Negative Zinsen sind eine positive Überraschung für den ATX

Ken Fisher - Investmentberater der USA und Autor

Ken Fisher - Investmentberater der USA und Autor

Gastkommentar. Warum die globale Zinsarbitrage das Wachstum beflügelt - und besser geheim abläuft.

April war der zehnte Monat in Folge mit rückläufigem wirtschaftlichem Optimismus. Eine Umfrage hat ergeben, dass mehr Fondsmanager bei Aktien einen Rückgang erwarten als bei anderen Anlagearten. Die Renditen zehnjähriger Anleihen liegen bei 0,3 Prozent. Alle besser entwickelten Länder der Eurozone geben aber negative Drei-Monats-Renditen an -Österreich mit minus 0,53 Prozent eingeschlossen. Viele klagen, dass niedrige und negative Zinsen den Sparern und Banken schaden. Aber ein Silberstreifen ist erkennbar: Europas niedrige Zinsen befeuern die Zinsarbitrage und geben dem Wachstum weltweit Auftrieb.

Zinsstrukturkurven zeigen die Zinsen von Staatsanleihen zu unterschiedlichen Fälligkeiten. Sie sollten sie global betrachten. Banken nehmen kurzfristig Geld auf, um langfristige Kredite zu finanzieren. Eine positiv verlaufende Zinsstrukturkurve (langfristige Zinsen höher als kurzfristige) bedeutet, dass die Kreditvergabe profitabel ist. Das belohnt weitere Kreditvergaben.

Wenn die kurzfristigen Zinsen die langfristigen übersteigen (inverse Kurve), bedeutet das oft unruhige Kreditmärkte und führt zu versiegenden Krediten. Daher kann die Inversion einer Rezession vorausgehen. Experten reden schon seit Monaten davon.

In Amerika liegen die Zehn-Jahres-Zinsen um gerade einmal 0,08 Prozent über den Drei- Monats-Zinsen. Im März kehrte sich die Kurve sogar eine Woche lang um und löste Rezessionsängste aus. Fälschlicherweise. Kredite sind global, Geld überquert problemlos die Grenzen der Industrieländer. Große, globale Banken leihen Geld zu niedrigen Zinsen, sichern Währungsschwankungen ab und verleihen es dort, wo die Zinsen hoch sind. Damit übertrumpft die globale Zinsstrukturkurve die von Einzelnationen. Heute ist sie ausreichend steil, was gute Chancen für Banken verheißt.


Zinsarbitrage läuft im Geheimen ab.

Durch die negativen Zinsen in Europa oder Japan liegen die Finanzierungkosten global unter den amerikanischen. Die langfristigen Zinsen sind in Amerika höher als in allen anderen Industrieländern, ausgenommen Italien. Also leihen die Banken in Europa oder Asien, verleihen in den USA und behalten die Differenz ein. Die Kredite halten das US-Wachstum am Laufen und kehren die flache Zinsstrukturkurve dort um. So läuft Zinsarbitrage. Die Banken sprechen nicht darüber. Sonst könnten die Politiker ihre Wähler damit ködern, dass sie das internationale Banking einschränken oder Kreditvergabe im Inland anordnen.

Die "Targeted Long-Term Refinancing Operation" der EZB, die im März in eine weitere Runde ging, zielt auf eine stärkere Kreditvergabe durch günstigere Finanzierungen ab. Aber nur, wenn die Banken Geld an europäische Firmen verleihen.

Auch die Kreditnehmer schweigen

Als große US-Firma würden Sie nie jemandem Ihre Finanzierungsquelle preisgeben. Wenn die Kreditnehmer und die Kreditgeber schweigen, ist die globale Zinsarbitrage wie eine verbotene Aktivität. Es passiert, aber nur wenige sprechen darüber.

So gibt die globale Kreditvergabe der amerikanischen Wirtschaft Auftrieb. Trotz der flachen Zinsstrukturkurve steigt die Kreditvergabe in den USA, wie das April-Wachstum von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zeigt. Darum hat sich das Wachstum der Geldmenge M4 seit Dezember beschleunigt. Wenig überraschend stieg das amerikanische BIP in Q1 auf Jahresbasis um 3,2 Prozent.

Davon profitiert auch die Eurozone. Sie ist mit 45 Prozent Exportanteil am BIP stark exportorientiert. Amerika verschlang letztes Jahr 14,1 Prozent der europäischen und 7,1 Prozent der österreichischen Exporte. Die USA und die Volkswirtschaften der Eurozone sind eng verknüpft. Schnelleres Wachstum in den USA steigert die Importnachfrage. Somit sind die globale Arbitrage und der währungsgesicherte "Carry Trade" gut für Amerika, Europa und Österreich.

Für die Aktienmärkte ist das zauberhaft: Das Herunterspielen der globalen Zinsarbitrage durch die Banken bedeutet, dass die Kraft zur Belebung der globalen Wirtschaft nicht vollständig eingepreist ist. Dies baut eine positive Überraschung auf, während die hohe Kreditvergabe trotz flacherer nationaler Kurven anhält. Halten Sie Aktien und genießen Sie den Ritt.


Zur Person

KEN FISHER ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen. Einmal im Monat analysiert er im trend nun die Lage an den Märkten.



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