Österreicher mit "Vollkaskomentalität" bei der Geldanlage #IC19

Österreicher mit "Vollkaskomentalität" bei der Geldanlage #IC19

Michaela Keplinger-Mitterlehner, Vorstand RLB Oberösterreich

Michaela Keplinger-Mitterlehner, Vorstand der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, über Wege und Möglichkeiten, Österreicher langfristig doch zu einem Volk von Aktionären zu machen. Kritik äußert die RLB-Vorstandsfrau bei der Besteuerung der Erträge.

trend: Woran liegt es, dass in den USA Aktien eine weit verbreitete Form der Anlage sind, im europäischen Raum hingegen noch immer das Image von zu hohem Risiko haben?
Michaela Keplinger-Mitterlehner : Österreicher und Deutsche haben historisch negative Erfahrungen mit Aktien. Viele Menschen haben in der Zwischenkriegszeit ihr Geld damit verloren. Deshalb tendieren die Österreicher in Richtung Vollkaskomentalität bei der Geldanlage.

Amerikaner haben in den Finanzkrisen auch viel Geld verloren und sind dennoch weiterhin ein Volk von Aktionären.
Keplinger-Mitterlehner : Es gibt bei uns keine gewachsene Aktien- und Anlagekultur. Das ist auch aus der jüngeren Aktiengeschichte nachvollziehbar. Als die ÖTOB*) Ende der 90ereingeführt wurde, hat jeder geglaubt, er kann schnell zu Geld kommen. Die meisten, die damals erste Schritte in den Aktienmarkt wagten, haben schlechte Erfahrungen gemacht.

Können Börsenspiele, wie die trend Investors Challenge, zu besseren Erfahrungen mit Aktien führen?
Keplinger-Mitterlehner : Ja, das große Interesse zeigt, dass das ein richtiger Weg ist. Auch die Berichterstattung in Qualitätsmedien über den Kapitalmarkt ist dafür wichtig. Und wir gehen auch in Schulen um das Verständnis für Aktien und Anlage zu verbessern.

Woher rührt die unterschiedliche Einstellung zwischen der deutschsprachigen und der amerikanischen Welt zum Kapitalmarkt?
Keplinger-Mitterlehner : Es gibt in den USA einen anderen Zugang zu Unternehmertum. Die Trial and Error Mentalität-ist in Amerika viel stärker ausgeprägt. Bei uns geht man mit Scheitern anders um. Das sieht man auch am Insolvenzrecht. Risiko gehört in den USA zum Leben dazu. Aber man darf das nicht auf Europa generalisieren. Die Niederländer oder die Schweizer beispielsweise haben schon einen stärker entwickelten Aktienmarkt.

Warum gibt es den hier nicht?
Keplinger-Mitterlehner : In Österreich kommt noch dazu, dass es sehr wenig börsenotierte Unternehmen gibt. Man hat nur einige Branchen an denen man sich beteiligen kann. In der Schweiz ist das wieder ganz anders. Dort hat die Bevölkerung die Möglichkeit, sich an viel mehr Branchen und ihnen bekannten Unternehmen zu beteiligen.

In den USA sind erfolgreiche Investoren, wie Warren Buffett oder Jim Rogers, Legenden die bewundert werden. Könnten derartige "Role Models" auch in Österreich das Image von Anlegern verbessern?
Keplinger-Mitterlehner : Prinzipiell ja, aber ich kann mir schwer vorstellen, wer sich dafür als Role Modell zur Verfügung stellen würde. Denn wenn man öffentlich zu seinem Vermögen steht, kann man schon mit sehr vielen Angriffen konfrontiert werden. Wir müssten zunächst einen andern Zugang zu Erfolg bekommen.

Umgekehrt beklagen sich Sparer über die niedrigen Zinsen, lassen ihr Geld aber lieber am Sparbuch liegen, als es am Kapitalmarkt zu investieren. In Deutschland wird bereits über die Weitergabe der Negativzinsen, die Banken zahlen müssen, an die Kunden nachgedacht. Wäre das in Österreich auch eine Überlegung?
Keplinger-Mitterlehner : Bei privaten Anlegern ist das bei bestehenden Einlagen aufgrund eines höchstgerichtlichen Urteils nicht möglich. Bei Firmenkunden, bei großen Einlagen von institutionellen Anlegern, werden teilweise bereits Negativzinsen, oder Verwahrentgelte um genau zu sein, verrechnet. Privatkunden versuchen wir durch Beratung zu überzeugen, vermehrt in Investmentfonds zu veranlagen. Aber durch die Mifid II Richtlinien wird das sehr erschwert. Hier ist man mit den Risikohinweisen bei der Beratung von Privatkunden massiv über das Ziel hinausgeschossen.



Der Unterschied in der Besteuerung von Kapitalerträgen am Sparbuch und bei Wertpapieren ist nicht nachvollziehbar.

Der Kapitalzuwachs auf Wertpapiere wird in Österreich mit 27,5 Prozent besteuert, jener am Sparbuch mit "nur" 25 Prozent. Wo liegt da die Gerechtigkeit?
Keplinger-Mitterlehner : Das müssen sie Politiker fragen. Das ist nicht nachvollziehbar. Als die Kapitalertragsteuer mit 22 Prozent in Österreich eingeführt wurde, war das für ganz Europa ein Vorzeigemodell. Mit diesem Prozentsatz waren alle Steuern für Kapitalerträge komplett abgegolten und transparent nachvollziehbar. Heute gibt es aber eine Reihe unterschiedlicher KESt-Sätze. Der Schuss der Politiker, der aber nur aus dem Neidgedanken geboren wurde, ist nach hinten losgegangen.

Aber die private Zukunftsvorsorge mit Aktien wird ja gefördert?
Keplinger-Mitterlehner: Ja, und die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge war prinzipiell auch ein guter Ansatz. Aber ich kann den Menschen nicht von vornherein suggerieren, dass es bei einer Veranlagung in Aktien kein Risiko gibt.

Was wäre Ihr Vorschlag für eine private Zusatzvorsorge über den Kapitalmarkt?
Keplinger-Mitterlehner : Man muss mutig voranschreiten und klar thematisieren, dass sich die Altersvorsorge ohne Veranlagung am Kapitalmarkt nicht ausgeht. Man darf Anlegern aber auf keinem Fall vorgaukeln, dass sie hier kein Risiko eingehen. Dafür muss es ein interessantes Modell geben, wie langfristige Investitionen in Aktien steuerlich begünstigt werden.

Bräuchte es nicht eine stärkere Lobby für Anleger um auf diese Situationen hinzuweisen und konkrete Ergebnisse zu erzielen?
Keplinger-Mitterlehner : Ja, derzeit gibt es nur ein Flickwerk, bestehend aus Banken, der Wiener Börse, der Wirtschaftskammer oder der OeNB, das versucht, Anlegerinteressen wahrzunehmen. Aber man muss das Thema "Mehr Kapitalmarktnähe" in großen Zyklen, generationenübergreifend behandeln. Es bräuchte eine große politische, gemeinsame konzertierte Initiative dazu. Einen allübergreifenden Interessensverband für Anleger.


Zur Person

Michaela Keplinger-Mitterlehner ist seit 2007 im Vorstand der Raiffeisen Landesbank Oberösterreich. Sie ist dort u. a. für den Onlinebroker bankdirekt.at, die Kepler KAG, die Privat Bank, Markt Corporates oder die Bankstellen der RLB OÖ verantwortlich.


Das Interview ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 48/2019 vom 29. November 2019 entnommen.

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