So kritisch sehen Pensionsfonds Aktien & Co

So kritisch sehen Pensionsfonds Aktien & Co

Um europäische Aktien gleich einen Bogen machen? Manager großer Pensionsfonds sind skeptisch für Euroland-Papiere.

Eine Umfrage unter betrieblichen Vorsorgekassen zeigt welche Investment-Risiken deren Anlagespezialisten sehen. Skepsis gibt es vor allem in Hinblick auf Europas Wirtschaft und Börsen.

Manager von Pensionsfonds, die Herren über die Veranlagung betrieblicher Pensionskassen, rüsten sich für schwierige Zeiten an den Kapitalmärkten. Sie sind schließlich angehalten das Geld so anzulegen, dass für hunderttausende Menschen, die in einen solchen Genuss kommen, in Europa eine solide Zusatzrente von der Firma herausschaut. Diese Geldmanager müssen deshalb stets den Balanceakt zwischen Vorsicht und Chancen schaffen.

Umso vorsichtiger agieren sie an der Börse. Sie sind daher auch ein guter Indikator dafür wie es tatsächlich um die Chancen an den Börsen steht und wo sich Risiken zusammenbrauen. Schließlich müssen sie ihre Produkte nicht an Kleinanleger oder institutionelle Investoren verkaufen.

Eine Umfrage von CREATE-Research und Amundi, Europas größtem Assetmanager, zufolge steigt die Sorge der Vermögensmanager betrieblicher Vorsorgekassen in Europa. In allen sogenannten Betriebliche Altersvorsorge (bAV)-Einrichtungen in Euroland werden insgesamt 1,89 Billionen Euro an Vermögen gemanagt. Ziel der Umfrage war es, mehr darüber zu erfahren, wie die bAV-Manager mit dem aktuellen Marktumfeld zurechtkommen, gekennzeichnet von zunehmenden Fliehkräften in der EU und das allmähliche Ende der expansiven Geldpolitik nach der Finanzkrise.

Brexit und Italien-Wahl als Symptome für die Probleme in Europa
Für viele von ihnen sind die Ergebnisse der italienischen Parlamentswahlen und die Volksabstimmungen über den Brexit symptomatisch für ein schwindendes Vertrauen der Anleger in Europa. Zudem glauben viele, dass die Hausse vorbei ist. Ein Gesprächspartner der Umfrage:


Die derzeitige Hausse hat keine Kraft mehr. Ich wüsste nicht, wie sie weitergehen könnte.

US-Aktien und japanische Aktien gelten als überbewertet
Die befragten Portfoliomanager halten im Schnitt europäische Staatsanleihen, US-Aktien, amerikanische Investmentgrade-Anleihen und japanische Aktien für überbewertet.

Hedgefonds: unbeliebt
Bei den Umfrageteilnehmern waren Hedgefonds und Währungsfonds die unbeliebtesten Assetklassen.

Die Auswege: Immobilien, Infrastruktur-Investments und alternative Kreditfinanzierung
Fast zwei Drittel der Umfrage-Teilnehmer glauben, dass die Suche nach Rendite am ehesten in internationalen Aktien und illiquide Titel wie Immobilien, Infrastrukturinvestments und alternative Credits von Erfolg gekrönt ist. Diese illiquiden Assetklassen eignen sich nach Einschätzung eines britischen Pensionsfonds gut zur Portfoliodiversifikation: Sie korrelieren nur geringfügig mit traditionellen Assetklassen und verzeichnen regelmäßige Cashflows. Für Kleinanleger sind diese Investments jedoch, bis auf den Kauf von Immobilien, nicht zugänglich. Doch auch an den Aktienmärkten sehen die Experten den einen oder anderen Hoffnungsschimmer.

Dort sehen sie Chancen: In Asien - ohne China - und Indien
Auch wenn keiner Anlageregion exorbitante Erträge zugetraut wurden, wird Asien, nicht aber China, und auch Indien als jene Regionen eingestuft, für die im nächsten Jahr noch das meiste zu erwarten ist. Trotz der Überbewertung von US-Aktien glauben die Investoren aber, dass dort noch Kurszuwächse möglich sind.

