Putsch: Türkische Wirtschaft in Gefahr?

Putsch: Türkische Wirtschaft in Gefahr?

Die Türken lieben es zu shoppen und sind politschen Kummer gewohnt.

Trend.at sprach mit Margarete Strasser, Türkei-Expertin der Fondsgesellschaft Pioneer, über die aktuelle Verfassung der türkischen Wirtschaft, wie sich der Putsch auf die ökonomische Situation des Landes auswirken könnte und wozu sie Anlegern jetzt rät.

Die Lage am Montagvormittag spiegelt die dramatischen Szenen am Wochenende an der Istanbuler Börse wieder. Das türkische Kursbarometer ISE International verlor am Montag bis Mittag um knapp fünf Prozent. Einzelne Aktien verloren mehr als zehn Prozent. Die türkische Lira hat nach dem gescheiterten Putschversuch sechs Prozent gegenüber dem Dollar verloren, der stärkste Einbruch seit Oktober 2008. Um jedoch wenig später wieder um gut zwei Prozent zuzulegen.

"Es hat sich nichts geändert"

Doch wie sehen nach dem Putsch die Perspektiven für die Wirtschaft und die Börse des Landes aus? Margarete Strasser, Senior Fondsmanagerin von Pioneer Investment, eine Tochter der UniCredit, zuständig für die Region Naher Osten und Afrika, sieht die Lage aus Sicht von Investoren gelassen. Einen wirtschaftlichen Einbruch fürchtet sie nicht. Das hat mehrere Gründe. „Es hat sich nichts geändert. Erdogan sitzt nach dem Putsch höchstens fester im Sattel denn je“, so das politische Argument Strassers.

Wenig Schulden

Aktuellen Kommentaren wie den von Oliver Roth, Kapitalmarktstratege der Oddo Seydler Bank, der vor einer hohen Abhängigkeit der Türkei von ausländischem Geld warnt und Ökonomen die meinen, dass sich eine fragile wirtschaftliche Situation abzeichne, kann die Türkei-Expertin nichts abgewinnen. Analysten warnen etwa, dass türkische Unternehmen Schulden in Höhe von rund 400 Milliarden Dollar angehäuft haben und das zum Problem werden könnte. „Das stimmt zwar, aber in Relation zum Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 720 Milliarden Dollar ist das nicht hoch“, argumentiert Strasser. Die Gesamtverschuldung (alle türkischen Verbindlichkeiten) mit 57 Prozent sei im Gegenteil vergleichsweise gering. Die Staatsverschuldung liegt gar nur bei 35 Prozent. Die finanziellen Reserven der Türkei können sich ebenfalls sehen lassen: Sie betragen stattliche 90 Milliarden Euro. Diese solide finanzielle Fundament honorieren auch die Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit des Landes mit „Investmentgrade“ einstufen, also gute Bonität.

Niedrige Inflation, steigender Export erwartet

Die Inflation ist mit 7,6 Prozent ebenfalls im grünen Bereich. Strasser: „Das liegt zu einem guten Teil am gesunkenen Ölpreis der vergangenen Jahre.“ Denn die Türkei ist ein großer Verbraucher von Öl. Laut Schätzung der UniCredit wird die Inflation in nächster Zeit jedoch auf 8,5 Prozent steigen. Das lege aber vor allem daran, dass Lebensmittel wie Obst und Gemüse teurer werden würden, ein gewichtiger Teil des türkischen Warenkorbs.

Ursache dafür ist die Aufhebung der Sanktionen von Russland. "Nun werden, nach Aufhebung der Sanktionen, wieder mehr Lebensmittel nach Russland exportiert", sagt Strasser. Eine stark steigende Inflation ist jedoch nicht zu befürchten. Dazu trägt auch der moderate Ölpreis bei.

Leistungsbilanzdefizit im Griff

Selbst den größten Pferdefuß der türkischen Wirtschaft, das Leistungsbilanzdefizit ist auf ein verträgliches Maß geschrumpft. Das hat vor allem einen Grund: Das ist ebenfalls dem starken Rückgang des Ölpreises zu verdanken. „Solange der niedrig bleibt, besteht keine Gefahr, dass das Defizit merklich steigt“, argumentiert Strasser.

Der Ölpreis wird sich in den nächsten Monaten laut UniCredit-Prognose im Bereich von 47 und 55 Dollar per Barrel bewegen. Derzeit beträgt das Leistungsbilanzdefizit minus 4,1 Prozent, lange war es doppelt so hoch.

Die türkische Lira hat in den vergangenen fünf Jahren dennoch gelitten. Sie verlor gegenüber dem Euro um rund 40 Prozent. „Das liegt aber zu einem nicht unwesentlichen Teil an der gesunkenen Inflation“, erklärt Strasser.

Starkes Wachstum - auch weiterhin erwartet

Mit einem Wirtschaftswachstum von voraussichtlich 3,6 Prozent in diesem Jahr steht die Türkei ebenfalls gut da. Im ersten Quartal betrug das Wachstum gar überraschende 4,8 Prozent. Treibender Faktor ist der Konsum. Die Türken geben ihr Geld aus und sparen wenig. Strasser: „Daran wird sich auch nichts ändern. Krisen sind die Leute dort gewohnt."

Auch der Staat der hohe Summen in die Verbesserung der Infrastruktur investiert, wirkt als Motor der Wirtschaft. Dass die Touristen nun noch stärker ausbleibenden Touristen und das Wirtschaftswachstum deutlich schwächen könnten, erwartet die Pioneer-Expertin nicht. „Ein starker Rückgang ist in den Prognosen bereits enthalten.“

Und sie rechnet mit Gästen aus Russland, die nach den Sanktionen ausgeblieben waren, und sich nun wieder in Charterflüge Richtung Türkei aufmachen werden. "Es ist warm, es ist billig, es ist schön. Die Russen kommen wieder", glaubt Strasser.

Markt für mutige Anleger

Jetzt aus türkischen Aktien und Anleihen zu fliehen, dem sieht Strasser demzufolge, keinen Grund. „Nach den starken Kursanstiegen der Vergangenheit sind das für mutige Anleger Einstiegskurse.“ Vor allem seit dem Brexit-Votum haussiert die türkische Börse. „Da das Land wenig exportiert, auch nach Großbritannien, ist die Korrelation zur britischen Wirtschaft in Europa am geringsten“, erklärt Strasser die jüngste Rallye.

Hohe Anleihenrenditen, geringes Ausfallsrisiko

Und Bond-Anleger werden trotz solider Bonität seit Jahren für ihr Investment mit hohen Zinsen belohnt. Derzeit zahlt der türkische Staat Investoren für seine Anleihen zwischen 8,7 und 9,4 Prozent Zinsen pro Jahr. In früheren Jahren waren es sogar im Schnitt rund 16 Prozent.

Anlegern, die investiert sind und daran denken auszusteigen, rät Strasser die Ruhe zu bewahren. Eine türkische Staatspleite sei nicht in Sicht. Erdogan hält das Zepter fester denn je in der Hand. „Aus demokratiepolitischer Sicht ist die Vorgehensweise aber natürlich äußerst fraglich“, setzt Strasser nach.

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