KESt-Freiheit für Wertpapiergewinne - letzte Chance für Eigenvorsorge

"Die KESt-Freiheit von Wertpapiergewinnen ist die letzte Chance für die Eigenvorsorge, die Volkswirtschaft und den Aktienmarkt", meint Finanzmarkt-Spezialist Erich Pitak und betont: "Besser dreifach geimpft als dreifach besteuert."

KESt-Freiheit für Wertpapiergewinne - letzte Chance für Eigenvorsorge

Dreifachbesteuerung der Eigenvorsorge: Anlegern bleibt das volle Risiko und der magere Rest.

Mehr hat er nicht gebraucht, der neue Finanzminister Magnus Brunner. Gegen seinen vernünftigen Vorschlag, das Regierungsprogramm ÖVP-Grüne endlich umzusetzen, formiert sich schon eine Phalanx der Verhinderer. Steuerfreie Wertpapier-Kursgewinne nach einer Behaltefrist sollen die Eigenvorsorge attraktiver machen – wo kämen wir da hin?

Die politische Linke verunglimpft Aktionäre als Spekulanten und sieht Eigenvorsorge kritisch, weil sie Konkurrenz zum Umlagesystem fürchtet. Auch manche Versicherung schießt quer: Eine möglichst lange Behaltefrist soll Eigenvorsorge unattraktiv machen, um Konkurrenz zu Versicherungsprodukten zu verhindern. Andere beklagen, dass 27,5% KESt niedriger als die Lohnsteuerbelastung seien.

Wie schaut eine vereinfachte Berechnung für Lohn- oder Einkommensteuerpflichtige tatsächlich aus?

  • Zuerst zahlen Steuerpflichtige bis zu 50% Grenzsteuersatz. Aus dem bereits versteuerten (!) Nettolohn kauft er/sie jetzt Aktien zur Eigenvorsorge.
  • Die Gewinne in der AG werden mit Körperschaftsteuer (KÖSt) belastet.
  • Aus dem verbleibenden Nettogewinn(!) werden – hoffentlich – Dividenden bezahlt, mit KESt belastet. Ein realisierter Wertzuwachs bei Aktien wird ebenfalls mit 27,5% KESt besteuert.

Nur letzteres will der Finanzminister ändern. ESt – KÖSt – KESt, dem Anleger bleibt nur der Rest. Eigenvorsorge wird durch dieses „Trio infernale“ also dreifach besteuert.

Hoffentlich ist dreifach geimpft besser als dreifach besteuert, im Englischen reimt es sich sogar: „better triple vaxxed than triple taxed“.


Für Behaltefrist von einem Jahr, ab dann KESt-Freiheit, spricht:

  • Österreichs Wirtschaft hat zu wenig Eigenkapital, ist also zu sehr von Bankkrediten abhängig. Wenn in einer neuen Wirtschaftskrise kreditgebende Banken in Schwierigkeiten geraten, müsste der Staat (= Steuerzahler) einspringen. Der langfristige volkswirtschaftliche Nutzen besserer Eigenkapitalausstattung übersteigt den KESt-Entfall.
  • Wer ein Jahr lang der Wirtschaft dringend benötigtes Eigenkapital zur Verfügung stellt, ist kein Spekulant, sondern hat sich für das Eingehen von vollem Aktienrisiko steuerfreie Kursgewinne verdient.
  • Immer weniger Junge müssen immer mehr Alte erhalten. Dem Umlagesystem zur Pensionsfinanzierung drohen langfristig Schieflagen; deshalb ist dringend ergänzende Eigenvorsorge erforderlich. Behauptungen wie „Die Pensionen sind sicher“ sind ungedeckte Schecks auf die Zukunft und gehen in Richtung Pyramidenspiel – Charles Ponzi und Bernie Madoff lassen grüßen.
  • Österreicher legen viel zu sehr in Sparbüchern an; durch Inflation werden diese Guthaben schleichend enteignet.
  • Eine Behaltefrist von einem Jahr würde Aktien nicht mehr gegenüber Gold, Edelsteinen, Oldtimern etc. benachteiligen, die auch nach einem Jahr steuerfrei verkauft werden dürfen.
  • Eine längere Behaltefrist bringt nichts, weil sie nicht genügend neue Anleger zum Aktienkauf motiviert – angesichts kurzer Börsenzyklen. Anleger sollen selber entscheiden dürfen, ob sie Fonds und Aktien länger halten oder nicht, aber nicht durch eine lange Behaltefrist steuerlich faktisch dazu gezwungen werden.

Die Grünen könnten als Juniorpartner Wirtschaftskompetenz zeigen und für ihre Klientel eine noch attraktivere Regelung verhandeln. Etwa komplette KESt-Freiheit für klar definierte „grüne“ Investments im Gegenzug zur einjährigen Behaltefrist für übrige Veranlagungen.

Auch in den Programmen der Opposition finden sich Argumente für eine notwendige steuerliche Forcierung des direkten Aktienerwerbs. Ein tschechischer Milliardär greift gerade nach der Aktienmehrheit bei Immofinanz und S Immo. Dieser Ausverkauf ins Ausland wäre bei mehr inländischen Aktionären nicht so leicht möglich. Wo bleibt die „Österreich-Allianz“ zur Förderung von Eigenvorsorge und Sicherung der Arbeitsplätze? Soll unser Land zur fremdbestimmten, verlängerten Werkbank ausländischer Interessen werden?


Zur Person

Erich Pitak, CFA

Erich Pitak, CFA

Erich Pitak, Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger, Verfasser zahlreicher Gerichtsgutachten zum Thema „Anlegung von Mündelgeld“. Unabhängiger Risiko-Controller für Kammern, Verbände und Privatstiftungen sowie zertifizierter Aufsichtsrat und Stiftungsvorstand. Er ist Finanzmarkt-Spezialist mit 30-jähriger Praxis, Chartered Financial Analyst (CFA) und Financial Risk Manager (FRM).

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