Rürup: "Die großen Pensionskürzungen sind längst beschlossen"

Rürup: "Die großen Pensionskürzungen sind längst beschlossen"

Pensionsexperte Rürup sieht harte Zeiten auf künftige Pensionisten zukommen: "Es geht nicht mehr darum den Lebensstandard zu erhalten, sonder Altersarmut zu verhindern."

Pensionsexperte Bert Rürup macht klar, wie sehr die Pensionen in Zukunft in Österreich nach der letzten Pensionsreform sinken werden und was die ohnehin deutlich geringen Pensionen zusätzlich gefährden könnte. Wo Rürup noch großen Nachholbedarf sieht.

Wenn der deutsche Pensionsexperte Bert Rürup die Bühne betritt, hat das stets etwas Beklemmendes. So wie gestern im Wiener Hotel Sans Souci als er als Hauptredner einer Veranstaltung der ARGE Zusatzpension und des Versicherungsverbandes über die Zukunft des österreichischen Pensionssystems referierte.
Daran ändert auch sein Wortwitz nichts, denn seine Diagnose für das Pensionssystem, lässt keinen Spielraum für Hoffnung. Gut scheint gar nichts zu werden, zumindest - nach derzeitiger Lage - nicht was die Höhe der staatlichen Pension für jeden einzelnen in Zukunft betrifft.

Österreichische Pensionen um 40 Prozent höher als in Deutschland

Die, die bereits Pensionsempfänger sind, sind jedoch gut dran. "Das System ist generös", urteilt der renommierte deutsche Wirtschaftswissenschaftler Rürup. Im Schnitt erhalten österreichische Pensionisten 1.400 Euro im Monat und das 14 Mal im Jahr. Das ist um ganze 40 Prozent mehr als in Deutschland. Allerdings sind dort gutverdienende Ärzte oder Rechtsanwälte nicht in diesen Berechnungen enthalten.

Doch die Zahlen sind zu schön, als das es ewig so fortgehen könnte. "Das System ist nicht nachhaltig, da es zu teuer ist und die staatlichen Zuschüsse zu hoch", kritisiert Rürup. In Österreich macht der Anteil des BIP, der für Pensionen ausgegeben werden muss, 13 Prozent aus. In Deutschland sind es 9,4 Prozent und im OECD-Schnitt 8,7 Prozent.


Es gilt den großen Pensionskürzungen ins Auge zu sehen

Ein Drittel weniger Pension in Zukunft

Diese generösen Zustände werden jedoch nicht mehr allzu lange währen. „Die großen Pensionskürzungen sind ohnehin bereits längst beschlossen. Jetzt gilt es nur noch diesen ins Auge zu sehen.“ Betroffen von der letzten großen Pensionsreform sind vor allem die Jüngeren. "Diese müssen mit gut einem Drittel niedrigeren Pensionen rechnen als heutige Rentenempfänger", so Manfred Rapf, von der Sektion Lebensversicherung VVO. Das ist spätestens dann der Fall, wenn der Durchrechnungszeitraum für die Pensionshöhe von derzeit 29 Jahren auf 40 gestiegen ist. "Die Kosten, die die Alterung der Bevölkerung mit sich bringt, tragen daher die Jungen", stellt der langjährige Uni-Professor Rürup klar.

Sichere Pension gibt es nicht

Doch dem nicht genug. „Eine sichere Pension gibt es nicht“, warnt der Pensionsexperte. Sowohl beim Umlageverfahren, wie die staatliche Pension in Österreich finanziert wird, als auch beim kapitalgedeckten Verfahren. Das Umlageverfahren greift auf das Erwerbseinkommen aller im Erwerbstätigen zurück. Diese daraus resultierende Lohnsumme könne jedoch aus drei Gründen bedrohlich sinken: Hohe Arbeitslosigkeit, schrumpfende Bevölkerung und geringe Produktivität. Im Notfall können deshalb staatliche Pensionsleistungen durch Umlageverfahren gekürzt werden.

Genügend Erwerbstätige, die auch in Zukunft einzahlen

Aus demographischer Sicht hat Österreich jedoch nach Einschätzung von Rürup gar kein so großes Problem. „Das Land ist wie Deutschland einer der großen Profiteure der Niederlassungsfreiheit der Arbeitnehmer in der EU, die viele junge, auch qualifizierte Menschen aus Osteuropa zuwandern lässt und die zudem keine Kosten verursachen.“ Die Geburtenrate liegt mit 1,5 Prozent im europäischen Schnitt.

Sinkende Löhne im Verhältnis zum BIP lassen Einzahlungen erodieren

Größere Gefahr für das heimische Pensionssystem drohe dagegen durch eine weiter sinkende Lohnquote. Das ist die Summe der Löhne im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Lohnquote sinkt in Österreich bereits seit 1984, zwischen 1994 und 2009 sogar deutlich. Derzeit liegt das Niveau rund zehn Prozent unter jenem der 80er Jahre. Das hat laut Rentenprofi Rürup zwei Gründe: Der technische Fortschritt mit seinen immer kapitalintensiveren Investitionen und die Integration. „Durch die Digitalisierung wird es nicht besser. Dadurch wird vielmehr der Lohnanteil am BIP weiter sinken."

Robotersteuer zur Finanzierung Teile der Pensionen?

