Kernenergie-Aktien: spaltende Anlagen

Während Österreich und Deutschland am Bann der Kernenergie festhalten, entstehen auf der ganzen Welt neue und moderne Atomkraftwerke. Eine Chance für Investoren mit einem pragmatischen Zugang zur Energieversorgung der Zukunft.

Kernenergie-Aktien: spaltende Anlagen

Kernkraft-Aktien stehen bei zahlreichen Investoren wieder hoch im Kurs.

Bill Gates und Warren Buffett scheinen wieder einmal den richtigen Riecher gehabt zu haben. Der Gründer des Softwareriesen Microsoft will Hunderte Atomkraftwerke bauen. Und die Investorenlegende aus Omaha ist sofort auf den Plan aufgesprungen. Ihre vor einem halben Jahr gegründete gemeinsame Firma TerraPower und GE Hitachi Nuclear Energy wollen kostengünstige, schnelle Natriumreaktoren mit einem Salzschmelzen-Energiespeichersystem bauen. Diese sogenannten Small Modular Reactors (SMR) werden in der Fabrik vorgefertigt und dann vor Ort zusammengebaut. Der Kernbrennstoff wird in Form geschmolzenen Salzes, etwa Uranchlorid, im Kreislauf des Reaktors verteilt und mit flüssigem Natrium gekühlt. Eine Kernschmelze ist hier unmöglich. Lediglich das Problem der Entsorgung bleibt. Kostenpunkt eines SMRs: etwa eine Milliarde US-Dollar. Gates und Buffett wollen in den kommenden Jahrzehnten Hunderte ihrer Miniatomreaktoren auf der ganzen Welt aufstellen. Ihr Ziel: mit "grünen" Atomkraftwerken den Klimawandel stoppen.

Und natürlich auch daran zu verdienen. Denn seit Atomkraft ihre Renaissance erlebt, boomen auch die Aktien rund um das strahlende Business. Ein Beispiel: NextEra Energy (ISIN US65339F1012). Die Aktie des US-Energieproduzenten gilt eigentlich als "Green Stock", weil das Unternehmen rund die Hälfte seines Stroms aus Wind-und Solarenergie produziert. Doch es betreibt auch knapp zwanzig Atomkraftwerke in den USA. Und so entwickelt sich ihr Kurs für einen Versorger erstaunlich stabil. Während des Hypes der erneuerbaren Energie profitierte sie von dem Öko-Trend. Nachdem der abgeflacht ist, befeuert jetzt die Atomkraft den Kurs. Über fünf Jahre erzielte sie ein Plus von rund 170 Prozent (siehe Tabelle nächste Seite). Deutlich mehr als reine AKW-Betreiber.

AKW-Aktien

Die Aktie von NextEra ist auch ein gutes Beispiel für die Diskussion um Atomkraft, die durch die Klassifizierung der Kernenergie als nachhaltig in der Taxonomieverordnung der EU ausgelöst worden ist. Das bedeutet, dass Investments in Unternehmen rund um das Atomenergiebusiness als "grün" eingestuft werden. Und Ökofonds somit in Aktien von AKW-Betreibern, Serviceunternehmen oder auch Uranminen investieren können. Während Österreich und auch Deutschland dagegen ankämpften, profitieren nun jene Länder und Unternehmen von der Entscheidung, die auf einen Mix aus beiden Energiequellen setzen. Allen voran Frankreich. Das Land hat die höchste nukleare Versorgungsdichte der Welt. Staatschef Emmanuel Macron will nun auch Milliarden in den Bau von SMR-Meilern investieren - und in die Lösung des Entsorgungsproblems. Denn in der Taxonomieverordnung der EU wird auch festgehalten, dass Investitionen in neue AKWs nur dann als grün klassifiziert werden können, wenn auch ein konkreter Plan für den Betrieb einer Entsorgungsanlage für hoch radioaktive Abfälle ab spätestens 2050 vorgelegt wird.

Die Aktie von Électricité de France (ISIN FR0010242511) dürfte somit auch zu den großen Gewinnern der Renaissance der Kernkraft zählen. Der Konzern ist weltweit der größte Stromerzeuger. Fast 80 Prozent der von EDF jährlich produzierten 501.000 GWh Strom stammen aus Kernkraftwerken. Und der Anteil soll noch ausgebaut werden. Dem Vernehmen nach führt EDF Gespräche mit General Electric über dessen Atomkraft-Tochter in Europa. Die EDF-Aktie ist nach Problemen in zwei AKWs Mitte Dezember zwar um 15 Prozent abgetaucht, befindet sich jedoch schon wieder auf Erholungskurs. Auch Italien denkt schon wieder laut über einen Wiedereinstieg in die Atomenergie nach. Enel (ISIN IT0003128367) produziert 13 Prozent seiner Energie in Kernkraftwerken, die aber nicht in Italien liegen.

