„Kryptowährungen sind als Anlageprodukte nicht geeignet“

Bitcoins: Ein Ende des Auf und Ab der Kryptowährung ist nicht in Sicht.

Bitcoins: Ein Ende des Auf und Ab der Kryptowährung ist für Finanzexperte Manuel Ammann nicht in Sicht.

Wer in Bitcoins oder andere Kryptowährungen investiert hat braucht starke Nerven. Ihre Volatilität ist enorm, Schwankungen von 1.000 Dollar pro Tag sind keine Seltenheit. Manuel Ammann, Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen, rät im trend- Interview dringend davon ab, darin zu investieren.

trend: Herr Ammann, im vergangenen Jahr haben Kryptowährungen – und besonders der Bitcoin – eine enorme Wertsteigerung erlebt. Danach hat sich ihr Wert fast halbiert. Aus vielen Kommentaren zu unseren Artikeln war herauszulesen, dass die Euphorie trotzdem weiter angehalten hat und dass die Mehrheit den Kursrutsch nur als Gelegenheit gesehen hat, weiter zu investieren. Was sagen Sie als Experte, wenn Sie so etwas hören?
Manuel Ammann: Ich stelle grundsätzlich keine Prognosen auf, da systematisch treffsichere Prognosen auf Finanzmärkten unmöglich sind. Das ist aber eine grundsätzliche Erkenntnis, die auch auf andere Anlageformen zutrifft. Bei Bitcoins gibt es allerdings noch spezielle Risikoelemente. Wenn man sich ansieht, wie ihr Wert gestiegen ist, dann gib es deutliche Hinweise darauf, dass hier eine Blasenbildung vorliegt. Entsprechend rate ich zur Vorsicht. Die Blase kann bald platzen.

trend: Vielfach werden Kryptowährungen trotzdem bereits als die Währungen der Zukunft bezeichnet und argumentiert, dass der Wert klassischer Währungen auch ein rein fiktiver ist.
Manuel Ammann: Da bin ich anderer Meinung. Klassische Währungen sind immer noch mit anderen Werten unterlegt. Notenbanken führen eine Bilanz, und darin gibt es eine Aktiv- und eine Passiv-Seite. Der Geldumlauf steht auf der Passiv-Seite, und auf der Aktiv-Seite gibt es Gold, Devisen und andere Vermögenswerte. Man kann argumentieren, dass die Werthaltigkeit auch dieser Assets nur soweit reicht wie der allgemeine Glaube daran, aber es gibt zumindest einen Wert, der den des Geldes begründet. Bei Bitcoins ist das anders. Sie sind mit nichts hinterlegt.

trend: Wie erklärt sich dann der enorme Wertanstieg der Bitcoins?
Manuel Ammann: Es ist ähnlich wie beim Gold: Der Wert ergibt sich daraus, dass genügend Leute daran glauben, dass der Wert bleiben oder weiter steigen wird. Bitcoins sind kein verbreitetes Zahlungsmittel, keine echte Währung und generieren keine Erträge. Transaktionen sind teuer. Die Technologie ist ineffizient und ökologisch fragwürdig. Es geht letztlich nur um Wertaufbewahrung und Spekulation. Im Unterschied zu Gold, bei welchem die Wertaufbewahrung seit ein paar Jahrhunderten funktioniert hat, ist dies bei Bitcoin völlig ungewiss.


Auch besonders schöne Muscheln oder Tulpenzwiebeln sind nur in einer begrenzten Zahl verfügbar.

trend: Bei Bitcoins wird immer wieder argumentiert, dass ihre Limitierung auf 21 Millionen Stück einen Wert begründet.
Manuel Ammann: Bei Bitcoins wurde das Angebot zwar glaubwürdig begrenzt, das alleine begründet aber noch keinen Wert. Auch besonders schöne Muscheln oder Tulpenzwiebeln sind nur in einer begrenzten Zahl verfügbar. Es braucht auch eine entsprechende Nachfrage, damit aus einem begrenzten Angebot ein Wert entsteht.

trend: Bitcoins werden ja schon seit dem Jahr 2009 gehandelt. Wie erklären Sie sich denn, dass die Nachfrage gerade im letzten Jahr derart angezogen hat?
Manuel Ammann: Im Nachgang der Finanzkrise entstand eine gewisse Sorge, dass das Gelddrucken der Nationalbanken zu einer massiven Inflation führen könnte, was die Suche nach alternativen Wertanlagen gefördert hat. Bei anderen Sachwerten wie Aktien, Immobilien und alternativen Anlagen bis hin zu Kunstgegenständen und alten Autos gab es daher auch deutliche Wertsteigerungen. Die historisch tief gefallen Zinsen begünstigten die Wertentwicklung ertragsloser Anlagen besonders. Letztlich ist aber der Zeitpunkt solcher Wertsteigerungen und Blasenbildungen nicht prognostizierbar.

