10 Jahre Lehman-Pleite: Leben nach der Panik-Attacke

15. September 2008: Lehman-Mitarbeiter räumen ihre Büros in New York City.

15. September 2008: Lehman-Mitarbeiter räumen ihre Büros in New York City.

Zehn Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers ist der Brandschutz für das globale Wirtschafts- und Finanzgefüge deutlich verbessert. Doch sind wir auch schon gerüstet für den nächsten Schock? Die jüngste Lockerung von Bankenregeln in den USA nährt Zweifel.

Angststarre. So beschreibt Friedrich Huemer den Zustand, der ihn nach dem 15. September 2008 erfasste. Der Gründer des expansiven oberösterreichischen Autozulieferers Polytec hatte zwei Wochen davor einen deutlich größeren deutschen Mitbewerber gekauft. Es musste schnell gehen, die Gier der wachstumsfanatischen Nullerjahre hatte auch Huemers Branche erfasst. Deshalb hatte er erstmals auf seine seit Jahrzehnten auferlegte Risikobegrenzung verzichtet und einen 170-Millionen-Euro-Überbrückungskredit aufgenommen.

Doch dann der Kollaps von Lehman Brothers, die weltweiten Turbulenzen auf den Finanzmärkten, drastisch sinkende Autoverkäufe, misstrauische Banken, wohin man auch blickte. Polytec, seit 2006 an der Wiener Börse notiert, stand plötzlich am Abgrund. "Ich war einige Monate komplett blockiert", rekapituliert Huemer, "22 Jahre war Polytec ohne mich nicht vorstellbar. Und plötzlich bekam keiner mehr von mir eine Entscheidung. Ich wusste nicht mehr, ob und wie es weitergeht."

Schock, Tsunami, Beinahe-Kernschmelze des Finanzsystems - über den Tag, an dem die damals viertgrößte US-Investmentbank pleiteging und weite Teile der westlichen Finanz- und Wirtschaftswelt mitzureißen drohte, wird zehn Jahre danach offener gesprochen als in den Krisentagen selbst. "Der Lehman-Moment war eine bei Weitem größere Katastrophe als 9/11 oder Fukushima", urteilt der Industrielle Hannes Androsch, der auch Vize-Aufsichtsratschef der im November 2008 gegründeten Fimbag war, des staatlichen Vehikels für die Bankenhilfe.

Neben strauchelnden Banken wie der Constantia Privatbank, der Kommunalkredit und der Hypo Alpe Adria gab es auch eine fast schon wieder vergessene spezifisch heimische Tangente des globalen Desasters: Die Österreicher hatten im Herbst 2008 aushaftende Schweizer-Franken-Kredite in Höhe von rund 38 Milliarden Euro, die in einem ein- bis dreimonatigen Rollover in Schweizer Franken finanziert wurden. "Die zwei wichtigsten Refinanzierungsbanken, die Schweizer UBS und die Credit Suisse, wären nach der Lehman-Pleite fast in die Luft geflogen", erinnert Helmut Ettl, Vorstand der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA), an hektische Momente: "Damit war der Schweizer-Franken-Markt für Geschäftsbanken über Nacht völlig ausgetrocknet, und es wäre keine Anschlussfinanzierung mehr gegeben gewesen." Das wiederum hätte die österreichischen Banken massiv in Bedrängnis gebracht. In einer der zahllosen Eilkonferenzen dieser Tage wurde die Versorgungslinie via Oesterreichische Nationalbank (OeNB), EZB und Schweizerische Nationalbank wiederhergestellt.

Wie knapp die Welt damals an einer größeren Katastrophe vorbeischrammte, wird auch in einer Aussage des damaligen Chefs der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, vor der US-Untersuchungskommission zur Finanzkrise deutlich: Er bezeichnete die Woche nach dem 15. September als "schlimmste Finanzkrise der Weltgeschichte, die Große Depression der 1930er eingeschlossen", und ging dann ins Detail: "Von den 13 wichtigsten Finanzinstitutionen der USA waren zwölf drauf und dran, binnen einer oder zwei Wochen pleitezugehen."

Pumpwirtschaft

Morgan Stanley & Co. überlebten es jedoch ebenso wie die großen europäischen Geldhäuser. Und das ist zu einem großen Teil dem entschlossenen Handeln von Leuten wie Bernanke zu verdanken, der als Ökonom intensiv den Börsenkrach 1929 und die darauf folgende Große Depression studiert hatte. Anders als in den Zwischenkriegsjahren wurde in allen betroffenen Ländern zur Rettung der Banken und Stützung der Wirtschaft so tief wie nie zuvor in die Staatsschatullen gegriffen, um den Totalkollaps zu vermeiden. Allein die USA schnürten zwischen 2008 und 2010 Konjunkturpakete in Höhe von fast einer Billion Dollar, rund sechs Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. In Österreich waren es immerhin über zwei Prozent.

