10 Jahre Lehman-Pleite: "Herausragende Fiskalpolitik"

Nationalbank-Ökonomin Helene Schuberth

Nationalbank-Ökonomin Helene Schuberth

Nationalbank-Ökonomin Helene Schuberth über die konzertierte Rettungsaktion nach dem Fall von Lehman Brothers, Schattenbanken - und die neuen Gefahren eines Deregulierungswettlaufs.

trend: Ist unser Wirtschafts- und Finanzsystem heute sicherer als vor 2008?
Helene Schuberth: Was das Bankensystem betrifft, definitiv ja. Dass die Banken heute höhere Eigenkapitalquoten haben und Liquiditätsvorschriften erfüllen müssen, ist das Resultat der Regulierungsreform Basel III. Global gesehen fällt die Antwort differenzierter aus. So sind die Verschuldungsquoten sämtlicher volkswirtschaftlicher Sektoren heute höher als vor der Krise, das hängt insbesondere mit dem Schuldenaufbau in den Emerging Markets zusammen.

trend: Die Banken standen nach der Krise im Zentrum der Regulierung. Zu sehr?
Helene Schuberth: Auslöser der Krise war die zu laxe Kreditvergabe an Immobilienkäufer in den USA. Die Kombination aus exzessiver Kreditvergabe der Banken und steigenden Vermögenspreisen, der sogenannte Kreditzyklus, stand zu Beginn im Zentrum der Krisenanalyse und der regulatorischen Anstrengungen. Dabei hatte man das Schattenbankensystem zu wenig im Fokus, auch weil viele Daten erst erhoben werden mussten.

trend: Ist dieses Schattenreich heute größer geworden?
Helene Schuberth: Der ESRB (European Systemic Risk Board, Anm.) macht dazu ein jährliches Monitoring. Zuletzt betrug das Schattenbankensystem in der EU 40 Prozent des EU-Finanzsystems; das entspricht etwa 270 Prozent des EU-BIP. Vor der Krise lag letzter Wert bei etwa 150 Prozent. Nun ist dieser Bereich zwar nicht zur Gänze unreguliert - aber hier sind sicher weitere Anstrengungen nötig.


Mario Draghis "Whatever it takes" hat in beeindruckender Art und Weise die magische Wirkung von Worten gezeigt.

trend: Oft wurde die Krise mit der Großen Depression der 1930er verglichen. Dennoch war die Bewältigung offensichtlich erfolgreicher. Warum?
Helene Schuberth: Es waren genau die traumatischen Erfahrungen der 1930er, die die internationale Staatengemeinschaft 2007 und 2008 dazu gebracht haben, angesichts des drohenden Kollapses in konzertierter Art und Weise zu agieren. So haben die Zentralbanken weltweit schon im Sommer 2007, als der Interbankenmarkt zusammenbrach, das System mit Liquidität unterstützt. Nach Lehman kam es dann zu einer weiteren Eskalationsstufe. Neben der Geldpolitik war vor allem auch die Fiskalpolitik herausragend: Allein die USA haben zwischen 2008 und 2010 um die sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Konjunkturprogramme verwendet, Deutschland rund drei Prozent, Österreich über zwei Prozent, China sogar um die zehn Prozent.

trend: Aber auch die Bankenrettungskosten waren enorm.
Helene Schuberth: Das stimmt. Der starke Anstieg der Staatsschulden in den Jahren nach der Krise hängt jedoch nur zum Teil damit zusammen. Stärker kamen die automatischen Stabilisatoren im Zuge des drastischen Wirtschaftseinbruchs zum Tragen: höhere Aufwendungen für Arbeitslosengelder, niedrigere Steuereinnahmen etc. Aber durch die expansive Politik nach 2008 ist es wider Erwarten gelungen, dass sich die Wirtschaft ab 2010 wieder erholt hat. In den USA sehen wir seitdem moderates Wachstum. Dass es in der Eurozone eine Double-Dip-Rezession gab, hängt mit der, wie wir wissen, nicht idealen Konstruktion des Euroraums und mit der ab 2011 verfolgten restriktiven Fiskalpolitik zusammen.

trend: Berühmt geworden ist Mario Draghis Satz 2012, die EZB werde alles tun, um den Euro zusammenzuhalten.
Helene Schuberth: Damals waren bereits vier Krisenländer unterm Rettungsschirm und es gab noch nicht einmal den Europäischen Stabilitätsmechanismus. Das "Whatever it takes" hat in beeindruckender Art und Weise die magische Wirkung von Worten gezeigt. Heute ist die Situation deutlich stabiler und entspannter. Und es gibt Instrumente, um eine allfällig wiederkehrende Krise des Euroraums zu bekämpfen.

trend: Sie sehen nicht die Gefahr, dass die überall stark gewordenen nationalistischen Parteien das Rad wieder zurückdrehen werden?
Helene Schuberth: Ich kann mich dazu nur allgemein äußern. Die Gefahr der Renationalisierung besteht, in den USA gibt es auch erste Deregulierungstendenzen im Bankensystem. Das widerspricht jedoch dem im April 2009 formulierten Prinzip der G20, dass jedes Finanzinstrument und jedes Finanzinstitut global ähnlich reguliert werden soll. Es ist so viel Anstrengung in eine Reregulierung des Finanzsystems gesteckt worden, dass ich mir einen Deregulierungswettlauf in den nächsten Jahren nicht vorstellen kann und will.


Zur Person

Helene Schuberth leitet die Abteilung für die Analyse wirtschaftlicher Entwicklungen im Ausland der OeNB. Sie hat im von Hannes Androsch (u. a.) herausgegebenen Band "1848 -1918 - 2018" (Brandstätter Verlag) einen Beitrag über die Folgen der Lehman- Pleite verfasst.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 32-34/2018 vom 10. August 2018 entnommen.

Geldanlage: Beim Nutzen von Chancen sind die Österreicher nicht Weltmeister.

Geld

So schlechte Anleger sind Österreicher im EU-Vergleich

Italien: Was die Wirtschaft zum Kollabieren bringen könnte

Geld

Italien: Was die Wirtschaft zum Kollabieren bringen könnte

Geld

Top Wall-Street-Aktien jetzt auch in Wien handelbar