicht viel passieren“, gibt sich Hüfner realistisch. Anders schätzt Hüfner die Situation in Frankreich ein. „Das Land wird 2018 auch zu den Topperformern an der Börse zählen.“ Bereits in den vergangenen zwölf Monaten legte der französische Aktienindex CAC um gut 24 Prozent zu. Auf einen weiteren Konjunkturaufschwung deuten in Frankreich auch zahlreiche Konjunkturindikatoren hin.

Wichtig sei vielmehr, und das gelte für alle Länder, dass die Stimmung drehe und der Glaube an ein nachhaltiges Aufschwung wächst. Als größtes politisches Risiko bewertet Hüfner derzeit mögliche Fehltritte und –Entscheidungen Trumps. „Das Land könnte, etwa durch ein Amtsenthebungsverfahren, in eine Agonie geraten, die auch auf Europa abfärbt“, urteilt der Berater der Hello Bank.

Hände weg von Gold

Von Investments in Gold rät Hüfner jedoch ab. „In Erwartung steigender Zinsen sollte man kein Gold kaufen. Das ist zu riskant.“ Generell sei das Edelmetall ein Gut das starken Schwankungen unterliegt. „Aber in Phasen in denen alle Angst haben und deshalb Gold kaufen, wäre man verrückt, wenn man nicht auch mitmacht und versucht von Kursanstiegen zu profitieren.“ Wenn diese Phase derzeit auch nicht in Sicht sei.


Martin Hüfner berät Banken und Unternehmen in volkswirtschaftlichen Fragen. Er war viele Jahre Chefvolkswirt bei der HypoVereinsbank und Senior Economist bei der Deutschen Bank. Heute ist er Chefvolkswirt bei der Assenagon Gruppe.

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