Kursrutsch: Der Beginn eines Crash?

Kursrutsch: Der Beginn eines Crash?

Noch ist der Bulle an den Börsen nicht ernsthaft ins Wanken geraten. Doch einzelne kräftige Rückänge sind nicht auszuschließen.

An der Börse rutschen seit Mitte Juni die Kurse. Sind das nun die ersten Vorboten für den großen Crash? Womit Anleger in Europa und den USA in den kommenden Monaten rechnen sollten.

Die letzten Wochen waren für Anleger nicht einfach. Nach dem deutlich besser als prognostizierten Jahresbeginn, hat sich die Jahresanfangsrallye seit Mai bei US-Börsen in eine Schaukelbörse verwandelt. Das heißt, einmal geht es rauf, dann wieder runter. Beim deutschen Börsenbaromter Dax ist die Richtung schon etwas eindeutiger - nämlich nach unten.

EZB verunsichert Börsen

Schuld an der Rüttelbörse ist auch ein Europäer. Mario Draghi. Der EZB-Boss hat vorsichtig, aber doch angekündigt, dass die Zeit des billigen Geldes ein Ende nehmen wird. Wenn eine abrupte Kehrtwende auch nicht zu erwarten ist. Doch das hat gereicht, um die Anleger zu verunsichern. Denn steigende Zinsen bedeuten, gerade in einem stark gestiegenen Aktienmarkt, dass Anleihen, durch das höhere Zinsniveau tendenziell wieder interessanter werden.
Das deutsche Börsenbarometer Dax ist seit dem 20. Juni um fast vier Prozent, relativ kontinuierlich, abgesackt. Der US-Aktienindex S&P steht nach ein paar heftigen Ausschlägen seit 19. Juni bei einem Minus von knapp drei Prozent. Beide Indizes sind zwar gerade wieder am Weg nach oben, aber viele fragen sich nun, ob diese heftigen Kursturbulenzen die ersten Anzeichen einer großen Korrektur sind. Gelten volatile Börsen oft als Vorboten eines größeren Kursrutsches.

Konjunkturwachstum auf höchstem Niveau seit zehn Jahren

Betrachtet man den langen Aufschwung an den Börsen und den Konjunkturaufschwung wäre es wenig verwunderlich. Der Dax hat das Vermögen der Anleger in den vergangenen zwölf Monaten Anleger um 31 Prozent vermehrt, in fünf Jahren um insgesamt knapp 100 Prozent. Die deutsche Wirtschaft wächst bereits das 11. Quartal in Folge. Die Wirtschaft der Eurozone wuchs im ersten Quartal 2017 das 16. Quartal hinter einander. In Deutschland stieg der ifo-Geschäftsklimaindex im Juni auf ein neues Allzeithoch. Der Geschäftsklimaindex in der Eurozone kletterte im Juni auf den höchsten Stand seit 10 Jahren. Der globale Aufschwung ist damit in einem späten Zyklus. Grund zur Beunruhigung sehen Experten derzeit aber dennoch nicht. Denn große Veränderungen sind nicht in Sicht. Die Konjunktur ist robust und das nicht wie häufig in einzelnen Teilen der Welt, sondern rund um den Globus. Der S&P ist in fünf Jahren um rund 80 Prozent gestiegen.

EZB dürfte erst Anfang 2018 auf starken Aufschwung reagieren

Trotz der Ankündigung Draghis ist von der Geldpolitik, dies- und jenseits des Atlantiks, kein überraschendes Zinsmanöver zu erwarten. Zwar hat der EZB-Chef im Juni zum ersten Mal einen Kurswechsel angedeutet und damit seine grundsätzliche Bereitschaft auf die anhaltende Konjunkturerholung in Europa zu reagieren, signalisiert. Eine abrupte Zinswende, die die Märkte durcheinanderwirbelt, ist allerdings nicht zu erwarten. Commerzbank -Volkswirt Michael Schubert prognostiziert: "Die EZB wird ab Anfang 2018 ihre Anleihenkäufe langsam zurückfahren." Anzeichen für eine Zinserhöhung vor dem Ende der Käufe kann er nicht erkennen.

US-Zinswende ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Börsen

Doch selbst die kurzfristige Nervösität der Anleger aufgrund der angekündigten Wende der Geldpolitik, dürfte nur von kurzer Dauer sein. Vergleicht man die Entwicklung des US-Aktienmarktes seit der ersten Zinserhöhung nach der Finanzkrise, zeigt sich, dass Zinserhöhungen seither nicht zu fallende Aktienkursen geführt haben.

Unternehmensgewinne auf Rekordniveau

Die Ergebnisse der Unternehmen im Dax sind auf Rekordniveau. Die US-Konzerne aus dem Aktienindex S&P 500 konnten im ersten Quartal die Gewinnerwartungen übertreffen. Die Gewinne pro Aktie sind im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent gestiegen.