Wie viel die Krise insgesamt gekostet hat, kann noch immer nicht endgültig beziffert werden. Die Verwertung von Assets von in der Krise verstaatlichten Banken - in Österreich etwa der Hypo Alpe Adria Bank, deren Niedergang nur indirekt mit Lehman zusammenhängt - ist noch nicht abgeschlossen.

Die Bankenrettung im Euroraum hat den Schuldenstand der Euroländer jedenfalls bis dato um 457 Milliarden Euro oder 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung erhöht - dem stehen aber Assets von rund 200 Milliarden Euro gegenüber. In den USA wurden 250 Milliarden Dollar in die Bankenrettung gepumpt, unterm Schlussstrich blieb laut US-Finanzministerium ein Gewinn für die Steuerzahler.

Quelle: FDIC/OENB | Euroraum: Mindestreservenpflichtige Kreditinstitute

Quelle: FDIC/OENB | Euroraum: Mindestreservenpflichtige Kreditinstitute

Gravierender sind die Effekte aus dem krisenbedingten Konjunktureinbruch und den daraus resultierenden höheren Kosten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und den niedrigeren Steuereinnahmen. Die daraus folgende Staatsschuldenkrise und insbesondere die Eurokrise ab 2010, die mit milliardenschweren Rettungsprogrammen, aber auch Austeritätspolitik verbunden war, sind ebenfalls zu den gigantischen Folgekosten zu zählen.

Zu den politischen Kosten zählt der Aufstieg der Neonationalisten. Ihnen gelang es, jene Wähler zu adressieren, die sich angesichts der schwindelerregenden Summen öffentlicher Gelder fürs weltweite Finanzsystem und der folgenden nationalen Sparprogramme abgehängt fühlten. 2010 kam in Ungarn Viktor Orbán an die Macht. Die "Alternative für Deutschland" (AfD), 2013 gegründet als Protestpartei gegen die Eurorettung, zog vier Jahre später mit ihrem neuen Hauptthema Migration in den Berliner Bundestag ein. 2016 wurde in den USA Donald Trump zum Präsidenten gewählt. 2018 bildeten in Italien die linkspopulistische Cinque-Stelle-Bewegung und die rechte Lega Nord gemeinsam eine Regierung.

Kommando retour

Und ausgerechnet diese Kräfte könnten nun beginnen, das als Reaktion auf die Krise errichtete Regulierungswerk wieder aufzuweichen, das nach allgemeiner Einschätzung das westliche Finanzsystem erheblich sicherer gemacht hat. So wurden in den USA soeben Bestimmungen des sogenannten Dodd-Frank-Act von 2010 gelockert, ein Versprechen von Präsident Donald Trump im Wahlkampf. Als systemrelevant - und deshalb besonders strikter Regulierung unterworfen - gilt etwa eine Bank nur noch, wenn sie mindestens 250 Milliarden Dollar Bilanzsumme aufweist und nicht wie bisher 50 Milliarden. Schon mehren sich unter Europas Bankern die Stimmen, die Waffengleichheit fordern.

Das wäre womöglich fatal. Denn wenn es einen positiven Effekt der großen Krise gegeben hat, dann ist es der aus dem Schock geborene Wille zur gemeinsamen Brandbekämpfung, der zu erstaunlichen Resultaten führte. Das war schon am 9. August 2007 evident geworden, jenem Datum, das vielen Ökonomen als eigentlicher Beginn der Krise gilt.

An diesem Morgen meldete die französische BNP Paribas das Aus von drei Investmentfonds, die in US-Hypothekenkredite zweifelhafter Qualität (sogenannte "Subprime-Kredite") investiert hatten und de facto zahlungsunfähig waren. Das Volumen: 2,2 Milliarden Dollar.

Fortan trauten die Banken einander nicht mehr. Doch noch am selben Tag kündigten zuerst die Europäische Zentralbank (EZB) und später auch andere Zentralbanken an, den Märkten liquide Mittel in Milliardenhöhe zur Verfügung zu stellen.

Quelle: OENB

Quelle: OENB

Auf sie war auch im weiteren Verlauf der Krise Verlass. Während die Politik bei der verhängnisvollen Entscheidung, Lehman nicht aufzufangen, eine unklare Rolle spielte, senkten Fed, EZB &Co. in Rekordtempo die Leitzinsen und fluteten die Märkte mit Liquidität. Als "die entscheidende Finanzinnovation der Finanzkrise" bezeichnet der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in seinem monumentalen, Anfang August erschienenen Werk "Crashed" die gigantischen, von der Fed koordinierten Währungstäusche insbesondere mit den Europäern.

Die Europäer kamen erst mit Verspätung in die Gänge. "Sie haben mindestens ein Jahr verschlafen, weil sie davon überzeugt waren, dass die Subprime-Krise ein amerikanisches Problem war und die europäische Realwirtschaft unverwüstlich sei", formuliert ein Insider, der damals im Zentrum des Geschehens war. Spätestens als aber Industrieunternehmen mit tausenden Beschäftigten wie Polytec die Felle davonzuschwimmen drohten, war allen klar, dass die Krise nicht auf den Finanzsektor beschränkt blieb.

