Ken Fisher: Populisten helfen der Börse

Ken Fisher - Investmentberater der USA und Autor

Ken Fisher - Investmentberater der USA und Autor

Gastkommentar. Der Kampf zwischen Rechten und Linken lähmt Europas Regierungen. Aber ein Patt im Parlament ist immer gut für Aktien.

Furcht vor Populisten. Letzten Monat habe ich erläutert, weshalb 2019 ein gutes Jahr für Aktien - und für den ATX - werden dürfte. Allerdings: Nicht alle Länder werden gleichermaßen profitieren. Die Aktienmärkte in Kontinentaleuropa scheinen dabei besser aufgestellt als andere. Überrascht? Das Geheimnis liegt in der Politik der Eurozone, wo die Angst vor politischem Extremismus in die Kursprognosen einfließt, nicht aber die Segnungen des politischen Stillstands.

Üblicherweise überlegen Anleger, ob spezifische Politiker oder Parteien sich positiv oder negativ auf Aktien auswirken. Aber der Markt denkt anders. Die Verabschiedung großer Gesetzeswerke fördert Verunsicherung, weshalb entwickelte Märkte in der Regel geringe politische Aktivität bevorzugen.

Stillstand verhindert diese komplett. In ganz Europa fürchtet man den Anstieg von Populismus und abenteuerlichen Politpersönlichkeiten. Ich sehe diesen Anstieg nicht wirklich. Aber ich sehe eine "Bauchlandung" der Politik hinein in den politischen Stillstand. Dies wird Europas Regierungen davon abhalten, Maßnahmen zu setzen, die der Wirtschaft schaden könnten. Die bevorstehenden Wahlen in Spanien, Belgien, Dänemark, Finnland und anderswo werden dies zusätzlich verstärken.

Über Jahrzehnte hinweg regierten Koalitionen der Mitte - abwechselnd von Parteien links oder rechts von der Mitte geführt, manchmal allein, manchmal in Koalition mit kompatiblen kleineren Parteien. Die Parlamente glichen einer Gauß'schen Kurve: in der Mitte hoch. Der Aufstieg der Populisten und Extremisten hat diese Mitte begradigt und das Spektrum abgeflacht -bis hin zu hantelförmigen Konstellationen. Dies macht Regieren für jede Partei schwierig. Viele Koalitionen sind von massiven internen Spannungen geprägt.

Stillstand in Italien

Siehe Italien: Bei Lega und Fünf-Sterne-Bewegung vereint sich die Linke mit einer Rechtspartei. Sie sind sich über fast nichts einig und verabschieden noch weniger. Die Angst davor war hoch - die Realität ist harmlos. Das haben noch nicht alle realisiert, und das wirkt positiv. In Schweden unterstützen die rechte Mitte und äußere Linke eine wacklige Koalition unter einem Ministerpräsidenten der linken Mitte. Ergebnis: Stillstand.

Spanien steht wegen der unversöhnlichen Verbindung aus Sozialisten und reichen Katalanen vor Neuwahlen. Auch hier: eine Pattsituation, in der maßgebliche Veränderungen kaum möglich sind - selbst wenn die "Populisten" hie und da einen Ministerpräsidenten stellen. Ganz ähnlich das aktuelle US-Patt zwischen Trump und Demokraten: Konstellationen mit wenigen Gemeinsamkeiten können nur wenig bewegen.

Keine politische Gefahr

. Österreich ist stabiler und durchaus ein Gegenstück zu anderen europäischen Nationen. Auch hier findet, ähnlich wie in anderen Koalitionen, kein dramatischer Wechsel statt. Ein Stillstand in der Praxis, wenn schon nicht auf dem Papier. Die Mäßigung der FPÖ ist wesentlicher Grund, weshalb bislang keine drastischen Gesetze verabschiedet wurden und künftig wohl auch nicht werden.


Regierungen können der Wirtschaft nur selten schaden.

Die anstehenden Wahlen in Finnland, Spanien und Dänemark lassen die Angst vor Populisten wieder wachsen, ebenso die EU-Wahl im Mai. Eines werden all diese Wahlen gemeinsam haben: eine Bauchlandung der Politik und Stillstand bei der Gesetzgebung.

Die Angst spiegelt sich in den Kursen wider. Noch verschleiern Debatten über Politpersönlichkeiten und Wahlkämpfe die Harmlosigkeit dieses Stillstands. Sobald hinter diesem sinnlosen Nebel die harmlose Realität erkennbar wird, wird sich zeigen, dass Regierungen der Wirtschaft kaum schaden können. Das wirkt positiv.

Europa wird Amerika ähnlicher. Das politische System der USA mit seinem Vierjahreszyklus ist anders. Aber es steht als Beweis dafür, dass regelmäßiger politischer Stillstand zu Höhenflügen am Aktienmarkt führt. Alle drei Jahre bewegen sich die USA Richtung Stillstand - wie jetzt bei Trump gegen die Demokraten.

Tatsächlich hat Amerika seit Kriegsausbruch 1939 im dritten Jahr einer Präsidentschaft keinen negativen Aktienmarkt mehr erlebt. Auch 1939 betrug der Rückgang lediglich 0,9 Prozent. Das liegt daran, dass im US-System alle wichtigen Gesetze stets im ersten und zweiten Jahr einer Präsidentschaft verabschiedet werden. Im dritten Jahr überwiegt der Stillstand - und die S&P-Zuwächse liegen im Schnitt bei 17,8 Prozent. Europa befindet sich auch an diesem Punkt, weiß es aber noch nicht. Aber der Aktienmarkt weiß es. Sie jetzt auch. Nützen Sie es also.

Zur Person

KEN FISHER ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen. Einmal im Monat analysiert er im trend nun die Lage an den Märkten.


Der Gastbeitrag ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 15-16/2019 vom 12. April 2019 entnommen.

Börsewissen #IC19

Die besten Börsenstrategien für den Handelskrieg #IC19

Börsewissen #IC19

Richtig Anlegen in Aktien, Anleihen und Fonds #IC19

Geld

Frequentis mit Kaltstart beim Börsedebüt