Um die Pensionen dennoch nicht noch zusätzlich zu den geplanten Kürzungen sinken zu lassen, hat Rürup für die Politik ein paar Anregungen parat. So sollte man aufgrund der Digitalisierung überlegen, Pensionen nicht nur über das Erwerbseinkommen zu finanzieren und bringt eine Robotersteuer ins Spiel. Selbst "Erz-Kapitalist" Bill Gates hätte eine solche schon angeregt. Wenngleich Rürup eine solche auch für "Quatsch" hält. Aber der Staat könnte zumindest eine andere oder ähnliche zusätzliche Geldquelle für die Finanzierung der Pensionen überlegen.

Pensionsalter hinaufzusetzen, nicht unbedingt sinnvoll

Eine weitere Möglichkeiten die Pensionen zu erhöhen oder zumindest die Altersarmut zu verhindern, ist ein höheres Antrittsalter. Doch das sieht Rürup als zweischneidiges Schwert. "Durch längere Arbeitszeiten steigen auch die Pensionsansprüche." Ein zu frühes Pensionsantrittsalter, wie derzeit bei Frauen, könne aber ebenfalls zum Problem werde - nicht nur für das System, sondern auch für den Einzelnen. "Wer wird denn eine Frau, die gerade einmal 50 Jahre ist, noch befördern, wenn sie ohnehin kurz vor der Pensionierung steht", wirft der bei österreichischen und deutschen Regierungen gefragte Rentenguru ein.

Kombination aus Umlage- und kapitalgedecktem Verfahren ratsam

Um nicht in Altersarmut zu versinken, plädiert Rürup daher für ein Mischsystem, bei dem nicht nur das Umlageverfahren die spätere Pension finanzieren soll, sondern auch ein kapitalgedecktes Modell. Risiken gibt es wie beim Umlageverfahren auch da, nur sind es andere, wie die Marktentwicklung und Wechselkursrisiken. "Aber alle Pensionsansprüche, ob umlagefinanziert oder kapitalgedeckt, müssen durch die Wertschöpfung eines Landes finanziert werden, und die wirtschaftliche Entwicklung ist nun mal stets mit Unsicherheit behaftet.“


Der Zinseszinseffekt ist das achte Weltwunder

Wichtig sei früh mit dem Sparen zu beginnen. Rürup: "Der Zinseszinseffekt ist nach wie vor so etwas wie das achte Weltwunder." Das der Zinseszinseffekt, der das Kapital auch bei niedrigen Zinsen über Jahre stetig wachsen lässt, aufgrund der derzeitigen Niedrigzinsphase nicht mehr funktioniert, lässt Rürup nicht gelten. „Dafür steigen die Renditen aus Kapitalmärkten“. So würden US-Pensionsfonds beispielsweise stark in deutsche Dax-Unternehmen investieren. "Diese sind hochprofitabel, bieten eine gute Dividende."

Anteil der kapitalgedeckten Pension in Österreich weit unter dem Durchschnitt

Pensionisten, die ihre Rente mit Erträgen aus Aktien oder Anleihen auffetten, sind in Österreich jedoch die Ausnahme. So werden von allen Alterseinkommen nur 3,5 Prozent davon durch Renditen vom Kapitalmarkt gedeckt. Im internationalen Vergleich ist damit Österreich weit abgeschlagen. Der OECD-Schnitt liegt bei 17 Prozent, ähnlich hoch ist die Quote in Deutschland. In Holland liegt der Anteil der kapitalgedeckten Pension gar bei 45 Prozent, in den USA bei 30 Prozent. "Da hat Österreich noch großen Nachholbedarf", resümiert der Wirtschaftswissenschaftler.

Deutschland: Jeder Bürger kann pro Jahr 30.000 Euro steuerfrei für die Pension vorsorgen

Das mag auch an der geringen Förderung von privaten Einzahlungen für die Pension durch den Staat liegen, wie Rürups Ausführungen nahelegen. Denn in Deutschland ist ein solches kapitalgedecktes Verfahren, wie es unter anderem die staatlich Riester-Rente ermöglicht, gefördert. Insgesamt können die deutschen Steuerzahler pro Jahr 30.000 Euro steuerfrei für eine Zusatzpension investieren. In Österreich beträgt der staatliche Zuschuss, dieser gilt für die Zukunftsvorsorge, pro Jahr rund 116 Euro.

Betriebliche und private Zusatzpension essentiell

Andreas Zakostelsky, Obmann des Fachverbandes der Pensionskassen, fordert zumindest bei der steuerlichen Absetzbarkeit von Betriebspensionen eine Gleichstellung von Beitragszahlungen von Firma und Mitarbeiter. Derzeit werde die steuerliche Absetzbarkeit von bis zu zehn Prozent von Firmen ohnehin nicht ausgenutzt.Der Rest könnte durch private Zuzahlungen der Mitarbeiter aufgefüllt werden und so deren Pensionshöhe gesteigert werden. Betriebspensionen sollen zudem in sämtliche Kollektivverträge aufgenommen werden. Der Pensionskassen-Obmann hält als Ergänzung zur staatlichen Pension aber nicht nur eine betriebliche sondern auch eine private Zusatzpensionen für essentiell. Auch letztere sollte staatlich gefördert werden.

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