10 Jahre Lehman-Pleite - Ein Kollaps, der die Welt erschütterte

Richard Fuld, der letzte Lehman-Brothers-Vorstandschef, bei einer Anhörung vor dem US-Kongress in Washington am 6. Oktober 2008.

Richard Fuld, der letzte Lehman-Brothers-Vorstandschef, bei einer Anhörung vor dem US-Kongress in Washington am 6. Oktober 2008.

Am 15. September 2008 erschütterte der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers die Finanzmärkte und brachte die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs.

Es hieß immer "too big to fail", und dann wurde eine Bank nicht vom Staat gerettet:. Am 15. September 2008 musste die US-Investmentbank Lehman ihren Konkurs anmelden. Es war die größte Pleite der US-Geschichte und der n Beginn der schlimmsten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Die Bank hinterließ einen Schuldenberg von weit über 600 Milliarden US-Dollar und 25.000 schockierte Angestellte. Die Fotos der Banker, die mit ihren Kartons die Zentrale der Bank in New York City verließen, gingen um die Welt und wurden zu Symbolen der Krise.

An der Wall Street gab der Aktienindex Dow Jones um 500 Punkte nach - es war der größte Kurssturz seit den Terroranschlägen von 2001. Mit Hunderten Milliarden an Notfallkrediten aus Steuermitteln und drastischen Zinssenkungen versuchten Politik und Notenbanken in der Folge, weitere Banken zu retten und den Absturz der Konjunktur zu bremsen. So konnte zwar das Schlimmste verhindert werden, doch der Preis dafür war hoch. Und letztlich fiel die Bilanz dennoch verheerend aus.

"Wir haben das nicht kommen sehen!", sagte damals eine Angestellte von Lehman Brothers in London. Doch andere sahen es. Der frühere Börsenmakler und Autor Lawrence McDonald ist überzeugt, dass das Management der Bank seit langem um die immensen Risiken wusste, die sie für kurzfristige Profite aufnahmen. "Sie haben uns mit 250 Stundenkilometern direkt auf den größten Eisberg von faulen Krediten zufahren lassen", sagte er in einem Gespräch mit der französichen Nachrichtenagentur AFP im Jahr 2009.

Mit faulen Geschäften zum Crash

Zwischen 2005 und 2007, inmitten der Immobilienblase in den USA, machte Lehman noch gutes Geld - mit schlechten Geschäften, wie sich herausstellen sollte. Zu der Zeit wurden im großen Umfang unzureichens abgesicherte Kredite einkommensschwacher Immobilienkäufer und Immobilienbesitzer zu Finanzprodukten gebündelt und in der Folge mit einer guten Bonität versehen. Ab 2007 aber konnten immer mehr Hausbesitzer ihre Darlehen wegen steigender Zinsen nicht mehr abbezahlen - die faulen Kredite aber wurden weiter zu Wertpapieren gebündelt und von Bank zu Bank als Geldanlage weitergereicht.

Mitte 2007 begann Lehman, Verluste anzuhäufen. Neun Monate später machte als erste Wall-Street-Größe die Investmentbank Bear Stearns beinahe bankrott - sie wurde später unter Aufsicht der Notenbank Fed an den Rivalen JPMorgan Chase verscherbelt. Der Deal sendete Schockwellen durch die Finanzmärkte, die von da an auf den Niedergang von Lehman wetteten.

Bankrott - das Unvorstellbare wurde Realität

Am 9. September scheiterten Verhandlungen über den Einstieg einer koreanischen Staatsbank, daraufhin rauschte die Lehman-Aktie in den Keller und verlor die Hälfte ihres Werts. Am 10. September vermeldete die über hundert Jahre alte Bank einen Quartalsverlust von 3,9 Milliarden US-Dollar.

Kurz vor dem dramatischen Ende wurde bekannt, dass die Fed und das Finanzministerium in Gesprächen mit privaten Investoren über einen Einstieg waren. Doch auch Verhandlungen mit der Bank of America und der britischen Barclays scheiterten - womöglich, weil diesmal nicht mit staatlicher Unterstützung zu rechnen war: Washington lehnte eine Rettung ab.

Ein Ende mit Schrecken

Die Insolvenz und das Ende der Bank waren damit besiegelt. "Wir sind sehr dafür kritisiert worden, dass wir Lehman Brothers haben Insolvenz anmelden lassen", sagte dazu einmal Henry Paulson, der damals unter Präsident George W. Bush Finanzminister war. Doch laut Regierung war die Großbank so angeschlagen und hatte so wenig Sicherheiten, dass eine Rettungsaktion zu riskant und schlicht nicht zu bewältigen war.

"Auch im Vergleich zu anderen Banken war Lehman unglaublich schwach", sagte dazu kürzlich Timothy Geithner, der damals die New Yorker Fed leitete und später Finanzminister unter Präsident Barack Obama wurde. Es sei "sehr schwierig" gewesen, in dieser unsicheren Phase einen soliden Käufer zu finden, der ein so hohes Risiko tragen wollte.

Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Laurence Ball von der Johns Hopkins University waren weitere Faktoren entscheidend: Der politische Druck auf die Fed, Lehman fallen zu lassen, sei zu groß gewesen, die Kritik der steuerzahlenden Öffentlichkeit an der staatlichen Rettung mehrerer Banken zu laut. Und nicht zuletzt hätten wohl beide, Paulson und die Fed, den Schaden nicht kommen sehen, den Lehman schließlich anrichten würde.

Der US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Josef Stiglitz verglich im Juli 2009 in einem Beitrag der "Critical Review" mit dem Titel: "The Anatomy of a Murder: Who killed America's Economy?" die Krise mit einem Verbrechen, an dem mehrere Personen und Institutionen beteiligt waren. Zu den Mitschuldigen zählen demnach auch der frühere US-Finanzminister und Top-Bankenberater Robert Rubin genauso wie der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan oder Ex-US-Präsident George W. Bush mit seinem Irak-Krieg sowie unter den Institutionen die US-Notenbank Fed und die US-Börsenaufsicht SEC. Die Hauptschuldigen sind für Stiglitz aber die Banken und Kreditinstitute selbst.

Nachwehen der Pleite

Ein Jahrzehnt später wirkt die Finanzkrise gesellschaftlich und politisch immer noch nach. Obwohl die Lehman-Pleite genau genommen nur eine Eskalationsstufe der Finanzkrise markiert, steht sie aber für eines der schwärzesten Kapitel der Wirtschaftsgeschichte: Millionen Menschen wurden arbeitslos, viele verloren ihre Eigenheime oder Ersparnisse und wurden in die Armut gedrängt. Die Folge waren tiefe gesellschaftliche Risse, denn während verantwortliche Manager kaum belangt wurden, zahlte die breite Bevölkerung die Zeche. Die Wut darüber bereitete radikalen politischen Strömungen den Boden.

Die Finanzkrise schwappte bald auf Europa über und von der privaten Wirtschaft bald zu den öffentlichen Finanzen über. Besonders schwer waren die Verwerfungen in Griechenland, wo die Staatsverschuldung auf mehr als 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts explodierte. Nationalistische Strömungen und Parteien erlebten einen Aufschwung.

Eine Analyse der Wissenschaftler Christoph Trebesch und Manuel Funke vom Kieler Institut für Weltwirtschaft kommt zu dem Schluss, dass rechte Parteien durch die Finanzkrise gestärkt wurden. Die Lega in Italien, die AfD in Deutschland, die norwegische Fortschrittspartei oder die Finns-Partei in Finnland seien "Kinder von Finanzkrisen", schreiben sie. Sie würden stark disruptiv auf die politischen Systeme wirken. "Zwei-Parteien-Systeme, die Jahrzehnte lang stabil waren, wurden hinweggefegt, lange regierende Parteien mussten plötzlich einstellige Wahlergebnisse verkraften, während populistische Parteien politischen Zulauf bekamen."

Krisenbarometer 2018

Ob der Finanzsektor heute krisenfester ist wird vielfach bezweifelt. In den USA ist die Trump-Regierung schon wieder dabei, die nach der Finanzkrise beschlossenen Gesetze der Obama-Ära zu lockern. Kritiker sehen immer noch zu wenig Schutz - vor allem weil die Banken nicht zu mehr Rücklagen und höheren Eigenkapitalquoten verpflichtet würden, die staatliche Rettungsmaßnahmen nicht mehr erforderlich machen würden. Und eine der gravierendsten Folgen für die Bürger sind heute die niedrigen Zinsen, mit denen Banken und die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen sollten.

"Auch dank niedriger Zinsen explodieren Mieten und Hauspreise, und die private Altersvorsorge vieler schmilzt dahin. Zudem geraten Lebensversicherungen zunehmend unter Druck. Und Sparer sind noch immer provisionsgetriebener Finanzberatung ausgesetzt", kritisiert etwa der deutsche Finanzexperte Gerhard Schick.

Commerzbank-Chefökonom Krämer ist zwar mit Blick auf den Euroraum der Ansicht, dass die Bankenaufseher wichtige Konsequenzen gezogen hätten, er sieht aber dennoch Probleme. So würden die Notenbanken Übertreibungen an den Finanzmärkten durch lockere Geldpolitik begünstigen. "Ein weiteres Risiko, das auch zehn Jahren nach der Lehman-Pleite nicht gelöst ist, ist der schlechte Zustand der öffentlichen Finanzen in vielen Ländern der Währungsunion." So seien die Staatsschulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt mit Ausnahme von Deutschland und Malta in allen Euroraum-Ländern höher als vor dem Lehman-Kollaps. "In Italien, Spanien und Griechenland sind sie sogar deutlich höher als 2009 vor Ausbruch der Staatsschuldenkrise." Die Lage bleibt also fragil.

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