Ken Fisher: Mein Rat an die Zentralbanken

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Ken Fisher, US-Investmentberater und Autor

Gastkommentar von Top-Investmentberater Ken Fisher: Wenn es wieder Wachstum geben soll, muss der Versuch, die Wirtschaft mit billigem Geld zu stimulieren, beendet werden.

Lockeres Geld

Zur Stimulierung der europäischen Wirtschaft müssen die Zentralbanken die flache und inverse Zinsstrukturkurve, bei der kurzfristige Zinsen gleich hoch wie oder höher als langfristige sind, korrigieren. Die Senkung kurzfristiger Zinsen durch die EZB war gut, aber die Zentralbanken haben einen noch stärkeren Hebel: das umdrehen, was sie normalerweise machen. Die EZB sollte jetzt die geplante Wiederaufnahme der quantitativen Lockerung (Quantitative Easing) von monatlich 20 Milliarden Euro stoppen und die Billionen Euro an langfristigen Anleihen verkaufen, die sie im Rahmen früherer Lockerungsprogramme gekauft hat.

Jeder weiß: Niedrige Zinsen bzw. Kosten fördern die Nachfrage - das gilt auch für Kredite. Dies ist aus dem Blickwinkel der Nachfrage betrachtet. Heute hat allerdings der Blickwinkel des Angebots einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Kreditvergabe. Es sind die niedrigen Zinsen , die uns in diese Lage gebracht haben. Sie sind der Grund für die flachen bzw. inversen Kurven in Europa und den USA.

Das ist neu. In früheren Zyklen entwickelte sich eine Inversion durch die Erhöhung der kurzfristigen Zinsen. Heute bringen zehnjährige österreichische Staatsanleihen minus 0,3 Prozent; nicht einmal die 100-jährigen Anleihen übersteigen ein Prozent. Auch zehnjährige japanische Anleihen sind negativ, nach 30 Jahren kaum positiv. Amerikanische sind etwas besser, aber immer noch sehr dürftig. In Deutschland weist die gesamte Kurve Negativzinsen auf. Trotzdem war das globale Kreditwachstum bescheiden. Sein siamesischer Zwilling, das Wachstum der Geldmengen, ging seit 2012 überall zurück.

Die Senkung der kurzfristigen Zinsen kann nicht viel helfen. Denn: Banken leihen kurzfristig, um langfristigere Kredite zu finanzieren. Ihr Gewinn entsteht durch den Spread der Renditekurve, also langfristige minus kurzfristige Zinsen. Sind die kurzfristigen Zinsen höher als die langfristigen, wird das Geschäft unprofitabel. Die meisten europäischen Zinsstrukturkurven, auch die österreichische, sind kaum positiv. Sehr niedrige langfristige Zinsen geben Banken wenig Anreiz zur Kreditvergabe.


Die Umkehr der Lockerung soll schnell geschehen.

Würde das Aufkaufen langfristiger Anleihen durch die Zentralbanken, das auf die langfristigen Zinsen drückt, die Wirtschaft tatsächlich ankurbeln, müsste sich das Kreditwachstum während der quantitativen Lockerung in den USA beschleunigt haben. Es ging allerdings zurück und beschleunigte sich erst, als die Fed den Anleihenkauf zurückfuhr. Dasselbe geschah jeweils gleich zweimal in Japan und Großbritannien.

Die Zentralbanker verstehen nicht: Banken vergeben bereitwilliger Kredite, wenn der Spread zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen größer ist. Damit ist die quantitative Lockerung kontraproduktiv. Zur Stimulation der Wirtschaft brauchen wir mehr Kredite, vor allem durch kleinere Unternehmen. Topunternehmen wie Amazon und Exxon erhalten immer Kredit. Kleinere Unternehmen wie z. B. die meisten österreichischen werden oft von der Kreditvergabe abgeschnitten, wenn die Banken nicht verleihen möchten. Banken müssen bereitwilligere Kreditgeber werden!

Trendumkehr

Der einfachste Weg dazu ist, die Zentralbanken zur Umkehrung der quantitativen Lockerung zu bewegen. Nicht schrittweise, sondern schnell. Die erste Maßnahme von Christine Lagarde bei der Übernahme der EZB im nächsten Monat sollte daher die Aufgabe der quantitativen Lockerung und der Verkauf der 2,65 Billionen Euro langfristiger Schuldtitel sein, die bei den bisherigen Bemühungen um quantitative Lockerung aufgekauft wurden. Damit würden die langfristigen Zinsen steigen und die Banken bereitwilliger Kredite vergeben.

Die Zentralbanken in Amerika, Großbritannien und Japan sollten sich daran beteiligen. Die Bankbilanzen würden wieder normalisiert, langfristige Zinsen würden steigen. Das würden sie nicht sprunghaft tun, dazu herrscht zu wenig Inflation. Aber die Zinsstrukturkurven würden weltweit steiler werden.

Dadurch würde mehr frei fließendes Geld die Unternehmensinvestitionen in ganz Europa und überall dort ankurbeln, wo Investitionen ins Stocken kamen. Lang geplante Projekte erhielten auf einmal grünes Licht, das globale Wachstum würde steigen, deflationäre Trends würden gestoppt, die Aktienmärkte wären begeistert.

Anleger sehnen sich überall nach hochwertigen langfristigen Assets. Die Zentralbanken sollten allen helfen, indem sie ihre Anleihen verkaufen und die Kreditvergabe durch die Banken anregen.


Zur Person

Ken Fisher ist einer der erfolgreichsten Investmentberater der USA und Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Wirtschaft und Finanzen.


Die Gastkommentar ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 40/2019 vom 4. Oktober 2019 entnommen.

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