Mündelgelder verwalten wie die institutionellen Anleger

Mündelgelder verwalten wie die institutionellen Anleger

Bernhard Schäbinger, Sachverständiger für das Börsen- und Bankwesen

Gastkommentar. Die Finanzkrise wirkt bis heute noch nach, wenn es um die Veranlagung von Mündelgelder geht. Das Gesetz fordert sichere und fruchtbringende Erträge. Die Praxis schaut oft ganz anders aus, weil der Zinssatz seit langem auf historischem Tiefstand verharrt.

Als Folge des Ausbruchs der Finanzkrise 2007/2008, die später zu einer veritablen weltweiten Wirtschaftskrise führte, versuchten die weltweit größten Zentralbanken mit einem bisher einzigartigen Konzept der Intervention ein Abgleiten der Weltwirtschaft zu verhindern: durch die Strategie des lockeren Geldes (im Fachjargon „Quantitative Easing“ (QE) genannt).

Diese Interventionen, z.B. in Form von massiven Ankaufprogrammen in Anleihen, bescherten den weltweiten Finanz- und Kapitalmärkten ein bisher historisch einmaliges Zinsentief.

Dilemma von Verwalter von Mündelgelder

Dem gegenüber verlangt die Veranlagung von Mündelgelder (gemäß § 215 ABGB), dass diese „sicher und möglichst fruchtbringend“ durchzuführen ist. Mit fruchtbringend ist gemeint, im Sinne der Erwirtschaftung von Erträgen.

Wenn beispielsweise die als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen bis zu einem Laufzeitbereich von ca. fünf Jahren (Stand: Dez. 2017) oder die österreichischen Staatsanleihen bis zum einem Laufzeitbereich von ca. vier Jahren negative Renditen abwerfen, dann wird dieses Dilemma offenkundig, welches sich aufgrund eines kaum zu erwarteten raschen Zinsenanstieg kurzfristig kaum verändern wird.

Veranlagt man Mündelgeld ausschließlich in solche Anleihen öffentlicher Schuldner (oder Anleihen mit einem Garantiegeber der öffentlichen Hand), dann wird man zwar dem § 215 AGBG der Sicherheit entsprechen, jedoch durch den mit dieser Investition verbundenen Wertverlust automatisch in den Konflikt mit der Anforderung der möglichst fruchtbringenden Veranlagung kommen.

Zusätzlich kommen immer weitere Teile der Bevölkerung in die Situation eines Erbes, welches ebenfalls solide und analog den Vorschriften für Mündelgelder, veranlagt werden sollte.

Veranlagung wie die Profis

Hier drängt sich – solange der Gesetzgeber hier keine Änderung durchführt - eine Kompromisslösung auf: bei namhaften Vermögen die selektive Beimischung von Assetklassen, die zwar eine etwas höhere Schwankungsfreudigkeit aufweisen (wie z.B. Anleihen von ausgewählten soliden Unternehmen, Aktien von sehr großen Konzernen, sogenannte „Large Caps“), jedoch regelmäßig auch eine höhere Ertragschance bieten.

Dabei bietet sich an, die Regeln der professionellen Vermögensverwalter (wie z.B. Fondsgesellschaften, Pensionskassen oder Familienstiftungen) zu beherzigen.

Trotz unterschiedlichen, individuell gestalteten Anlagestrategien erzielen diese institutionellen Vermögensverwalter regelmäßig eine geringe Schwankungsbreite, im Fachjargon Volatilität genannt. Durch Nutzung der aufgrund der modernen Portfoliotheorie bekannten Streuungswirkung „Diversifikation“ können die Risiken gesenkt werden, ohne dass sich dies nachteilig auf die Renditeerwartung auswirkt.

Über Kosten, Spesen und intransparente Produkte

Gerade in dem herrschenden Zinsentief ist ein besonderes Augenmerk auf die Gebührenbelastung zu legen: laufenden Kosten von 1,0 bis 2,0 Prozent pro Jahr senken die aktuell erzielbaren Renditen, sodass bei Anlagen in Aktien, Anleihen oder Geldmarktprodukte den Indexfonds, sogenannte Exchange Traded Funds „XTF“ gegenüber aktiv gemanagte Investmentfonds der Vorzug zu geben ist.

Diese veranlagen ihre Geldmittel durch passive Nachbildung bestimmter anerkannter Indices, wie z.B. der EFFAS Government Bond Index für Anleihen oder der Morgan Stanley Capital International Index „MSCI“ für Aktien.

Die Substanzwerte neben den Nominalwerte

Bei den Veranlagungen von institutionellen Vermögensverwaltern ist ein Trend zu Substanzwerte - wie z.B. in Aktien, Immobilien oder Infrastruktur - neben der Investition in Nominalwerte - wie z.B. Geldkonten oder Anleihen - zu erkennen.

Aktuell kann nur durch eine Investition in Sachwerte die notwendige Rendite - wenn auch unter Inkaufnahme etwas mehr an Risiko - erzielt werden.

Die Meidung hoher Risiken

Gleichzeitig sollte in der Gestaltung eines Portfolios für Mündelgelder ein allzu hohes gesamtes Portfoliorisiko vermieden werden, insbesondere ein zu hohes Fremdwährungsrisiko. Dabei dürfen derivative Finanzinstrumente nicht zur Spekulation, sondern ausschließlich zur Absicherung vorhandenen Risiken (z.B. das Fremdwährungsrisiko) verwendet werden.

Aktuelle Turbulenzen an den Kapitalmärkten

Angesichts der derzeitig höheren Schwankungen (Volatilitäten) ist es mehr als notwendig, dem Risikomanagement eine besondere Beachtung zu schenken. Da die Veranlagung in Mündelgelder sehr bedachtsam und vorsichtig vorgenommen werden muss, muss der Verwalter des Mündelgelders im Vorfeld zu den Veranlagungen sogenannte Risikobudgets und damit Risikolimits festlegen.

Werden diese Limits erreicht, dann ist es im Sinne eines stringenden Risikomanagements angebracht, risikobehaftete Assets abzubauen und zu verkaufen.

Das Fazit

Es lohnt sich für Verwalter von Mündelgelder die Veranlagungsstrategien institutioneller Finanzinvestoren zu studieren und selbst anzuwenden. Die Gestaltung eines gestreuten und Risiko mindernden Portfolios kann dabei kostenbewusst unter Nutzung von passiven Indexfonds erzielt werden.

Vor allem in dem herrschenden Zinsentief und den herrschenden Marktturbulenzen ist eine professionelle Vermögensverwaltung für Mündelgelder notwendig.


Zum Autor

Bernhard Schäbinger ist allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für das Börsen- und Bankwesen in Wien.

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