Robo-Trading: Vom Flash zum Crash in wenigen Sekunden

Robo-Trading: Vom Flash zum Crash in wenigen Sekunden

Extreme Rechnerleistungen erlauben, dass Roboter-Trader auf Basis von Algorithmen schnellste Handelsentscheidungen treffen.

Essay von Martin Ehrenhauser: Blitzschnelle Roboterhändler verzerren die Kurse und bringen Börsen zum Einsturz. Den Schaden tragen Anleger, Sparer und Versicherte.

Unzählige Anleger und Sparer in Österreich betreiben private Altersvorsorge, versichern ihr Haus oder ihr Auto und legen ihr Erspartes in Fonds und Aktien an. Dafür überweisen sie jährlich Unsummen an Versicherungsunternehmen und Banken, die dann mit den Taschen voller Kundengeld auf den automatisierten Finanzmärkten shoppen gehen.

Und weil die institutionellen Investoren den besten Preis für ihre Kunden suchen müssen, beginnt an den Börsen ein absurdes Versteckspiel mit jenen, die in den Orderbüchern der Handelsplätze bereits auf ein profitables Stück vom Kundenkuchen lauern: den Geldrobotern.

Das sind Hochfrequenzhandelsunternehmen, die auf Basis von Algorithmen ultraschnell Finanzprodukte kaufen und verkaufen. Sie tragen Namen wie "Virtu Financial" oder "Flow Traders", handeln teilweise an über 200 Börsen weltweit, 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche.


Geldroboter wurden in den letzten Jahren die dominante Komponente im Markt.

Man könnte sie mit Immobilienmaklern vergleichen, also mit Zwischenhändlern, die ohne Kundenauftrag permanent und ultraschnell Wohnungen kaufen und sofort wieder verkaufen. Ihr Interesse gilt dem kurzfristigen Gewinn, nicht der Wohnung.

Diese Geldroboter wurden in den letzten Jahren "die dominante Komponente im Markt und können ihn in fast allen Bereichen in seiner Performance beeinflussen", wie es die US-Finanzmarktaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) formuliert.

Auch in Europa: 43 Prozent des gehandelten Werts, 49 Prozent der ausgeführten Geschäfte und sogar 76 Prozent der Handelsaufträge an europäischen Börsen wurden laut einer Studie der EU-Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA aus dem Jahr 2014 als Hochfrequenzhandel eingestuft. Der ehemalige EU- Kommissar für den Binnenmarkt, Michel Barnier, bezeichnete sie zu Recht als "systematische Gefahr für die Märkte", und für Horst Köhler, den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten und Direktor des Internationalen Währungsfonds, verkünden diese Geldroboter "die Herrschaft des Geldes mit Maschinen".

Börsenbetreiber locken Robo-Händler mit Privilegien

Diese Geldroboter verursachen mit ihren Methoden direkte Kosten für den Versicherungsnehmer und Sparer sowie einen enormen Schaden für die gesamte Gesellschaft. Für die Sparer wird es teuer, weil Versicherungsunternehmen bei der Anlage von Kundengeld übervorteilt werden, etwa wenn Geldroboter überfallartige Handelspraktiken anwenden, mit denen sie die Orderabwicklung oder die Preisbildung an den Börsen ausnutzen.

Ermöglicht wird das Treiben der Geldroboter von den Börsen, die in der Hoffnung auf mehr Handel und Umsatz Geldroboter privilegieren. Sie locken die Maschinenhändler mit Gebührenbefreiungen, Kick-back-Zahlungen oder ausgetüftelten Order-Typen, mit denen Geldroboter andere Marktteilnehmer übervorteilen können.


Börsen schaffen mit Privilegien eine Zweiklassengesellschaft.

Diese Praxis gehört heutzutage zum Alltag an den Börsen. Nach der Finanzkrise wurden Geldroboter angelockt, um den rasanten Einbruch des Handelsumsatzes zu unterbinden. Mit ihren Zeit-, Geld-und Informationsvorsprüngen war das zum Leidwesen der restlichen Händler. Denn wer Informationen schneller erhält als die Mitbewerber und in die Lage versetzt wird, diese schneller zu verarbeiten, der hat die Poleposition im Wettbewerb um Gewinn inne. Gewinne, die in einem Nullsummenspiel andere Händler zahlen müssen.

