Lebensversicherungen: Kunden flüchten aus Produkten

Lebensversicherungen: Kunden flüchten aus Produkten

Der Garantiezins wird durch strenge Vorschriften für Versicherungen teurer, Kunden flüchten in Scharren.

Die niedrigen Zinsen und die gestiegenen Vorschriften, um das Risiko zu minimieren, setzen Lebensversicherungen mehr denn je unter Druck. Die Nachfrage nach Lebensversicherungspolizzen bricht ein, Produkte mit Garantiezins könnten sogar vom Markt genommen werden. Aber es gibt Lebensversicherungs-Produkte, die sich vergleichsweise gut gehalten haben.

Die Lebensversicherungen kommen von zwei Seiten massiv unter Druck: Von der EU, die Eigenkapitalvorschriften für Versicherungen seit Anfang 2016 deutlich verschärft hat, und vom Zinsumfeld, das weiter sinkt. So sind Versicherungen zum einen seit Jahresbeginn gezwungen ihr Eigenkapital kräftig zu erhöhen, um bei Systemschocks Risiken in die Pleite zu schlittern, zu minimieren. Alleine in Deutschland soll dadurch für die Versicherungen ein zusätzlicher Kapitalbedarf in Milliardenhöhe entstehen. Nun prüft die EU, ob die österreichischen Versicherungen in der Lage sind, diese höhere Eigenkapitalvorschriften zu erfüllen und führt deshalb nach den Banken nun auch bei den Assekuranzen einen Stresstest durch.

Produkte mit Mindestertragsgarantie könnten vom Markt verschwinden

Die Eigenkapitalvorschriften der EU, die seit heuer gelten, haben es in sich - auch für Anleger in Lebensversicherungen. So hängt die Höhe der erforderlichen Rückstellungen vom Zinsumfeld ab. Bei einer flachen Zinskurve sind bei kürzeren Laufzeiten die Zinsen aber bereits negativ. Damit setzt sich die aktuelle Ertragsvernichtungsspirale in verschärfter Gangart fort. Denn je niedriger die Zinsen, umso höher der geforderte Eigenkapitalpolster, den die Versicherungen schaffen müssen. Aber auch höhere Erträge zu höheren Risiken eingehen, ist für die Versicherungen ebenso fatal. Je mehr Risiken sie eingehen, umso mehr Eigenmittel müssen diese unterlegen. In beiden Fällen verteuern sich die Kosten für den Garantiezins - was wiederum die Verbindlichkeiten der Versicherungen erhöht. Letztlich werden die strengeren EU-Vorschriften dazu führen, dass die Versicherungen noch vorsichtiger agieren werden, um die Eigenmittelanteil nicht noch höher aufstocken zu müssen.

Noch mehr Staatsanleihen als Ausweg

"Die Lebensversicherer werden leider noch konservativer investieren, als sie eh schon sind", so Url und somit noch stärker in Staatsanleihen Investieren - was sich wiederum auch negativ auf die Erträge für die Versicherungsnehmer auswirken werde. Nur die Schwankungen im Eigenmittelbedarf könnten so einfacher abgesichert werden. Das Fazit von Wifo-Experten Thomas Url zu den noch strengen Eigenmittelvorschriften: „Die Lebensversicherungen kommen mit den EU-Vorgaben nur schwer zurecht." Das würden Vorstudien zum aktuell laufenden Stresstest der EU-Assekuranzaufsicht EIOPA deutlich zeigen. Die Folgen könnten für Kunden drastisch sein: "Lebensversicherungspolizzen mit einer Mindestertragsgarantie könnten wegen des hohen Eigenmittelbedarfs vom Markt genommen oder nur mehr mit abgeschwächten Garantieformen angeboten werden", analysiert Url. Aufgefettet werden können Kapitalpolster nur entweder aus den selbst erwirtschafteten Gewinnen, oder die Aktionäre müssen mehr Eigenmittel zuschießen. Erträge zu erwirtschaften, wird für Versicherungen als auch für Kunden in jedem Fall noch schwieriger. "Die kapitalgedeckten Altersvorsorge ist dadurch gefährdet", resümiert Url.

Das Zinsdilemma dürfte noch lange anhalten. Laut Prognosen von Wifo-Finanzexperten Url wird der Realzins bis mindestens 2020 negativ sein wird, wenn nicht sogar bis 2023. Entsprechend spät wird wohl auch die von der EU-Versicherungsaufsicht EIOPA langfristig angenommene Konvergenz zu einem Wert von 3,75 Prozent erreicht werden - zusammengesetzt aus 2 Prozent Inflation und 1,75 Prozent Durchschnittswert für den Realzinssatz im Euroraum. Dieser Wert, so Url, werde wohl erst in der ferneren Zukunft, in etwa 80 Jahren, erreicht sein, das sei aber eine für Versicherer relevante Zeitspanne, etwa "wenn die Oma fürs Enkerl bei der Geburt eine Lebensversicherung abschließt".

Auch Finanzmarktaufsicht schließt Ende des Garantiezins nicht aus

Die österreichische Finanzmarktaufsicht FMA dürfte den höchstzulässigen Zinssatz, den Lebensversicherer ihren Kunden bei Vertragsabschluss versprechen dürfen, im kommenden Jahr von derzeit 1,0 auf 0,5 Prozent absenken. Dass damit das Ende der Fahnenstange erreicht ist, glaubt auch FMA-Chef Helmut Ettl nicht.
"Wenn die Zinsen weiter sinken, droht auch der Garantiezins auf Null zu sinken."

Einbruch beim Prämienvolumen


Der sinkende Garantiezins hat auch Auswirkungen auf das Geschäft. Das Prämienvolumen in den ersten sechs Monaten2016 bei Lebensversicherung von 3,16 Milliarden Euro um 12,6 Prozent gesunken. Derzeit machen Lebensversicherungen rund 34 Prozent des gesamten Prämienvolumens aus. Erfolgsprodukte in diesem schwierigen Markt erweisen sich Fonds- und Indexgebundene Lebensversicherungen. Der Anteil der Prämien an den gesamten Prämien der Bilanz Leben stiegt in den vergangenen zwölf Monaten von 20,9 auf 23,5 Prozent.

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