Erholung in Europa nur konjunkturbedingt – anhaltend strukturelle Probleme
Die große Mehrheit der Umfrageteilnehmer (etwa 80 Prozent) ist jedoch skeptisch was die Entwicklung in der EU anbelangt. Sie halten die derzeitige Erholung für konjunkturbedingt, ausgelöst durch den synchronen Weltwirtschaftsaufschwung. Nur ein Viertel der Teilnehmer meint, dass Europa die Krise von 2008 endgültig überstanden hat. Vielmehr gilt die Lage in Italien als symptomatisch für die tiefen strukturellen Probleme der EU: ineffiziente Arbeitsmärkte, zu niedrige Investitionen und enorme Produktivitätsunterschiede zwischen den Kernländern und der Peripherie.

Europa: Region schwacher Renditen – hohe Schulden, schwache Produktivität, wenig Innovationen
Nur 35 Prozent der Pensionskassen-Profis halten in Europa auch in Zukunft ordentliche Erträge für möglich. Dies liege daran, dass die Einzelstaaten kaum zu europäischen Lösungen für wichtige Probleme bereit seien. Dazu zählen hohe Defizite, steigende Schulden, schwache Produktivität und Mangel an Innovationen. Die Reformen brauchen neuen Schwung.

Bleibt Europa bei der nächsten Krise auf der Strecke?
Fast 60 Prozent der Teilnehmer empfinden Institutionen und die Politik als erstarrt. Investitionen würden ihrer Einschätzung nach deshalb ausbleiben. Sie fürchten das Europa aufgrund fehlender Investitionen bei der nächsten Wirtschaftskrise auf der Strecke bleibt.

Brexit als Chance? Währungs- und Kapitalmarkt in der EU stärken
Der Brexit bietet nach Ansicht vieler für die EU aber auch die Chance, sich neu zu definieren. Die Umfrageteilnehmer identifizierten folgende drei nötige Maßnahmen:

  1. einen übergreifenden Aktionsplan mit klaren langfristigen Zielen für die EU
  2. neue Initiativen zur Stärkung der Währungs- und Kapitalmarktunion, damit die Mitgliedsstaaten krisenresistenter werden
  3. Maßnahmen gegen das mangelnde Vertrauen in Politiker und Institutionen: bessere Sozialpolitik, bessere Beschäftigungsmöglichkeiten im Zeitalter des technologischen Wandels

Factor Investing und ESG werden für die betriebliche Altersvorsorge wichtiger
Immer mehr Vorsorgekassen nutzen nach Angaben von Amundi sogenannte Asset-Allokations-Ansätze. Diese Diversifikationsinstrumente, die früher als Nischenkonzepte galten, werden aufgrund des schwierigen Umfelds beliebter. Die drei wichtigsten Asset-Allokations-Ansätze sind Factor Investing (58 Prozent), unkorrelierte Absolute-Return-Strategien (53 Prozent) und alternative Risikoprämienkonzepte, um vorübergehende Preisanomalien zu nutzen (48 Prozent). „Diversifikation nach alter Art eignet sich nicht für eine Zeit mit hoher Volatilität und niedrigen Erträgen“, so eine Antwort aus der Umfrage. Die Umfrageteilnehmer nannten ESG, also die Selektion von Wertpapiere von Unternehmen die sich gegenüber Mitarbeitern, der Gesellschaft und der Umwelt fair und angemessen verhalten, als eines der wichtigsten langfristigen Zukunftsthemen.

Grenzüberschreitend agierende Pensionskassen stehen noch am Anfang
Seit dem Jahr 2003 sind Pensionskassen angehalten europaweit tätige Arbeitgeber in jedem Land im Einklang mit den lokalen Vorschriften eigene bAV-Einrichtungen betreiben. Im Dezember 2017 trat die zweite Direktive dazu, die IORP-II-Direktive in Kraft. Weniger als ein Viertel der befragten bAV-Einrichtungen setzt sie in dieser Frühphase bereits um. Weitere 60 Prozent entwickeln gerade das entsprechende Bewusstsein. Etwa 40 Prozent rechnen mit einer Beschleunigung der Umsetzung. Einer der Teilnehmer antwortete: „Wir brauchen eine einfache einen One-Stop-Shop, der die Komplexität der Altersvorsorge in der EU verringert.“

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