RBI-Chefanalyst Brezinschek: "Europa muss sich umorientieren"

Peter Brezinschek, Chefanalyst der RBI, sieht die Eskalation im Ukraine-Konflikt als Folge einer Fehleinschätzung Putins und Russlands: "Wir sind Russland auf den Leim gegangen." Er erwartet einen weiteren Inflationsschub.

RBI-Chefanalyst Brezinschek: "Europa muss sich umorientieren"

Europa muss sich durch die Eskalation des Russland-Ukraine-Konflikts geopolitisch umorientieren, sagt RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek. "Wir sind in den letzten zehn Jahren Russland auf den Leim gegangen", meint er. Dabei sei übersehen worden, dass "eine geopolitische Zeitenwende" stattgefunden habe, indem "dem Nationalismus gefrönt und Abhängigkeiten etabliert" worden seien, etwa auch durch den Bau der Nord-Stream-2-Pipeline.

Dabei sei es nicht das erste Mal, dass Russland nach dem Kalten Krieg mit Waffengewalt Grenzverschiebungen durchgeführt habe. Im aktuellen Konflikt hätten alle gehofft, dass die Diplomatie siegt, spätestens heute sei diese Hoffnung ausgelöscht. "Es wird nicht mehr so ein Verhältnis mit Russland sein wie vor diesem Kriegsfall", so Brezinschek.

Russland steuere offenbar auf eine totale Selbstisolation hin, eventuell nur noch verbündet mit China. Doch selbst daran glaubt der Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI) nicht richtig. Denn China werde es sich mit dem Westen als großem Absatzmarkt nicht verscherzen wollen. Das Verhältnis Moskau-Peking sei ohnedies ambivalent. Der Isolationskurs Russlands sei umso unverständlicher, wo doch wegen des absehbaren Abschieds von fossilen Energien die Zeit gegen das Land spiele. Europa sollte trachten, noch rascher wegzukommen von den nicht-erneuerbaren Energiequellen.

Der nächste Inflationsschub

Dass Russland "den Gashahn zudreht", glaubt Brezinschek nicht. Davon sei nicht ausgehen, denn "die brauchen das Geld". Ernsthafte Einschnitte bei den Mengen werde es daher nicht geben, aber die Erdgaspreise würden noch weiter steigen. Der Inflation werde das "nochmals einen zusätzlichen Schub" verleihen, obwohl man eigentlich kürzlich noch gedacht habe, die hohe Teuerung würde im ersten Halbjahr ihren Plafond erreichen und dann abflauen. Dass im Euroraum die Inflation heuer auf 3,2 Prozent zurückgehen wird, wie von der EZB erhofft, werde sich wohl nicht ausgehen.

RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek

RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek

Auch die jüngsten Daten vom Einkaufsmanagerindex am Montag und dem ifo-Index am Dienstag hätten gezeigt, dass die Preisentwicklung an Breite gewinne und neben den Energiekomponenten und der Industrie auch schon die Dienstleister erfasst habe. "Dass das im Herbst die Lohnrunden mit aufnehmen, wird wahrscheinlicher", so der Experte. Dabei gebe es schon jetzt deutliche Überzahlungen - was Lidl groß als freiwillig angekündigt habe, sei bei Hofer schon lang der Fall. "Der Kampf um die Arbeitskräfte hat längst begonnen." Zusätzlich zur Energie gebe es also auch strukturelle Teuerungseffekte.

Der zusätzliche Inflationsschub werde Konsum-Kaufkraftverluste bedeuten, "denn die Einkommen werden nicht so rasch angepasst". Das wiederum werde einen BIP-dämpfenden Effekt in ganz Europa haben, so Brezinschek. Daher hält er seine bisherige Prognose von viereinhalb Prozent für das Wirtschaftswachstum heuer in Österreich (und von vier Prozent für die Eurozone) für nicht mehr haltbar. Pro Quartal werde man wohl 0,2 Prozentpunkte abziehen müssen, auch wenn das erste Quartal eigentlich ganz gut gelaufen sei. Wahrscheinlicher sei daher ein BIP-Plus um ein halbes, drei Viertel oder ein Prozent geringer, "eher ein Dreier vor dem Komma. Eine Vier ist durch die Energieseite eher weniger realistisch."

Zinserhöhungen "diskussionswürdig"

Die US-Fed werde dadurch nicht unbedingt von ihrem geldpolitischen Kurs abrücken müssen - ganz abgesehen davon, dass von der Russland-Ukraine-Krise die US-Wirtschaft ohnedies weniger betroffen sei als die europäische. Die EZB werde wohl versuchen, im zweiten Halbjahr beim Einlagensatz aus dem Negativbereich herauskommen. "Die Inflation wird eher mehr durch die kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Preisentwicklung gestaltet sich in Europa dynamischer."

Die Unterstützung der Fiskalpolitik und die Zinspolitik würden einander die Waage halten. Die große Frage sei, was mit den EZB-Anleihekäufen passiere. OeNB-Chef Robert Holzmann habe hier "etwas sehr Vernünftiges hineingeworfen, denn damit kann man mehr steuern als mit dem Leitzins". Holzmann hatte in einem "NZZ"-Interview angeregt, die EZB könnte auch Zinsen erhöhen, ehe die Bond-Käufe enden. Das hält Finanzexperte Brezinschek jedenfalls für diskussionswürdig.

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