Anstatt für Chancengleichheit zu sorgen, schaffen die Börsen mit ihrem Privilegiensystem eine Zweiklassengesellschaft. Das Resultat ist, wie unterschiedliche Studien belegen, dass sich trotz Automatisierung die Handelskosten für institutionelle Investoren erhöht haben. Nicht nur, weil Geldroboter profitabler sind, wenn sie gegen normale Händler antreten, sondern auch, weil sie die Börsenkurse zum Nachteil gewöhnlicher Investoren und Anleger verzerren.

Die Volatilität der Börsen schadet der Wirtschaft

So findet an den Finanzmärkten heutzutage ein wahres Flash-Crash-Roulette statt, indem die Preise innerhalb von kürzester Zeit einbrechen und kurz danach wieder in die Höhe schießen. Diese Flash-Ereignisse sind heute "allgegenwärtig", wie es eine Studie der Europäischen Zentralbank konstatiert.

Mitverantwortlich dafür sind die Geldroboter. So schreibt die Deutsche Bundesbank in einer wissenschaftlichen Arbeit: Geldroboter sorgen für "ein erhöhtes Risiko" von "übermäßiger Volatilität, wodurch Marktverwerfungen bis hin zu Flash-Events begünstigt werden könnten". Für die Studienautoren ist klar, dass Geldroboter "in Zeiten höherer Nervosität am Markt exzessive Preisbewegungen noch verstärken".

Eine negative Konsequenz daraus ist die Produktion von Unsicherheit. "Jeder Trade ist eine Reise ins Ungewisse und jedes wirtschaftliche Handeln ist zukunftsorientiert", so der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister. Daher benötige "jede wirtschaftliche Tätigkeit, auch wenn der Zeithorizont nur fünf Minuten ist, Erwartungen.


Kein Mensch hat mehr Zeit, eine wahre Preiserwartung zu bilden.

Die Geschwindigkeit des Trading ist jedoch so enorm, das Gesamtsystem derart unsicher, dass kein Mensch mehr Zeit hat, eine 'wahre' Preiserwartung zu bilden, also den 'Fundamentalwert' abzuschätzen."

Wenn jedoch Preise, etwa einer Aktie, die sich innerhalb von Millisekunden bilden, nicht auf Fundamentaldaten beruhen, in keiner Verbindung mit den wirtschaftlichen Kennzahlen eines Unternehmens stehen, sondern lediglich eine Richtungserwartung darstellen, dann verursacht dieser Umstand negative Effekte für die Realwirtschaft. Etwa weil der Preis Produktionsfaktoren wie Arbeit, Boden oder eben Kapital nicht mehr dorthin lenkt, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Und wenn sich für die Realwirtschaft keine nachvollziehbaren Erwartungen mehr bilden lassen, dann werden Unternehmen auch nicht mehr in wirtschaftliche Aktivitäten investieren, die eine lange Planungszeit voraussetzen, wie etwa Maßnahmen gegen den Klimawandel. Das wiederum kann langfristig einen enormen Schaden für die gesamte Gesellschaft verursachen.

Da beruhigt es auch nicht, wenn der Normalverbraucher das Schicksal mit US-Milliardären wie Charlie Munger teilt. Er bezeichnet Geldroboter als Nagetiere, die man in die Mühle lasse. Der Geschäftspartner des Investmentgenies Warren Buffett unterstreicht, dass am Ende immer jemand die Zeche für die Robos zahle.

Und bei diesem Jemand handelt es sich, wie wir jetzt wissen, um den Sparer, Anleger und Versicherten.


Der Autor

Martin Ehrenhauser

Martin Ehrenhauser

MARTIN EHRENHAUSER , geboren 1978 in Linz, studierte nach seiner abgeschlossenen Kochlehre Betriebswirtschaft und Politikwissenschaften in Österreich und England. Zwischen 2009 und 2014 war er Abgeordneter des Europaparlaments. Danach gründete er ein Unternehmen und vertiefte sich investigativ als Trader in die Welt der Finanzmärkte.

Buchtipp

  • Die Geldroboter Wie Hochfrequenzmaschinen unser Erspartes einkassieren und Finanzmärkte destabilisieren
  • Autor Martin Ehrenhauser
  • Verlag Promedia 2018, 240 Seiten
  • ISBN 978-3-85371-435-5.
  • Preis Print: € 17,90; E-Book: € 14,99.
  • Promedia Webshop

Der Essay ist der trend-Ausgabe 19/2018 vom 11. Mai 2018 entnommen.

Kommentar
Ariel Bezalel, Jupiter Asset Management

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