Während die USA große Häuser wie Lehman oder die zehn Tage später pleitegegangene Großsparkasse Washington Mutual (WaMu) fallen ließen, hielten die Europäer sogar an ihren größten Problemkindern fest. Beim sogenannten Pariser Gipfel im Oktober 2008 einigten sich Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, dass sie ihre großen Banken nicht fallen lassen würden. Und obwohl seit 2014 ein einheitlicher Bankenabwicklungsmechanismus zur Verfügung steht, tun sich die Europäer mit dem Pleitegehen-Lassen ihrer Großbanken noch immer schwer: 5,4 Milliarden Euro blechten die italienischen Steuerzahler 2017 für die Rettung der angeschlagenen italienischen Bank Monte dei Paschi di Siena. Laut Historiker Tooze funktionierte das US-Krisenmanagement ab 2008, "das europäische war ein Desaster".

In Sicherheit?

Dennoch ist bemerkenswert, wie schnell in den Folgejahren - je mehr sich die Krise Richtung Eurozone verlagerte - die Bildung einer Bankenunion mit einer zentralisierten Aufsicht gelang. "Eine große Errungenschaft", nennt diese Entwicklung FMA-Chef Ettl, und auch Andreas Treichl, Chef der Erste Group und leidenschaftlicher Kritiker der Regulatoren, anerkennt, "dass das Finanzsystem als Ganzes in Europa besser und sicherer geworden ist". Was der Bankenunion allerdings noch fehlt, ist eine europäische Einlagensicherung.

So wie Ben Bernanke mit Ruhe und Geschichtskompetenz glänzte, gewann der 2011 angetretene EZB-Chef Mario Draghi im Zuge der Eurokrise Statur. Sein berühmter Satz, er werde alles Erdenkliche ("whatever it takes") tun, um den Euroraum zusammenzuhalten, beruhigte ab 2012 die Lage. Die spekulativen Attacken auf einzelne Länder ebbten ab, die EZB bewies später auch Tatkraft, indem sie in großem Stil Staatsanleihen dieser Länder aufkaufte.

Stehen wir also die nächste Krise, die angesichts drohender handelspolitischer Eskalationen weltweit bereits durch die Schlagzeilen geistert, besser durch? Die unmittelbare Nachfolgerin von Ben Bernanke an der Spitze der Federal Reserve, Janet Yellen, hat letztes Jahr die Aussicht auf ein entsprechendes "Nie wieder" genährt. Sie hoffe, so die Anfang 2018 abgetretene Notenbankchefin, "dass es zu unseren Lebzeiten keine Finanzkrise mehr geben wird, und ich glaube es auch nicht".

Mitgehangen

Die Risiken sind allerdings evident. Der Schweizer Ökonom Aymo Brunetti hält in seinem demnächst erscheinenden Buch "Ausnahmezustand" die derzeitigen Höchstpreise in fast allen Vermögensklassen "prädestiniert für die Bildung von Finanzmarktblasen". Fallen die Preise sehr stark, "dann entstünden substanzielle Verlustrisiken auch für Banken", so Brunetti. "Das trübt die Einschätzung zum heutigen Zustand der Finanzstabilität."

Quelle: finanzen.at

Quelle: finanzen.at

Nationalbank-Ökonomin Helene Schuberth verweist auf den seit der Krise gewachsenen Bereich der Schattenbanken (siehe Interview), also etwa Hedgefonds oder Verbriefungszweckgesellschaften - ein Bereich, der nicht gänzlich unreguliert ist, aber bei Weitem nicht den strengen Maßstäben offizieller Banken unterliegt.

Und auch wenn das westliche Finanzsystem heute stabiler ist als vor Lehman Brothers, sagt FMA-Chef Ettl mit Blick auf Schwellenländer wie China oder Brasilien, "ist die Welt insgesamt doch empfindlicher geworden". Nachsatz: "Wir müssen aufpassen, nicht nur auf die Vergangenheit fixiert zu sein. Die nächste Krise wird in einem anderen Gewand daherkommen. Als Regulatoren und Aufseher müssen wir daher insbesondere ein kritisches Auge auf die digitale Revolution, auf die Krypto-Ökonomie und die Cybersecurity legen."

Die Polytec-Story hatte jedenfalls ein Happy End. Friedrich Huemers Angststarre löste sich im Juni 2009, als er das gekaufte Unternehmen auf Druck der Banken wieder abstieß. Polytec gedeiht seitdem prächtig. Die zwei Investmentbanken, die seinen Börsengang 2006 begleitet hatten, gibt es nicht mehr. Eine von ihnen hieß Lehman Brothers.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 32-34/2018 vom 10. August 2018 entnommen.

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