trend: Kryptowährungen werden online auch mit dubiosen Videos beworben, in denen hohe Gewinne in Aussicht gestellt werden. Erreicht man damit eine Schicht, die besser nicht investieren sollte?
Manuel Ammann: Diese Form der dubiosen Werbung gibt es nicht nur bei Kryptowährungen, sondern auch bei auch anderen Anlageformen. Und alle anderen Betrügereien ebenso, das ist nicht Bitcoin- oder Krypto- spezifisch. Aufgrund ihrer Neuheit, der fehlenden Erfahrung der Investoren und der rudimentären Regulierung eignen sich Kryptowährungen aber möglicherweise besonders gut als Vehikel für unseriöse Geschäftemacher. Zudem begünstigt die Anonymität der Bitcoins deren Einsatz für illegale Geschäfte.


Die meisten dieser Coins werden wieder verschwinden.

trend: Würden Sie als Experte Investments in Kryptowährungen empfehlen?
Manuel Ammann: Nein. Kryptowährungen haben noch keine Anlagequalität und sind daher auch nicht zur Geldanlage geeignet. Sie sind Spekulationsobjekte. Es gibt natürlich Leute, die damit viel Geld verdienen und verdient haben. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Durchschnittsinvestor damit Geld verlieren wird. Die aktuelle Goldgräberstimmung und die Tatsache, dass neue Kryptowährungen wie Pilze aus dem Boden schießen, mahnen zur Vorsicht. Die meisten dieser Coins werden wieder verschwinden. Trotzdem könnten aus dem aktuellen Boom nützliche Produkte entstehen, welche sinnvolle Anwendungen und langfristiges Potential haben. Möglicherweise werden sich irgendwann auch einige Kryptowährungen am Markt etablieren.

trend: Mittlerweile haben sogar einzelne Staaten damit begonnen, eigene Kryptowährungen herauszubringen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Manuel Ammann: Das kann durchaus interessant sein. Staatliche Kryptowährungen können eine Ergänzung zu traditionellen Währungen sein, keine Alternativwährungen. Und sie wären eine Möglichkeit, um den Bürgern direkt Zentralbank-Geld zur Verfügung zu stellen, ohne es in Noten drucken zu müssen. Aktuell ist es ja nur Banken möglich, bei den Zentralbanken Konten zu unterhalten. Die Bürger wären so weniger abhängig vom Bankensystem. Es gilt allerdings auch hier, die Konsequenzen genau durchzudenken. Möglicherweise würde eine solche leichte Verfügbarkeit von digitalem Zentralbankgeld das Bankensystem verwundbarer statt sicherer machen, wenn in unsicheren Zeiten die Bürger ihr Geld schnell von den Banken abziehen und zur Zentralbank in Sicherheit bringen können.

trend: Der große Kursrutsch bei Bitcoins und etlichen anderen Kryptowährungen liegt zwar nun schon einige Monate zurück, aber die Wertschwankungen sind immer noch enorm, liegen mitunter bei 1.000 Dollar pro Tag. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Manuel Ammann: Ich kann mir gut vorstellen, dass die hohe Volatilität anhält. Die Liquidität in diesen Märkten ist meist gering, weshalb es zu großen Preisschwankungen kommen kann, wenn sich die Zukunftseinschätzungen der Akteure ändern. Und ändern werden sich diese noch oft und deutlich.


Zur Person

Manuel Ammann

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Manuel Ammann ist ordentlicher Professor für Finanzen an der Universität St.Gallen und Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen. An der Universität St.Gallen leitet er unter anderem das Masterprogramm für Banken und Finanzen. Zuvor lehrte Manuel Ammann als Assistenzprofessor an der University of California in Berkeley und war Postdoctoral Fellow an der New York University. Seine Forschungsgebiete sind Finanzmärkte, derivative Instrumente und Portfoliomanagement. Er ist regelmäßig als Gutachter und Berater für Finanzinstitutionen und die öffentliche Hand tätig und ist Verwaltungsratsmitglied bei der St. Galler Kantonalbank und der Algofin AG.

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