Atom-Trend

Neue Kernkraftwerke schießen jedenfalls rund um den Globus wieder aus dem Boden: Allein in China sind aktuell 13 neue Meiler im Bau. Aber auch Indien setzt massiv auf Atomenergie und hat jetzt sieben neue AKWs im Bau. Und Polen will ebenfalls ein Kernkraftwerk errichten, um die Energieversorgung des Landes langfristig sicherzustellen. Laut der in Wien ansässigen internationalen Atomenergiebehörde IAEA wollen derzeit 28 Staaten neu in die Atomenergie einsteigen. Die weltweite Kernkraftwerkskapazität wird sich bis 2050 auf 792 Gigawatt verdoppeln. "Unsere neuen Prognosen zeigen, dass die Kernenergie künftig eine unverzichtbare Rolle bei der kohlenstoffarmen Energieerzeugung spielen wird", sagt IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi.

Auch Österreich bezieht im Energiemix rund elf Prozent an Strom aus Kernkraftwerken aus anderen Ländern -auch wenn das Atomsperrgesetz die Nutzung der Kernspaltung für die Energieversorgung verbietet. Thomas Nowotny, früherer Diplomat und Ex-Sekretär von Bundeskanzler Bruno Kreisky, der das Land 1978 vergeblich in das atomare Zeitalter führen wollte, meint jedoch: "Österreich soll sich zur Sicherstellung der Versorgung mit Elektrizität jedenfalls an der Entwicklung der kleinen, modularen Atomreaktoren beteiligen. Das würde das Atomsperrgesetz nicht verhindern."

Grüne Fonds

Florian Hauer, Nachhaltigkeitsbeauftragter und Fondsmanager Kepler KAG

Doch für Investoren halten die heimischen Fondsgesellschaften an der eingeschlagenen grünen Linie eisern fest. Die Kepler KAG hat sich über viele Jahre einen Ruf als vertrauenswürdiger und vielfach ausgezeichneter Investor bei Nachhaltigkeitsfonds - etwa dem KEPLER Umwelt Aktienfonds T (ISIN AT000UMWELT5) aufgebaut. Florian Hauer, Nachhaltigkeitsbeauftragter und Fondsmanager bei Kepler, meint: "Wir werden unsere erfolgreiche Strategie jetzt sicherlich nicht aufgrund der neuen Taxonomieverordnung verlassen. Laut unserem Beirat ist Kernkraft für uns in der Anlageentscheidung ein 100-prozentiger Ausschließungsgrund." Lediglich Unternehmen, die bis zu maximal fünf Prozent des Umsatzes mit Servicedienstleistungen rund um Atomkraft erzielen, können in ein nachhaltiges Fondsportfolio aufgenommen werden. Hauer sieht aufgrund der "starken Emotionalisierung des Themas in der Bevölkerung" auch keine steigende Nachfrage für die Aufnahme von Kernkraftaktien in die Nachhaltigkeitsfonds von Kepler.

Walter Hatak, Head of Responsible Investments Erste KAG

Auch beim Asset Management der Erste Bank wird man die Nachhaltigkeitsstrategie nicht ändern. Walter Hatak, Head of Responsible Investments bei der Erste KAG, meint: "Bei jenen nachhaltigen Fonds, in denen Atomenergie schon bisher ausgeschlossen wurde, wird dies unabhängig von der EU-Taxonomie auch weiterhin so bleiben." Etwa bei dem ERSTE WWF Stock Environment R01 A Fonds (ISIN AT0000705660). Der Sinneswandel wird in der Erste Asset Management Gesellschaft aber genau beobachtet. Hatak: "Denn Studien gehen davon aus, dass sich durch die Integration von Atomenergie in der EU-Taxonomie deren Finanzierungskosten aufgrund der großen dahinterliegenden Kapitalströme spürbar reduzieren könnten und sich damit die Wettbewerbsfähigkeit von Strom aus Kernenergie erhöhen würde."

Investieren in Uran

Für pragmatische und risikoorientierte Anleger könnte auch der Treibstoff für Atomkraftwerke interessant werden: Uran. Für die derzeit weltweit in Betrieb befindlichen Reaktoren werden pro Jahr rund 170 Millionen Pfund Uranoxid benötigt. Die Minenproduktion deckt einen Teil dieser Bedarfsmenge derzeit noch ab. Doch seit 2015 weitet sich die Angebotslücke wieder stark aus. "Die Versorgungslücke beträgt derzeit rund 50 Millionen Pfund jährlich", weiß Christian Schärer, Manager des vom liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum aufgelegten Uranium Resources Fund (ISIN LI0224072749). Was sich auch am Kursanstieg des Fonds um 75 Prozent in einem Jahr ablesen lässt.

Und natürlich am Uranpreis selbst: Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich der Preis des strahlenden Metalls und hält derzeit bei 45 Dollar je Pfund. Diese Preissteigerungen betreffen freilich nur die an der Börse gehandelten Mengen. Die Aktie des US-Uranproduzenten Uranium Energy (ISIN US9168961038) legte in zwölf Monaten um insgesamt 110 Prozent zu. Da die AKW-Betreiber langfristige Lieferverträge zu fixen Preisen abgeschlossen haben, kommt es hier erst zu geringen Käufen über die Börse. Doch bis 2025 laufen zahlreiche dieser Verträge aus, dann sind 75 Prozent des zur Energieerzeugung benötigten Urans nicht mehr vertraglich abgesichert. Davon können die großen Uranförderunternehmen - und natürlich auch Anleger - profitieren.


Artikel aus trend. PREMIUM vom 14. Jänner 2022

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