Dax mit Kurspotential in zweistelliger Höhe

Experten bringt das aktuelle Auf und Ab im Dax aufgrund des hohen Wirtschaftswachstums und der hohen Unternehmensgewinne nicht aus der Ruhe. Für die Entwicklung des Dax geben die Chartechniker der Commerzbank Anlegern vielmehr grünes Licht zum Investieren. Sie erwarten, dass der deutsche Aktienindex heuer noch auf 13.000 Punkte steigt, unter Umständen sogar auf 13.800. "Der Aufwärtstrend, ist trotz Rücksetzer, intakt", so das Resümee von Commerzbank-Experten Anouch Wilhems. Das wäre vom aktuellen Stand von 12.460 Punkten ein Kurszuwachs von rund elf Prozent.
Nach Einschätzung von Dirk Heß von der Citigroup ist der Dax aus fundamentaler Sicht, also auf Grundlage einer Bewertungsanalyse, bei 13.900 Punkte fair bewertet. Das die aktuelle Korrektur noch ein Stück weiter geht, schließt er dennoch nicht aus. "Entweder man freut sich über einen Rabatt von vier Prozent und steigt jetzt wieder ein oder man wartet noch und hofft auf weitere Rückgänge", so Wilhems.

16 Prozent Kurrückgang nötig, dass der S&P wieder fair bewertet ist

Ein völlig anderes Bild sehen die Experten der Commerzbank und der Citigroup für US-Börsen. Dort sind nicht nur die Aktien deutlich höher bewertet als in den USA. Dort gewinnen Anleihen gegenüber Aktien deutlich an Attraktivität. So gewährt die USA für langlaufende Staatsanleihen bereits 2,3 Prozent jährliche Zinsen, in Deutschland sind er gerade einmal 0,5 Prozent. Wer mit einer Jahresrendite von vier Prozent für Aktien kalkuliert und dem die deutlich risikoärmeren US-Anleihen stellt. Um auf Basis des Zinsniveaus und den Unternehmengewinne als fair bewertet zu gelten, müsste laut Berechnungen der Commerzbank der Dow Jones, der US-Börsenindex, um ein Sechstel zurückgehen. Beim S&P der noch stärker gestiegen ist, "hat der Markt 16 Prozent Luft nach unten", so Heß.

Diese Bewertungslücke könnten US- Unternehmen zwar ausgleichen, aber dazu müssten die Gewinne wesentlich stärker anziehen als zuletzt und auch der Dollar müsste wieder an Stärke gewinnen, so das Urteil des Citibank-Analysten. Auch Konjunkturerleichterungen, wie das angekündigte Steuererleichterungspaket für US-Unternehmen, könnte für zusätzlichen Börsenschub sorgen.

Aber die Gefahr von deutlichen Rückschlägen nach unten scheinen von Topmanager nicht allzu hoch eingeschätzt zu werden. Sie wurden von der Frankfurt School of Finance & Management kürzlich zu diesem Thema befragt.

Mit Put-Optionen und Bonuszertifikaten sich vor Abstürzen schützen

Die Commerzbank empfiehlt zur Absicherung Put-Optionen auf Aktienindizes wie den Dax oder den S&P. "Funktioniert wie eine normale Versicherung, allerdings muss man dafür rund zwei, drei Prozent des eingesetzten Geldes kostet." Anleger können so das Risiko auf Null reduzieren. Wenn der Markt um nicht mehr steigt, ist nichts gewonnen, aber dafür ist man gegen Kursverluste abgesichert. "Die Idee ist jedoch, dass man glaubt, dass die Kurse weiter steigen", so der Commerzbank-Experte.
Bei der Citigroup sind derzeit deshalb vor allem Bonuszertifikaten und Garantieprodukte stark nachgefragt. Dort steht nicht der Absicherungsgedanke im Vordergrund, sondern die Markterwartung. Wer glaubt, dass der Markt sich seitwärts oder leicht rückläufig entwickeln könnte, sind solche Produkte geeignet.

Die nächste Bewährungsprobe für die Märkte kommt mit der anstehenden Berichtssaison. Große Kurszuwächse sollte man im zweiten Halbjahr allerdings, nach dem starken Anstieg, insgesamt nicht erwarten. Sind die Kurse doch bereits im ersten Halbjahr ansehnlich gestiegen. Der Dax legte um acht Prozent zu, der ATX gar um 19 Prozent, die US-Techbörse Nasdaq um sieben Prozent und der Eurostoxx 50 um fünf Prozent.

Kommentar
Franz C. Bauer, trend-Redakteur

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